Grenzland

Grenzland Veltlin Bergell Valposchiavo

Stationen einer Reise durch südliche Alpentäler der Schweiz und Italiens. In den folgenden Wochen werde ich in unregelmässiger Folge über meine Impressionen berichten und dazu ein paar lokale Gerichte nachkochen. Nicht mehr als etwa 5-10 posts. Stay tuned.

Annäherung an eine Landschaft, kulturell und kulinarisch, bedeutet für mich immer zuerst Annäherung an deren Geschichte. Das Veltlin war zwischen 1512 bis 1798 graubündnerisches Gebiet. Ein Spielball europäischer Machtpolitik, wechselnder Allianzen und von Gewalt. Interessant. Geschichte, aus der man lernen kann über das Verhalten der Menschen. Leider ist nur niemand bereit, aus der Geschichte Lehren zu ziehen, war es niemals. 

Die folgenden Texte über die Geschichte des Veltlin habe ich: Wiki und dem Schweizerischen Historischen Lexikon entnommen. Ich habe die Texte  gestrafft und marginal überarbeitet. Den eher an Kochrezepten interessierten Leser/-innen empfehle ich, 1000 Jahre Geschichte mit einem kleinen Knopfdruck zu überspringen. Anklicken zum Überspringen 

Geschichte
Das Veltlin wurde im Frühmittelalter durch Langobarden besiedelt. Das Tal ging im 8. Jahrhundert durch eine Schenkung Karl des Großen an die Abtei St. Denis bei Paris. Die Landeshoheit blieb mehrheitlich beim Bischof von Como. Die Talschaften Chiavenna, Poschiavo und Bormio waren jedoch zwischen den Bischöfen von Como und Chur umstritten. Die Vogteigewalt wurde in bischöflichem Auftrag durch lokale Adlige wahrgenommen.

1335 fiel das Gebiet von Como an das Herzogtum Mailand. Bis 1348 sicherte sich Mailand auch das ganze Veltlin, inklusive Chiavenna, Bormio und Poschiavo. Die Talschaft Poschiavo schloss sich 1408 dem Gotteshausbund an und wurde damit Teil des Freistaats der Drei Bünde.

Ende 15. Jhdt. versuchten die Drei Bünde, die Kontrolle über das Veltlin zu erlangen. Erst 1512 gelang ihnen im Zuge der Mailänderkriege der Eidgenossen die Eroberung der drei Talschaften Chiavenna, Veltlin und Bormio, die in der Folge ein Untertanenland des Freistaates der Drei Bünde bildeten. Dieser selbst war ein zugewandter Ort der alten Eidgenossenschaft.

Als Mailand 1535 habsburgisch wurde, erlangte das Veltlin für die damalige Weltmacht Habsburg höchste strategische Bedeutung als kürzeste und bequemste Verbindung zwischen dem österreichisch-habsburgischen Tirol und der spanisch-habsburgischen Lombardei. Das Bestreben der Franzosen und Venezianer ging umgekehrt dahin, diesen Transitkorridor für die Habsburger zu sperren. Mit Geld, Versprechungen und Drohungen wurde versucht, Einfluss auf die Bündner Politik zu gewinnen.

Frankreich gelang 1602 die Bündniserneuerung, und Venedig schloss 1603 eine Allianz mit Graubünden. Dementsprechend versuchten die Habsburger mehrfach, das Veltlin wieder an Mailand und damit an ihren Machtbereich anzugliedern. Mailand reagierte mit einem Handelsembargo und liess am Eingang zum Veltlin die Festung Fuentes (unweit Colico) erbauen.

In der Zeit der Reformation blieb das Veltlin mehrheitlich katholisch, während in einigen Teilen der Drei Bünde sich die Reformation ausbreitete. Insbesondere die italienischsprachigen Talschaften Bergell und Poschiavo waren ein Zentrum der italienischsprachigen Propaganda für die Reformation. Den daraus resultierenden konfessionellen Konflikt zwischen katholischen Untertanen und reformierten Bündner Herren versuchten sich die katholischen Habsburger nutzbar zu machen, insbesondere während des Dreißigjährigen Kriegs. Im «Veltliner Mord» wurden 1620 zwischen 600 und 700 reformierte Familien im Veltlin ermordet und damit die Reformation gestoppt. Die Bündner verloren daraufhin bis 1639 die Kontrolle über das aufständische Veltlin an Spanien.

Der neu an die Spitze der franz. Regierung getretene Kardinal Richelieu betrachtete das Veltlin als geeigneten Ansatzpunkt, um Spanien zu schwächen. Er liess es 1624-25 durch bündnerische und franz. Truppen besetzen um es 1626 im Vertrag von Monzon wiederum Spanien zu überlassen. 1634, nach der schwedischen Niederlage bei Nördlingen, griff Frankreich erneut ein und erteilte Herzog Henri de Rohan den Auftrag, ins Veltlin einzumarschieren. Auch diesmal war Richelieu nicht bereit, das Untertanenland den Bündnern zurückzugeben. Darum, sowie wegen erheblicher französischer Soldrückstände knüpften der Rohan-Vertraute Jenatsch und andere heimlich Kontakte zu Österreich und Spanien. 1637 kam es zum Aufstand der mit ihren Truppen in spanischen Sold wechselnden Bündner Offiziere (Kettenbund); Rohan musste kapitulieren. Gemäss dem 1. Mailänder Kapitulat mit Spanien konnten die Bündner 1639 ihre Untertanenlande mit einigen, vorab konfessionellen Einschränkungen wieder in Besitz nehmen. Im gleichen Jahr wurde der Emporkömmling Jenatsch, der sich viele zum Feind gemacht hatte und der Aristokratie zu mächtig geworden war, in Chur ermordet.

Im folgenden ruhigen Jahrhundert wurden die Kirchen der Stadt und der Landschaft wieder aufgebaut, auf den stark besiedelten Hügeln neue Kirchen errichtet, in Chiavenna zudem zwei Klöster gegründet.

Die Bündner Herrschaft endete 1797, als Napoleon das Veltlin der neu gegründeten Cisalpinischen Republik zuschlug. Nach einem erfolglosen Rückeroberungsversuch der Bündner wurde das Veltlin 1815 durch den Wiener Kongress dem neu gegründeten Lombardo-Venetianischen Königreich übertragen, das in Personalunion mit Österreich verbunden war. Eine Vereinigung des Veltlins mit Graubünden scheiterte an verschiedenen Gründen. Zum einen waren die Großmächte, insbesondere Österreich, nicht daran interessiert, das strategisch wichtige Gebiet aus den Händen zu geben. Zum anderen konnten sich die Bündner selbst nicht darüber einigen, den Veltlinern anzubieten, als gleichberechtigtes Land in den Kanton Graubünden einzutreten aus Angst, das italienische und katholische Element würde in Graubünden zu mächtig.  

1859 fiel das Veltlin mit der Lombardei an Sardinien-Piemont bzw. 1861 an das neugegründete Königreich Italien.

Kulinarisches

Das Veltlin gehört nicht gerade zu jenen Ferienregionen, um die sich die Urlauber rangeln. Es liegt weitab von den Transitwegen Europas. Ich habe in Basler Buchhandlungen vergeblich versucht, einen Reiseführer über das Veltlin aufzustöbern. Bücher über Veltliner Küche ? Fehlanzeige. Bücher über Veltliner Weine ? Dasselbe. Zwischen Umbrien und Venedig nicht einmal eine Lücke. Nichts. Übergangslose Forsetzung. Die bündnerischen Nachbarn in Poschiavo oder im Bergell oder gar dem landschaftlich so verwöhnten Engadin sind da schon rühriger.

Das kulinarische Erbe dieser Talschaften hat aber dieselben Wurzeln. Zur traditionellen Küche der Region gehören Roggen-, Weizen- und Buchweizenmehle, die in den verschiedensten lokalen Gerichten eine Rolle spielen. Milch und Molkereiprodukte, Kartoffeln, Gemüse und Früchte, Fleisch und Wild und, im Veltlin die Weine. Keine Küche welche den etablierten Regionen Italiens den Rang streitig macht. Und doch lohnt sich, einmal genauer hinzuschauen und mitzuessen.

9 thoughts on “Grenzland”

  1. Ich kenne aus dem Veltin nur die Weine, meine, ich hätte in Österreich ( wieso eigentlich?) mal eine Terrine mit Pfifferlingen und Verltiner gegessen. Na ja, Grenzland halt….

  2. schöne idee, diese grenzland-reiseimpressionen aus für die meisten wohl “fernen” ländern!
    der grüne veltliner ist zumindest seit einem jahrhundert die wichtigste rebsorte österreichs, über seine herkunft herrscht nach wie vor unklarheit – so steht’s zumindest im neuesten buch über grünen veltliner.
    mehr als ein drittel der österreichischen weinbauflächen sind mit grünem veltliner bepflanzt!

  3. @Bolli: die Veltliner Weine kommen auch dran.

    @katha: im Veltlin trifft man den grünen Veltliner nicht an. Es besteht keinerlei Zusammenhang mit der weissen, österreichischen Rebsorte. Die Veltlinerweine sind meist aus Nebbiolo gekeltert.

  4. Ich meine mich zu erinnern, bei Stuart Pigott im “Wilden Wein” etwas über die Veltliner Rotweine gelesen zu haben, müßte dies aber noch verifizieren.

  5. @nina: war schon lange nicht mehr im Isaak. Schöne Lage am Münsterplatz. Im Sommer ruhiger Hinterhof. Insgesamt gemütliches, modernes Lokal in historischem Hause. Bistrotküche. Keine Spitzenküche. Das Kokoseis mit Creme Catalan wird allseits gelobt. Man braucht mich übrigens nicht zu siezen, wer mir den “Herrn” angehängt hat, weiss ich selbst nicht.

    @duni: In den grossen Weinbibeln sind die Veltlinerweine schon erwähnt. Knapp. Sehr knapp.

  6. Ich kann mich an ein paar Valtellina Sfursat von Bettini erinnern, 89 und 90. Die habe ich 01 bei einem längeren Romaufenthalt im Winter gern getrunken, weil sie billiger als vergleichbare Baroli waren und gut zu deftiger Kost passten.

  7. Sicher, aber die einfacheren gabs damals in Rom nicht mehr, vielleicht wurden sie gar nicht in die Hauptstadt geschickt, sondern lokal getrunken.

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