I-23100 Sondrio

Sondrio

Sondrio, Hauptort der gleichnamigen italienischen Provinz (Lombardei) und größter Ort des Valtellina mit rund 25000 Einwohnern. Banken, Kleingewerbe, Handel, Beamte, Schulen. Kleinstadt. Von Chiavenna her kommend, verläuft der grösste Teil der Strecke über die SS 38, eine dieser grauenhaft gesichtslosen Strassen. Das Zentrum der Stadt bildet die Piazza Garibaldi, in der Mitte das Denkmal und drumherum der schöne Parkplatz, den die Veltliner dem Staatsgründer Garibaldi gestiftet haben. Seit 2 Jahren ist davon nichts mehr zu sehen, der ganze Platz wird umgepflügt. Das beste Lokal, das Soazza, im Umbau.

Von der Piazza aus ist die verkehrsfreie Altstadt leicht zugänglich. Im Dreieck von Via Dante, der Piazza Rusconi und der Via Beccaria findet man Gemüse, Pilze, Salame, einheimische Käse. Ein Paradies zum Schauen und Geniessen. Nicht zu vergessen die Ferramenteria, in der die Weinbauern all das finden, was sie zur Weinbereitung brauchen. Und ich meinen seit Jahren gesuchten Quecksilber-Thermometer, der von 150-250°C anzeigt.

Sondrio: Via Beccaria Sondrio: Via Beccaria

Fangen wir gleich beim Käse an: Star des Veltlins ist der Bitto, jung ist er gelb, weich, vollfett. Nach etwa 2 Jahren kann er aber als Reibkäse eingesetzt werden. Je nach Gehalt an Ziegenmilch, mehr oder weniger pikant. Etwas weniger bekannt, der Casera, halbfett und aromatisch. Nördlich der Alpen kaum bekannt, der Sciümüdin (Scimudin), ein schnellreifender, aber hocharomatischer Weichkäse, der auch im Puschlav hergestellt wird. Kein Käse ohne Brot: Wie in andern südlichen Alpentälern (Puschlav, Vinschgau) gibts hier Roggen-Ringbrot, oft mit wenig Anis parfumiert zu kaufen.

Im mittleren Teil des Veltlins ist der Apfelanbau stark verbreitet. An einigen Stellen des Tals wähnt man sich im Vinschgau.

Berühmt ist das Veltlin durch seinen Bresaola. Rinderkeulen werden mit Salz und Pfeffer eingerieben, dem Fleisch wird dadurch etwas Saft entzogen, was die Oberfläche verkrustet und konserviert. Nach rund 2 Wochen werden sie mehrere Monate an der Luft getrocknet. Gute Qualitäten sind saftiger als das oftmals arg trockene Bündnerfleisch.

Weinberge bei Sondrio

Noch berühmter, wenigstens in der Schweiz, ist das Valtellina durch seine Weine: Noch vor 25 Jahren gingen rund 70% der Produktion in die Schweiz. Zumeist dünne Zechweine vom Typ “Stägafässler und Patriziertrunk”. Begünstigt durch Zollprivilegien und die traditionellen Bindungen zwischen Graubünden und dem Veltlin. Vor rund 20 Jahren brach die Nachfrage nach Veltlinerweinen in der Schweiz auf etwa 1/3 zusammen. Das löste im lombardischen Alpental zunächst eine Krise aus, die aber auch Anlass für eine Erneuerung bot. Heute werden hier Qualitätsweine produziert, die einen Vergleich mit guten Baroli nicht mehr scheuen müssen. Schliesslich wird hier die gleiche Haupttraubensorte, der Nebbiolo (hier als Chiavennasca bezeichnet) angebaut. Nur hat das der Markt, der vorderhand noch marmeladigen und konzentrierten Weinen der neuen Welt nachläuft, noch nicht begriffen.
Die Nebbiolorebe trifft im Veltlin ideale Verhältnisse an: kalte Nächte, sonnige Tage und eine lange Vegetationsperiode.
Die Tag/Nacht-Temperaturunterschiede im Herbst sorgen für die Ausprägung feiner Aromen und der sortentypischen Eigenschaften: frische Säure, markante Tannine und Tiefe, Voraussetzungen für Noblesse und Grösse.

Von Chiuro aus fahren wir durch die Rebhänge an der südlichen Talseite hoch, bis Teglio, einem wunderschönen Luftkurort mit alten Palazzi, Gassen und, nicht zuletzt, der Accademia del pizzocchero. Eine Akademie die sich Verbreitung und Pflege der Pizzoccheri di Teglio (mit eingetragenem Warenzeichen ® !)  zur Aufgabe gemacht hat. Diese verfügt über das “einzig wahre und authentische Pizzoccheri-Rezept”, über das ich mich nächste Woche hermachen werde. Ich habe zwar weder Hörsäle noch Forschungslaboratorien noch sonstwas, nicht einmal die Mensa der Akademie gefunden, macht nichts, ich hab ja das Rezept und Pastakochen bereitet mir keine Probleme.

Teglio: Palazzo Besta Turm. Museum. Teglio: Palazzo Besta. Um 1433 erbaut.

8 Gedanken zu “I-23100 Sondrio”

  1. Ach, das ist gemein! Die Sonne strahlt, die Läden sind toll, die Altstadt eh, die Trauben reif, auch wenn das beste Restaurant geschlossen ist, wäre ich doch lieber jetzt dort als hier im eiskalten Paris!!!!

  2. Doppelbelastung…..oh oh, pass bloss auf!!!

    Dein Blog ist nicht nur mein Pastakochbuch, sondern jetzt auch das office de tourisme für die Schweiz und Italien!

  3. Hach, wie wunderbar. So schöne Bilder, so schön beschrieben – jetzt fehlt nur noch ein Kurs zum Thema “In tollen Geschäften NEIN sagen lernen” und alles ist geritzt.

  4. @Barbara: für Käse Fratelli Ciapponi in Morbegno. Darüber mehr nächstes Jahr.

    @Jutta: Neinsagen ? ich sag nie Nein in tollen Geschäften und will es auch nicht lernen.

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