Schweizer Wurstweggen

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Das sind weder hotdogs, noch deutsche Wurstwecken mit eingelegten Würstchen, sondern mit gutem Fleischbrät gefüllte Blätterteigkrapfen. So gut schweizerisch, dass sie im Inventar des kulinarischen Erbes der Schweiz Aufnahme gefunden haben. Wurstweggen waren neben Wähen das erste Take-Away-Produkt, das von hiesigen Bäckereien kalt oder aufgewärmt angeboten wurde. Lange bevor amerikanische Imbissketten das Verpflegungsmonopol der Bevölkerung zu erringen versuchten. Als Schlüsselkind hatte ich kein geregeltes Mittagessen, dafür durfte ich mir in einer Bäckerei mein Mittagessen kaufen. In loser Folge waren das Cremeschnitten, Salami-silserli, Wurstweggen, Mohrenköpfe und Nuss-schnecken. Deshalb habe ich mich schon in Kindesjahren als Degustationskapazität auf diesen Produkten, speziell der Wurstweggen, verstanden. Was Bäckereien, später auch Metzgereien anboten, fand aber nur selten meinen Beifall: kaltes, am Gaumen klebendes Schweinefett, kompakte Wurststöpsel, Blätterteig zum Heulen, mit Milchwecken nach den Verdünnungsregeln der Homöopathie gestrecktes Fleisch. Meine damaligen Favoriten sind längst verschwunden. Was die hiesigen Edelconfiserien als Wurstweggen heute anbieten, ist zwar teuer, essbar, aber nicht das, was ich mir unter einem guten Wurstweggen vorstelle.
Die Küche der Frau L. hat mich dann für Jahrzehnte von Wurstweggen ferngehalten. Bis letzten Sonntag auf ihren Vorschlag selbstgemachte Wurstweggen auf mein Kochprogramm gerieten.

Zutaten
Mengen für 12 Wurstweggen und als Bonus 10 kleine Buletten
1 Paket ausgewallter Fertigblätterteig (2 mal 25×42 cm)
300 g Kalbfleisch gehackt (2mal gehackt)
3 Schweinsbratwürste zu je ca. 120 g, unerwellt
1 mittlere Zwiebel, wenig Butter zum Andünsten
2 ganze Eier
1/2 Peperoncino
6 kleine Cornichons
1 Bund Petersilie
4 Minzblätter
2 Zweiglein Zitronenthymian
Abrieb einer halben Biozitrone
Salz, Piment d’Espelette
Pfeffer, Korianderkörner, Piment alle frisch gemahlen
3-5 Elf. selbstgemachte Weissbrotbrösel
1 Eigelb mit ein paar Tropfen Öl versetzt zum Bestreichen

Hackepeter
Hackepeter
gemischt mit Ei&Kräutern
gemischt mit Ei&Kräutern

Zubereitung
(1) Peperoncino, Cornichons und die Kräuter fein hacken und mit den Eiern vermischen.
(2) gehackte Zwiebel in wenig Butter andünsten und dazugeben.
(3) Kalbshack und die aus der Darmhülle ausgedrückte Bratwurstmasse von Hand dazumischen, mit den Brotbröseln ergänzen und würzen.
(4) Blätterteigplatten in je 6 Rechtecke (ca.12x14cm) schneiden, Längskanten mit wenig Wasser bepinseln. Fleischmasse mit einem Dressiersack (ohne Tülle) als dickes Würstchen auf die Platte drücken. An den Enden 1 cm Rand freilassen. Zusammenklappen, mit einem Gabelrücken etwas andrücken, die Enden bleiben offen.
(5) Backblech mit Backpapier belegen, die Krapfen drauflegen, mit etwas Eigelb bestreichen und im auf 200°C vorgeheizten Ofen ca. 25-30 Minuten ausbacken (Ober-, Unterhitze, Schiene 2).  Gegen Schluss mit einem Backpapier abdecken.

Würstchen
Würstchen
eingeweggt
eingeweggt

Anmerkung
Sehr gut, in dieser Bäckerei wäre ich sofort Stammkunde geworden. Die Farce leicht krümelig, nicht zu kompakt. Gut gewürzt. Und wer ein eigenes Lieblingsbulettenrezept hat, darf auch das einfüllen.

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34 thoughts on “Schweizer Wurstweggen”

  1. Kannte ich so nicht, sie sehen wunderbar aus, da kommt mir der Gedanke an an Hackbraten im Teig.

    Meine Verschiebung auf Deine Vermisstenliste ist berechtigt, ja, ich hatte andere Interessen, hoffe, mich noch heute mit einem Post darüber auszulassen.

  2. @mipi: die kommen nach 40 Jahren Abstinenz wieder auf den Speisenplan. Dann fehlen nur noch Mohrenköpfe und Cremeschnitten.

    @Nathalie: genau, wir hatten noch aufgewärmtes Rotkraut.

    @Eva: ungekocht, das war wohl Dialekt :-)

    @Rosa: Danke :-)

    @Bolli: die gibts auch in Edelconfiserien, nur weniger gut :-)

    @sammelhamster: gute Dinge finden nur wenige LiebhaberInnen. In 3 Monaten wäre ich in Liquidation.

    @Houdini: welche Überraschung. Wieder gelandet. Schnellstens wirst Du wieder in die Liste der Aktiven transferiert. Mein Trick wirkt :-)

    @entegut: die Streifen wurden mit dem Gabelrücken leicht in den Teig gedrückt. Das hat sie aber nicht vor der Verspeisung gerettet.

    @zorra: hab ich mir gedacht, dass Du sie magst, in Luzern gibts Wurstweggen überall.

  3. Hmmmmm! Die sehen schön fluffig luftig aus. 2 bis 3 hätte ich jetzt gerne hier, direkt vor mir, am Schreibtisch, zusammen mit einem frisch gezapften Pils. Stattdessen gibts hier nur alte Kekse und lauwarmen Kaffee …

  4. @chriesi: ganz normale Wurstweggen.

    @the rufus: Wurstweggen macht weniger Mühe mit der Lage und Richtung der Akzente.

    @Sus: Mohrenköpfe sind zeitlos attraktiv.

    @Cascabel: Die Farve verteilt sich überhaupt nicht, die Wurst bleibt wo sie ist und der Blätterteig rankt sich drumherum :-)

    @Guy: das Los der Feinschmecker :-)

    @Weinnase: ach Brezeln, seufz.

    @Heidi: nicht schon wieder !

    @lavaterra: japanische Origamitechnik, Anfängerstufe :-)

    @Anikó: schon Sommer bei Euch ?

    eine

  5. Hmmmmm, unzählige solcher Wurstweggen landeten schon in meinem Magen. Warte sogar im Laden auf die nächste Fuhre aus dem Ofen, damit ich die Köstlichkeit heiß verspeisen kann. Hier gibt es die auch mit ein wenig knusprigem Käse drauf, lecker.
    Mit den tollen Zutaten schmecken Deine natürlich wesentlich feiner. Allerdings gefällt mir die Herstellungsweise des kulinarischen Erbes der Schweiz ein wenig besser. Wenn das Brät lückenlos auf die lange Blätterteigbahn dressiert wird und davon dann Weggen abgeschnitten werden, hat man keine trockenen Blätterteigenden.

  6. Mmmmhhhh, bis jetzt habe ich immer nur staunend mitgelesen, aber heute habe ich mal die Wurstweggen ausprobiert. Lecker! Danke für das tolle Rezept.

  7. @fressack: wohin ?

    @Poulette: die Blätterteigenden habe ich aber am Liebsten :-)

    @Frauke: bei den Kräutern ist man ja frei und Petersilie hats immer.

    @nysa: darin ähneln wir uns, aber nur darin.

  8. Die Weggen waren fantastisch.Sogar mein Sohn,ein Mäkler vor dem Herrn, hat nicht gegessen, sondern gefr*****.Vielen Dank für das Rezept.Ich habe allerdings die Pepperoncino und die Cornichons weggelassen.

  9. Nachdem ich letztens beim Traiteur am Zürcher Hauptbahnhof einen absolut ungeniessbaren Wurstweggen gekauft und nach zwei Bissen in einem der gestylten Güderchübel entsorgt habe (da waren gefühlte 10cm Durchmesser Füllung drin, dafür kaum Teig), habe ich nach einem Rezept für sowas gesucht, und bin bei deinem hängengeblieben. Heute gibt’s die zweite Ladung davon. Die sind wirklich zu empfehlen.

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