CH-7550 S-Charl: Von Bären und Cordon bleus

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S-Charl (1810 m.ü.M) liegt, von Basel aus gesehen, am Ende der Welt. Von Schuls/Scuol windet sich rund 13 km lang ein schmaler Fahrweg durch einen gewaltigen Geröllcanyon entlang des Schweizer Nationalparks in ein kleines, wildes Seitental. Bald ist der geteerte Strassenabschnitt zuende, die Strasse unbefestigt bis S-Charl, einem kleinen Weiler, hinten im Tal. Der ursprüngliche Dorfkern gruppiert sich mit seinen 13 Häusern und 3 Gaststätten rund um eine Kirche. Das Dorf ist autofrei. Im Sommer verkehrt im Sommer ein Postauto. Bis 1920 war S-charl ganzjährig bewohnt. Im Winter ist die Zufahrtsstrasse gesperrt und das Dorf nur mit Pferdeschlitten, Tourenskis oder Schneeschuhen erreichbar. Eines der Hotel hat winters geöffnet.
In einer Schenkungsurkunde der Herren von Tarasp an das Kloster von Scuol erscheint der Ortsname S-charl um das Jahr 1095 erstmals.

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Dorfplatz
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Dorfstrasse
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Fensterbild
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Der letzte Bär

Wir sind in einem der Gasthäuser, dem Crusch Alba, weisses Kreuz, zu einem einfachen, aber sehr guten Mittagessen eingekehrt. Das Foto an der Wand zeigt die damaligen Dörfler und Dorfschönheiten im Sonntagsstaat, zu Füssen der im Jahre 1904 erlegte, letzte Braunbär der Schweiz. Über 100 Jahre sollten vergehen, bis sich wieder ein Bär in der Schweiz zeigte, und sogleich abgeknallt wurde. Bär gabs nicht auf der Speisenkarte, dafür Cordon bleu aus Kalb. Anlass, zuhause wieder einmal Cordon bleu zu machen. Übermorgen.

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Bär erlegt !
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kein Bär, Cordon bleu

 

Zwischen dem 12. und 17. Jh. und von 1811–1829 herrschte grosse Betriebsamkeit in dem einsamen Tal. Silber und Bleivorkommen wurden von Tiroler Bergknappen (das Unterengadin war lange Zeit habsburgisch) unter primitivsten Bedingungen von Hand abgebaut. Bis zum Auskauf des Unterengadins 1652 lag das königliche Bergwerksregal bei den Grafen von Tirol bzw. bei der Herrschaft Österreich. Danach kam der Bergbau zum Erliegen, die einheimischen Bauern verstanden sich nicht auf dieses fremde Handwerk. Zudem war auch der Ertrag zu klein: Aus einer Tonne Gestein wurden 1 kg Blei und 1 g Silber gewonnen.

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Kirchlein
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Bergbau Ruinen bei Schmelzra

Ein wundervolles Wandergebiet, leider führt der Weg meist hoch. Hier muss im Winter der absolute Frieden herrschen. Kein Auto !

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Türmchenbau im Geröllcanyon

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30 thoughts on “CH-7550 S-Charl: Von Bären und Cordon bleus”

  1. nein, du machst mir mit dem cordon bleu den mund heut nicht wässrig – heut ist sonntag und die zutaten für deine saftplätzli harren meiner

    diese türmchen hab ich auch schon in norwegen und island gesehen. der mensch bastelt halt gern. der eine mit steinen, der andere mit küchenzutaten ;o)

  2. Sehr schöner Ausflug! Ist doch schon schade das die Bären ständig abgeknallt wurden. Wenn es denn noch welche geben würde, knallt man sie wieder ab. Eindrucksvoll Euer Ausflug!

  3. Was für eine schöne Landschaft, eine Wohltat fürs Auge (leider mangelte es damals an Zeit für einen Ausflug abseits der Hauptstraße). Das Dorf und vor allem seine Lage hinten im Tal gefällt mir sehr gut. Das Essen im schönen, gediegenen Gasthaus (so einfach sieht es gar nicht aus) würde mich auch ansprechen; und Cordon bleu gab es auch bei mir schon lange nicht mehr.

    Wenn ich von Scuol lese, denke ich an Schlucht :-). Das war der einzige Ort, der uns von der Lage her gesehen, nicht zusagte. An alle anderen Ortschaften erinnere ich mich mit Freude; schön war’s.

  4. Wahnsinn, dass es sowas noch gibt, solch’ eine Einsamkeit und eine sehr schmucke noch dazu. Du zeigst uns Ecken der Schweiz, in die man sonst nie käme, jetzt aber virtuell. Wunderbar.

  5. Befremdend: … auf einem abenteuerlichen Schotterweg (hätte auch in den Rocky Mountains aufgenommen sein können) unterwegs, Spuren menschlicher Zivilisation passierend, darüber hinausgehend: unberührte, stille Natur … endend in einer weißgetünchten, sterilen Häusergruppe, deren großer Stolz das Abknallen des letzten Braunbärs ist … und weil’s so schön war, wiederholt sich diese Heldentat 100 Jahre später – kaum hat man den Bär “wahrgenommen” – gleich noch einmal …

    Ich frage mich, welchen Lebensraum der Mensch den Bären zuordnet, wenn schon nicht in einer Gegend, die man nahezu als unbewohnt bezeichnen könnte?

    Ich bin dir dankbar für diese Reise, weil sie mich zu weiteren Überlegungen “anstiftet” … und mir auf anschauliche und einprägsame Weise die Historie der Schweiz näher gebracht wird!

  6. Komisch, bei Euch in der Schweiz ist es so schön – und trotzdem fahren die Deutschen an den Ballermann. Andererseits – die meisten meiner Nachbar kennen ja auch nicht unser schönes fränkisches Umland. Da bleibt dann mehr Platz für mich….!

    Aber 2010 soll es endlich mal in die schweizer Berge gehen. Vielleicht sehen wir auch ein paar Beeren ;-)

  7. eine wunderschöne Gegend, dort würde ich auch sofort mit wandern :-)
    *buchfink* das ist eine geniale Idee dort zu überwintern
    Dankeschön für die schöne Reise, Robert :-)

  8. @amuse-gueule: ein Zeichen für “ich war da” :-)

    @Chefkoch Andy: ein paar davon hätten in dieser gegend schon Platz.

    @Charlotte: Mit Schlucht wirst Du wohl das alte Kurhaus Tarasp meinen, das Loch ohne Sonne.

    @april: Immerhin soll Karl der Grosse hier vorbeigekommen sein, als er von Rom her nach Hause ritt.

    @Buchfink: ich glaube nicht, dass es das gibt.

    @Eva: ich fahr dann mit der Pferdekutsche.

    @Rosa: Früher ging das Reisen noch viel länger.

    @Christine: der unlängst abgeknallte Bär war offenbar ein “Problembär”, erst an die Menschheit gewöhnt, danach freigelassen. Die Täler hier oben werden landwirtschaftlich genutzt, da kommt ein Bär schnell mal mit der Menschheit in Berührung, zumal wenn er ihnen Schafe reisst. Verglichen mit Hagelschäden, gegen die man sich versichern kann, sollte der Schaden aber für eine Gesellschaft tragbar sein.

    @DerSilberneLöffel: würde ich in Deutschland wohnen, hätte ich bestimmt keine Probleme, meine Reisekolumne mit Berichten von dort zu füllen.

    @the rufus: der steinerne Gast aus Don Giovanni !

    @Jutta: in der örtlichen Kutsche hats Platz für vier.

    @Karin: Das im Winter offene Gasthaus ist das Major

    @Petra: mach ich gerne, nicht zuletzt für mich :-)

  9. …übrigens
    komme ich nächste Jahr wieder in die Schweiz.
    Die Berge um die Jungfrau locken und
    nicht nur der Einkehrschwung.
    Da es das 3.te Mal ist, wird es wohl
    mindestens einen Grund geben…

    HBG
    eibauer

  10. @eibauer: die Jungfrauregion kenne ich kaum, ich wünsche gutes Wetter rund um das Wetterhorn.

    @Nathalie: eine Eigentümlichkeit im rätoromanischen sind die Zischlaute, die es bei uns nicht gibt, etwa unserem deutschen “sch” entsprechen. Im Dialekt Valader und Puter wird zur Unterscheidung beider Laute in der Schrift mitten im Wort ein Bindestrich gesetzt, was gewöhnungsbedürftig aussieht. Ortsnamen wie “S-chanf” werden etwa als Schtianf ausgesprochen.

  11. Das S-Charl-Tal kenne ich auch, Winters wie Sommers. Auf der Terrasse von einem der drei Gasthöfe habe ich auch einmal gegessen (ich darf es fast nicht sagen: Murmeltier, ist auch zwanzig Jahre her), und anschließend sind wir den romantischen Bach entlang am Piz Sesvenna vorbei nach Taufers in Italien gewandert.

  12. Echt, kein Bär mehr in der Schweiz seit 1904?
    Wir haben immer wieder welche herumtapsen und die Affen derschießen die immer, dabei werden sie extra in Ö wieder angesiedelt.

    Ein Cordon mit einer netten Stiefmutter. Die Blüten sind ja essbar, isst du die mit? Ich glaube, Blumen am Teller sind ein Streich der Küche. Die Blumen schauen zwar sehr schön aus, sind aber in meinen Augen so unnötig wie ein Kropf. Dafür könnt das Cordon ruhig ein Stückl größer sein und sie lassen die Bleamln im Topf am Fenstergsims stehen. ;-)

  13. Macht Ihr Witze? Murmeltier auf der Speisekarte? Das hab ich noch nie gehört. Schmeckt das? Traumhafter Ort, das erste Bild sieht aus wie eine Filmkulisse. Ohne das Veilchen hättet Ihr nur ein Cordon gegessen.

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