Engadiner Engel

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Sie leben in Friedhöfen des 19. Jahrhunderts: Engel mit Posaunen, die dem Jüngsten Gericht assistieren; in Anbetung oder Trauer versunken; Palmwedelschwingend oder ans Kreuz gestützt; trostspendend ins Jenseits weisend oder puttenhaft flatternd wie ordinäre Schutzengel. Nein, ich bin nicht nekromantisch veranlagt, dennoch besuche ich in den Ferien gerne Friedhöfe, wo derartige Grabkunst nicht aussortiert, sondern als Ausdruck einer vergangenen Zeit weiter bestehen darf. Im Engadin gibt es einige kleine Friedhöfe, in denen man sie noch findet. Deren Bestand ist nicht zu vergleichen mit jenem der grossen Friedhöfe z.B. in Wien (St. Marxer), Hamburg (Ohlsdorfer) oder Köln (Melaten), die ich aber alle leider noch nie besucht habe.

Hier einige Bilder, sortiert in meiner eigenen Typologie:

Kinderengel

Altersklasse 3-12 Jahre. Puttenhaft flattern sie auf den Gräbern herum, zur Freude der noch Lebenden.

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keiner aus Gips !
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Aus Gips einer !
Engel 16_2009 09 09_2487
junger Greis

Ach Jugend, wohin bist Du entschwunden ?

Adoleszente Engel

Altersklasse 13 bis 18 Jahre

Engel 13_2009 09 09_2486
da freut sich der Opa !
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kann auch Schutzengeln passieren
Engel 5_2009 09 18_2344
die fromme Helene ?
Engel 10_2009 09 04_2579
anlehnungsbedürftig
Engel 3_2009 09 18_2330
psst, Spinne auf Haupt schläft

Langsame Annäherung an jene Altersklasse, die des tiefsten Ausdruckes von Trauer und Schmerz fähig ist:

Jungfräuliche Engel

Altersklasse 18 bis 30 Jahre

Engel 8_2009 09 18_2333
der Blick nach rechts gesenkt
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hier nach links
Engel 4_2009 09 18_2334
den Arm edel vor die Brust gelegt
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hier scheint die Trauer echt

Reifere Engel

Altersklasse ab 30.

In der Altersklasse, der ich zugehöre, scheint es überhaupt keine Engel mehr zu geben.

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Warum ?
Engel 11_2009 09 05_2564
Darum !

Sogar einen der seltenen Galvanoengel habe ich gefunden: Ihr Körper besteht aus Gips, der mit einer dünnen Bronzeschicht ummantelt ist – diese wird im Galvanischen Bade auf dem Gipskörper abgelagert -. Sie sehen aus wie richtige, gegossene Bronzeengel.

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Heimgegangen bist Du, Jüngling, rinne
Sehnsuchtstränen auf den Aschenkrug;
Halbbetäubt noch steh ich hier und sinne,
ob es wahr sei oder Traumbetrug.
etc. ….
Um mich sprosste düstrer Bilder Kranz;
Bei des Grabelämpchens Scheine
Sah ich nur der Todesengel Tanz.
Novalis

was das mit einem food-blog zu tun hat ? hmmm…. Nicht viel, ausser dass morgen Allerseelen gefeiert wird und ich mich herzlich daran freue, dass ich nicht im Reigen der Seligen mittanzen muss, sondern mich, bei allem gebotenen Ernst, im Scheine eines normalen Stubenlämpchens über einen Gemüseteller hermachen darf.

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23 thoughts on “Engadiner Engel”

  1. Schöne Sammlung.

    Das Wunder der Engel

    Am Heiligen Abend im letzten Jahr
    erschien mir das Haus plötzlich sonderbar.
    Ich machte mich fertig zur Kirche zu gehen,
    da hab’ ich im Hausflur Gestalten gesehen.

    Sie blickten so weise, durchdringend und hold,
    ihr Antlitz war lieblich, ihr Haar glänzte Gold
    und ihre Gewänder erstrahlten in Blau,
    es waren wohl Engel, das sah ich genau.

    Sie schwangen die Flügel aus weißem Gefieder
    und sangen dabei herzbewegende Lieder,
    von Liebe und Treue bei ewigem Frieden,
    der fortan den Wesen der Welt sei beschieden.

    Ich stand wie erstarrt und lauschte gebannt,
    da nahmen die Engel mich schnell bei die Hand.
    Ich fühlte mich leichter, als Spitzengardinen
    und schwebte, sang und tanzte mit ihnen.

    Erschreckend ertönte der Gong einer Uhr,
    sofort stand ich wieder alleine im Flur
    und alles war so, als ob nie was geschah,
    doch weiß ich ein Wunder war das, was ich sah.

    Ich hab’ die Geschichte der Engelsgestalten
    bis gestern alleine für mich nur behalten,
    denn Leute erzählen von Illusionen,
    die tiefste Wälder der Seele bewohnen.

    Doch weiß ich auch heute, das Wunder war da
    und wieder verspür’ ich die Engel ganz nah.

    Drum sag’ ich euch Leuten, auch wenn ihr jetzt lacht:
    „Senkt euch in Gedanken und gebt etwas Acht,
    vielleicht ist es euch diesmal zugedacht,
    die Engel zu treffen in Heiliger Nacht!”

    © Helga Kurowski, 1999

  2. Schöne Idee von dir, diese Engel in den Blog zu stellen!

    Und danke fürs Erinnern, dass ich endlich mal den Ohlsdorfer Friedhof besuchen sollte.

  3. Wunderschön! Ich kann von meinem Fenster aus des Parkpatz eines kleines Friedhofs sehen, auf dem heutemorgen schon Hochbetrieb ist; abends dürfen dann die Gräber wieder gemütich im Kerzenlicht erstrahlen (“wenn ma so drunt liegt, freut ma sich wenn’s Grablaternderl leucht”, Wolfgang Ambros). Gibt es eigentlich auch männliche Engel im Erwachsenenalter?

  4. Beeindruckend, diese Engelsammlung. Alte Friedhöfe sind schon etwas Besonderes, haben diese ganz bestimmte, fast “lebendige” Atmosphäre, die man auf neueren Anlagen (zu uniform) vermisst.

  5. Welch wunderbare Zusammenstellung. Viele Engel kommen mir bekannt vor; sie bevölkern auch Melaten. Da war ich auch schon lange nicht mehr, sollte ich mal wieder.

  6. @the rufus: der aus Gips, das hab ich mir gedacht. Mit der Kategorisierung bleibe ich ich lieber im 19. Jhdt.

    @ultraistgut: Danke für dies schöne Gedicht !

    @Hannes: ich hätte mit Vincenbt Klink lieber die Kochkunst gemeinsam.

    @Nathalie: insbesondere italienische Friedhöfe sind da wunderlich und wunderbar.

    @Eva: für das Naheliegende hat man meist keine Zeit. Auch in Basel gibts noch einen.

    @Retsina: schön ! männliche Engel ? Gabriel vielleicht, ich begegne immer nur weiblichen :-)

    @Charlotte: Leider wird heute in Zentimeter vorgeschrieben, wie hoch, wie breit, welche Farbe der Stein haben muss.

    @April: Manche scheinen tatsächlich alle vom selben Model(l) abzustammen.

    @Christine: für meine Ansprüche reicht das :-)

    @Rosa: viel schöner als Halloween-Grusel.

  7. Robert, das ist ein wunderschöner Beitrag mit phantastischen Fotos.
    Deine Typologie dazu ist sehr schön !
    Ich bin vor vielen Jahren einmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof gewesen und habe dort auch Engel fotografiert. Leider war das noch vor der Zeit der Digi Cams und die Papierbilder, die dabei heraus kamen, sind mittlerweile sehr vergänglich geworden und nicht mehr schön anzusehen.
    Aber die Atmosphäre auf diesem Friedhof behält man für immer…..

  8. Ob es alter Engel bedarf? Im Anfange hieß die Stellenausschreibung wohl noch: „Zum nächstmöglichen Zeitpunkt suchen wir einen Mann im allerbesten Alter, vielseitig beflügelt, umfassende Kenntnisse des Seraphischen, Flammenschwert wird gestellt.“ Die Gleichstellungsbeauftragte hatte da nichts zu melden; schließlich war Patriarchenzeit ;-)

    Doch im Laufe der Geschichte musste man natürlich differenzieren und die Sache ausarbeiten (die scholastische Aufzählung aller Erz-, Ober-, Unter- und Hilfsengel in neun Abteilungen liest sich wie der Stellen- und Besoldungsplan einer Internationalen Behörde für Luft- und Raumfahrt), worauf theo- und andere logische Probleme auftraten, beispielsweise: wenn schon der Himmel unendlich und vermutlich auch n-dimensional ist, bekommt man trotzdem die kompletten Heerscharen in ihrer Unendlichkeit darin verstaut? Nicht einmal mit imaginären Zahlen kommt man hier weiter, also musste man das Personal dementsprechend verkleinern. Was auch gelang; seither bevölkern Putten platzsparend das Unermessliche.

    Andere gehen davon aus, dass Engel, diese Lichtwesen, die reine Substanz sind; die aber bleibt nun mal jung, wie auch das Wesen des Menschen nicht altert.

  9. @Karin: so geht es mir auch immer mit den Papierabzügen alter Fotos. Niemand schaut sie mehr an. Das Atmosphärische alter Friedhöfe entsteht durch die gewachsene Natur und grosszügige Anlage.

    @bee: wieder andere sagen, dass Engel sich als Mensch inkarnieren. Wer eine derart armselige Gestalt annehmen kann, muss sich schon etwas aufplustern, damit er nach was aussieht.

    @nina: wer nicht ? Aber sie machen sich so rar.

    @entegut: ich hab nur die Hübschen fotografiert :-)

    @Petra: Ordnung und Klassifikation muss sein.

  10. Als stille Leserin bin ich viel in Ihrem Blog.

    Danke für den “engelhaften Beitrag”. Auch mich hat die Klassifikation erstaunt und begeistert.

    Natürlich mache ich auch oft von den Rezepten gebrauch – das Resultat ist immer super. Die Saftplätzli von Frau L. habe ich am Sonntag vor zwei Wochen gekocht – sicher nach über 30 Jahren wieder mal “Saftplätzli” – es hat uns allen sehr gut geschmekt – habe dieses Gericht komplett vergessen.

    Ich wünsche eine schöne Woche und alles Gute.

    VIOLETTA

    1. Danke, so stille nun auch wieder nicht, als dass ich mir Ihren Namen nicht hätte merken können. Das freut insbesondere Frau L. wenn ihr Gekochtes auf Anklang stösst. Liebe Grüsse

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