Militärwurstpastete 1822

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Weil der Blick der wehrhaften Frau L. in der Metzgerei so wohlgefällig auf einem Pärchen Langenthaler Militärwürste ruhte, fanden dieselben den Weg in unsern, an historischem Inhalt interessierten Kühlschrank. Teil 1 des Pärchens wurde mit Sauerkraut verzehrt. Teil 2 des Pärchens wurde von Frau L. mit einem kümmerlichen Restchen (170 g) meines wunderbaren Pastetenteigs  zu einer Wurstpastete verbacken. Die von Frau L. in ihrem Silvesterreim vorgenommene Abwertung als  “klebiger Teig”  geschah natürlich nur um des Reimes willen. Ich komme im Moment kaum mehr nach mit der Produktion neuen Teiges.  Trotz minimaler Ressourcen gelang Frau L. ein eindrucksvoller, strategischer Sieg in der Schlacht an der Pastete.

Offizierstreffen 1822 Langenthal
Wandbild im Hotel Bären in Langenthal

In staats-, wirtschafts- und aussenpolitisch schwierigsten Zeiten, in denen sich die Schweiz auf dem Weg zum föderalen Bundesstaat von 1848 befand, trafen sich 1822 über 7’000 Offiziere und Amtspersonen in Langenthal zu einem einfachen Mahle in Langenthal, um “treue Bande zu festigen, die die eidgenössische Stärke begründen soll”. Starke Kräfte drohen auch heute auseinander zu reissen, was die Schweiz in ihrem Innersten zusammenhält. Die Schweiz gerät international mehr und mehr unter Druck. Die Militärwurst war die kulinarische Klammer eines erneuten Treffens, das im Sommer 2009 in Langenthal stattfand. Frau L. wollte mit ihrem Beitrag nicht abseitsstehen und ihr Scherflein nachträglich für den Zusammenhalt des Vaterlandes im neuen Jahre leisten.

Zutaten
Grundrezept für den Pastetenteig: siehe auch hier
350 g Mehl
85 g zimmerwarme Butter
70 g zimmerwarmes Schweinefett
1 ganzes Ei (60 g) verquirlt
3 Eigelb
ca. 50 ml Wasser
10 g Salz

für die Wurstpastete:
1 Militärschüblig, 20 cm  (Rind, geräuchert, im Geschmack ähnlich einem Neuenburger Saucisson, aber langgestreckt, aus der Biometzgerei Stettler in Langenthal)
170 g Pastetenteig, 200 g wären besser, des tiefgefrorenen und aufgetauten Teiges von oben
Senf, mittelscharf
Pfeffer, rot, weiss, grün, geschrotet
wenig Abrieb einer Biozitrone
1 dicker Lauch, die äusseren Hüllblatter
1 Eigelb zum Bestreichen

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mit Pfefferpetarden bestreut
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im Lauchpanzer eingerollt

Zubereitung
(1) Mehl mit dem Salz mischen. Die Butter und das Schweinefett mit dem Mehl verreiben, von Hand oder mit dem K-Haken der Küchenmaschine.
(2) Eier, Eigelb und Wasser langsam in das Mehlgemisch einarbeiten (zusammenfügen, am besten von Hand, auf keinen Fall kneten !).
(3) den Teig mindestens 30 Minuten in Klarsichtfolie eingewickelt im Kühlschrank ruhen lassen.

(4 Schüblig ein paarmal leicht einritzen, die Wunden mit Senf verstreichen und die Wurst in geschrotetem Pfeffer und Zitronenabrieb wälzen.
(5) Lauchblätter (ca. 20 cm hoch) ablösen und in siedendem Salzwasser blanchieren bis sie schlapp sind. In kaltem Wasser abschrecken und auf Küchentuch gut trocknen.
(6) Schüblig auf die nebeneinandergelegten Lauchblätter legen und einrollen.
(7) Das kümmerliche Teigrestchen auswallen, dünn, sehr dünn, der Schüblig hat immer noch keinen Platz, noch dünner, endlich, mit dem restlichen geschroteten Pfeffer bestreuen, den Pfeffer einwallen, den Schüblig im Lauchmantel drauflegen, Teigränder mit Eigelb bepinseln und zu einer Pastete zusammenklappen. Pastete mit Eigelb bepinseln, mit einem scharfen Messer oben ein paar kleine Schnitte anbringen.
(8) Im vorgeheizten Backofen ca. 30 Minuten bei 220°C (U-/O-hitze, Schiene 2) auf einem mit Backpapier belegten Bleck ausbacken.

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Anmerkung
Mit dem wirklich allerletzten Teigrestchen konnte Frau L. gerade noch ein M ausschneiden. Als Militärische Abkürzung (mil. Abkz.) für Militärwurstpastete.

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33 Gedanken zu “Militärwurstpastete 1822”

  1. Eine nette Idee! Ähnliches gibt es auch in unserer Gegend mit der “Bratwurst im Schlafrock”. Den historischen Hintergrund gibt es bei uns nicht, es bleibt ein praktischer Grund, der Metzger hat einfch zu viele Bratwürste produziert.

  2. Die Wurst in Uniform ist eine weitere, glorreiche Heldentat in der Küchenschlacht, die den Frieden zu sichern hilft – den häuslichen ;-)

    Das Rezept wird als 1 MwP (Militärwurstpastete, taktisch, verlastbar) in die Stärke- und Ausstattungsnachweisung des hiesigen Küchenbullen übernommen.

  3. Eine schöne Idee, der Militärwurst mit dem kleinen Rest des guten Pastetenteigs ein warmes Bett zuzubereiten :-). Die Bastelarbeit (das “M” ist ja witzig) ist Frau L. wunderbar gelungen und geschmeckt hat die Pastete sicher auch entsprechend gut. – Danke (wieder) für den historischen Hintergrund. – Ich kenne Würstchen im Schlafrock (Wiener Würstchen in Blätterteig); die gab es vor Jahrzehnten sogar in diversen Cafés (war wohl eine Modeerscheinung und auch ohne historischen Hintergrund). Ich rolle ab und zu halbe Wiener Würstchen in Kartoffelteig (werden in der Pfanne langsam gebraten) und esse Sauerkraut dazu.
    Was sind bitte Pfälzerkarotten, die im Rezept der Biometzgerei Stettler erwähnt werden?

  4. Ich habe noch Mettwurst, Lauch und Blätterteig! Das ginge, ist aber so gar nicht figurfreundlich :-(

  5. @Basler Dybli: ab zur Fassmannschaft !

    @Rosa: Danke Dir auch.

    @Peter: hier werde laufend Würste in Schlafröcke verpackt :-)

    @Bolli’s Kitchen: hier wars pure Restenverwertung.

    @Isi: Danke, gleichfalls, hier beginnen die Januar-Sparwochen.

    @Susa: alles harmlos

    @bee: das Rezept bleibt aber geheim ? es darf keinesfalls dem Feind in die Hände geraten.

    @Nathalie: geräuchert auf jeden Fall, wie weiss ich nicht. Die Wurst muss jedenfalls erhitzt werden.

    @Charlotte: Pfälzerrüebli sind die hellgelben, nicht orangen Karotten. Halbe Wienerwürstchen, der Länge nach halbiert ? Bestimmt gut im Kartoffelteig.

    @kochundbackoase: Mettwurst ist bei uns eine fette, weiche Streichwurst.

    1. @lamiacucina: nein, nicht längs, sondern quer halbiert :-). Kalt schmecken mir die eingerollten Wiener fast noch besser.

    2. @lamiacucina: entschuldige, habe vergessen, mich für die Info zu den Pfälzerrüebli zu bedanken, bin aber trotzdem noch am Grübeln, wie sie bei uns heißen könnten :-).

    3. @lamiacucina: ich habe leider erst heute entdeckt, daß Du am 4.01. ja nochmals wegen der Pfälzerrüebli geantwortet hast. Als “Gelbe Ruam” (Gelbe Rüben) wurden hier früher beide Sorten bezeichnet. Die unterschiedlichen Bezeichnungen gab es erst später, aber die “Gelben Ruam” haben sich trotzdem gehalten :-).

  6. Als Historikerin hat die historische Militärwurst natürlich sofort mein Interesse erregt. Der Name legt ja nahe, dass die Wurst als Militärverpflegung gedient hat anno 1822. Aber damit ist es wohl nichts. Nach meiner google-Recherche muss ich davon ausgehen, dass die “historische” Wurst von einem findigen Metzger erstmals 2009 hergestellt wurde zu eben dem erwähnten Treffen, halt unter Verwendung “überlieferter Rezepte”. Eine geräucherte Rindswurst zum Erhitzen, also quasi ein Frankfurter Würstchen aus Rind, wurde erstmals 1894 von der Frankfurter Metzgerei Graf-Völsing hergestellt. Das nur als Info für historisch Interessierte (wie lamiacucina)

  7. Großartig! Von Militärwurst habe ich noch nie gehört? Ob es die bei uns auch gibt? Werde mal den Metzger d. V. fragen, ob es sie kennt. Die Pastete sieht zum Reinbeißen aus!
    Ein frohes neues Jahr für Dich und Frau L.!

  8. Ein phantastisches ” Werk ” der Frau L. !!!!
    sieht lecker aus, eine perfekte Uniform für eine Militärwurst :-)
    Ich kenne es nur mit Wienerle und dann ohne Lauch, aber Eure Version ist bestimmt geschmackvoller.
    Da beneide ich Euch wieder einmal um kulinarische Möglichkeiten, die es bei usn einfach nicht gibt ….

  9. @aftenstjerne: als Selbstverteidigungswaffe sind sie nicht verboten. Zumal sie nach Friedensschluss vernichtet werden.

    @Petra: es ist wie Du vermutest, der Metzger hat die Militärwurst 2009 nach althergebrachten Rezepten neu kreiert, aus Anlass der erneuten Tagung. Die Wurst entspricht eher einem Neuenburger saucisson als einem Frankfurter Würstchen.

    @Claus: gute Tarnung ist alles.

    @AT: die gibts nur in Langenthal ! Wünsche auch Dir ein gutes, neues Jahr.

    @Karin: dieser saucisson ist mit Wienerle nicht zu vergleichen, ist viel würziger. Im Wurstland Deutschland wirds wohl etwas vergleichbares geben.

    @Tobias: ich bin für jeden Unsinn zu haben.

  10. Ich bin immer wieder überrascht… auch mir ist die Militärwurst fremd… Schönes Rezept… Ich kenne es nur als “Pigs in Blanket” oder sausage roll… toll ich liebe das aber Eure Variante ist super elegant und viel schöner… den Lauch finde ich sehr passend dazu!
    Ist diese Militärwurst speziell gewürzt???

  11. Grüß Gott im neuen Jahr! Der Name ist wirklich abschreckend, aber der Anblick um so verlockender. Habe letzte Woche auf einer Schweizer Skihütte festgestellt, dass eure Bratwürste aus Gold sein müssen. Für Österreicher und Deutsche eine unglaubliche Preissituation. Mit Goldpartikeln schmechts bestimmt besonders gut. ;-)

  12. Vaterlandsliebe ist dicker als Wurst.
    Die Schweizer haben es ja mit der Wurst. Ich glaube am Nationalfeiertag muss es einen “Funkchchchen” geben und dazu eine Wurrrrrscht übern Feuer gebraten geben.

    Übrigens sagt der Erzeuger, die Wurst ist gekocht und kann kalt und warm genossen werden. ;-)

    Bei uns heißt die Wurst “Burnhaxn” = Burenwurst und gibt es auch als Meterwurst zu kaufen.

  13. Total müde nach Hause gekommen, aber bei L. musste ich noch kurz vorbeischauen … da würde ich jetzt auch gerne reinbeißen, sieht lecker und Lauch esse ich sowieso gerne!

    Gute Nacht!

  14. Das erinnert mich an das Würstchen im Lauchtopf, wie hiess das … äh sauccison voudoise oder so? Schön hier als 29er comment sich einzureihen. Da soll einer sagen das kochen einsam macht ;)

    Wünsch Dir noch einen guten Jahresstart! :)

  15. Oh, ein Königreich für diese Militärwurstpastete. Habe ich jetzt Lust darauf. Zum anbeißen. Bei uns ist diese gepökelte Wurst ein Mettwürstchen und wird oft mit Grünkohl und Kartoffeln verspeist. Das zum Streichen ist hier eine Mettwurst.

  16. @alissa: sie ist gut gewürzt (wie ?), eben wie Neuenburger Saucisson.

    @the rufus: ihr Beitrag zeigt Wirkung, wir sind immer noch nicht in der EG !

    @Jutta: Hier gibts selten Suppe !

    @Hannes: Danke.

    @Buntköchin: Nun weisst Du, warum viele Schweizer lieber in Oesterreich ihren Winterurlaub machen :-)

    @entegut: der Funken ist mittlerweile durch Knallfeuerwerk aus China abgelöst, aber die Wurst hat überlebt. Danke für den Hinweis. Ich sollte links nicht nur verlinken sondern auch lesen.

    @Christine: die Beiträge bleiben normalerweise gespeichert und sind auch am nächsten Tag noch zu lesen :-)

    @Dandu: deshalb komme ich ja auch kaum mehr zum kochen ! Saucisson vaudoise ist etwas fetter als der neuchateloise.

    @Poulette: spar Dir dein Königreich noch etwas auf, vielleicht kommt ja noch besseres :-)

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