CH-1580 Avenches: Im Lande der Helvetier

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Avenches, Rue Centrale

Die Wurzeln von Avenches gehen auf die Kelten zurück. Ein Stamm der Helvetier hatte im Lauf des 1. Jahrhunderts v. Chr. vermutlich auf dem heutigen Stadthügel eine befestigte Siedlung errichtet. Die Siedlung entwickelte sich allmählich zum Zentrum der Helvetier, die das Schweizer Mittelland zwischen dem Genfersee und dem Bodensee bewohnten. Gaius Julius Caesar schrieb in seinen Berichten über den Gallischen Krieg, dass die Helvetier im 1. Jahrhundert v. Chr. aus dem Gebiet des heutigen Schweizer Mittellands ins Rhônetal auswandern wollten (nach Cäsar wegen der Germaneneinfälle, nach meiner Meinung wegen des Nebels, der sich im Mittelland so hartnäckig hält). Dieses Vorhaben gefiel aber weder den Römern noch den Galliern, weshalb Caesar die Helvetier in der Schlacht bei Bibracte 58 v.Chr. mit Gewalt an der Auswanderung hinderte und in ihr Nebelheim zurückschickte, damit die entleerte Landschaft nicht den Germanen in die Hände fallen solle. Schrittweise wurde danach bis ins 1. Jh. v. Chr. das gesamte Gebiet der heutigen Schweiz ins Römische Reich integriert. Hat aber alles nichts genützt.

Der Name der römischen Stadt Aventicum, die Hauptort der Helvetier blieb,  ist von der helvetischen Quellgöttin Aventia abgeleitet. Schon bald nach Beginn unserer Zeitrechnung entwickelte sich Aventicum zu einer blühenden Handelsstadt mit rund 20’000 Einwohnern, war damit sieben Mal grösser als das heutige Avenches und wurde im 3. Jhdt. Bischofssitz.

Zur Zeit des Kaisers Vespasian war Aventicum mit einer 5 km langen und bis zu 7 m hohen Ringmauer sowie einem davorliegenden Graben umgeben. Sie wurde mit 73 Türmen verstärkt und besass zwei Haupttore an der römischen Heerstrasse im Westen und im Osten sowie weitere Nebentore. Die Ringmauer umfasste eine Fläche von rund 2 km², von der jedoch selbst zur Blütezeit von Aventicum höchstens ein Viertel überbaut war. Eines der Tore steht noch und wurde restauriert. Dafür hätte man allerdings einen längeren Fussmarsch auf sich nehmen müssen, nichts für uns nach eben überstandener Grippe.

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Aventicum Amphitheater. Weit am Horizont Reste der Stadtmauer

Am Osthang des Hügels von Avenches wurde Ende des 1. Jahrhunderts das Amphitheater, das heute am besten erhaltene nördlich der Alpen, in den Hügel gegraben. Nach einer Vergrösserung zu Beginn des 2. Jhdt. hatte es mit 33 Rängen ein Fassungsvermögen von 14’000 bis 16’000 Personen. Im Juli finden hier jedes Jahr Opernfestspiele statt. Heuer Rigoletto.

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Aventicum, Theatre Romain

Am Südrand von Aventicum befindet sich ein weiteres römisches Theater, das Théâtre romain. Ferner können Überreste von Thermen, des Kapitols und einer Tempelanlage im Freien besichtigt werden. Vom Cigognier-Tempel steht nur noch eine rund 12 m hohe Säule, auf der früher Störche nisteten, weshalb der Tempel später seinen Namen vom französischen Wort cigogne (Storch) erhielt.

Im 3. Jahrhundert n. Chr. setzte ein allmählicher Verfall der Römerstadt ein, verursacht durch innere Reichswirren und Plünderungszüge der Alemannen, die 354 zu einer weitgehenden Zerstörung der Römerstadt führten. In der Folge siedelten sich die verbliebenen Bewohner auf dem Hügel an, auf dem sich das heutige Städtchen befindet. Als Bischof Marius im 6. Jhdt. seinen Sitz nach Lausanne verlegte, bedeutete dies das Ende von Aventicum.

1074 wurde auf dem Hügel das heutige Städtchen gegründet, das im Mittelalter den Namen Adventica trug und seit 1518 Avenches genannt wurde. Die Stadt wurde im 11. Jahrhundert mit einer Ringmauer umgeben und erhielt 1259 das Stadtrecht.

Das unter dem Schutz des Bischofs von Lausanne stehende Avenches verbündete sich 1239 mit Freiburg i.Ue. und 1353 mit Murten. Die Herrschaft wurde in Vertretung des Bischofs durch einen Kastlan ausgeübt. Mit der Eroberung der Waadt durch Bern im Jahr 1536 gelangte Avenches unter bernische Herrschaft und wurde Sitz der Landvogtei Avenches. Mit der Inkraftsetzung der Mediationsverfassung 1803 wurde Avenches zusammen mit dem heutigen Bezirksgebiet als Exklave dem Kanton Waadt angegliedert.

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Avenches, Tour de Benneville
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Avenches, Rue des Alpes

Avenches besitzt eine gut erhaltene historische Altstadt mit malerischem mittelalterlichem Stadtbild. Der Kern der Altstadt mit rechteckigem Grundriss weist eine Ausdehnung von 300 x 200 m auf. Die alte Hauptstrasse von Payerne nach Murten bildet die zentrale Längsachse. Von der ehemaligen Stadtbefestigung sind noch zwei Türme aus dem 13. Jhdt. erhalten. Die Stadtmauer wurde im 19. Jahrhundert geschleift. Auch der im 11. Jahrhundert erbaute Turm am Rand des Amphitheaters gehörte vermutlich zur Ringmauer. Er beherbergt seit 1838 das Musée Romain mit einer reichen Sammlung von Ausgrabungsfunden aus der römischen Stadt Aventicum.

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Avenches, Église Sainte- Marie-Madeleine

Die reformierte Kirche Sainte-Marie-Madeleine wurde Ende des 11. Jahrhunderts im Zentrum der Altstadt errichtet und von 1709 bis 1711 umgebaut.Ihre Eckpfeiler sind mit grossen römischen Architraven unterlegt.

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Avenches, Schloss
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Avenches, Schloss Détail

In der nordöstlichen Ecke der Altstadt steht das Schloss. Es wurde im 13. Jahrhundert als Burg erbaut und war zunächst Sitz des Kastlans, seit 1536 des von Bern eingesetzten Landvogts. Dieser liess von 1565 bis 1568 eine grundlegende Umgestaltung zum heutigen Renaissanceschloss vornehmen. Es  beherbergt heute die Stadtbibliothek.

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Avenches, Schloss Détail

Essen wollten wir in der Stadt. Das eine Lokal, das Restaurant des Bains, war geschlossen, das andere, das Restaurant du Maure schien in Einrichtung und Menukarte im Zeitalter von Louis XV zu verharren. Wir hatten keine Lust, als einzige Gäste in Plüsch und Plum zu essen. So etwas war selbst uns Konservativen zu klassisch.  Das Städtchen wirkte ohnehin beinahe ausgestorben. Schliesslich haben wir in Murten gegessen. In der Käserei. Sehr angenehme Trouvaille.

Quellen: wiki Avenches und Aventicum

 

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Eckpfeiler der Kirche aus heidnischen Zeiten, ein solides Fundament

Quellen: Aventicum, Avenches

14 thoughts on “CH-1580 Avenches: Im Lande der Helvetier”

  1. Die phaenomenale Darstellung der Einfachheit strukturiert durch Bautrupps, die gleich dem Verschwinden vorheriger Herrschaftsbereiche nicht sichtbar agieren, sind die gelungene Aufführung im klassischen Amphitheater, welches durch aneinander- und übereinandergedrängelte 10.000er Schar an Unterstützung gewinnt, ein frühes Stück offenes Theater, die Versinnbildlichung damals moderner Unterhaltunsindustrie.

  2. Die in der Küche gesparte Kraft fließt wohl direkt in historische Ausflüge und Abschweifungen? Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das freut!, und hoffe, es bleibt genug Zeit zum Ausruhen vom Internet. Sonntag ist ja zum Glück nur einmal die Woche. Frühlingsgrüße sendet Poliander

  3. Warum ist das Städtchen so leer?

    Wenn Du es im letzten Absatz nicht selber erwähnt hättest, dann hätte ich vermutet, dass Du alle Leute erst auf die Seite schickst, bevor Du ein Foto machst.

  4. @kulinaria: Nur dass früher die Menschen irgendwie regenbeständiger waren.

    @Poliander: Am Ausreiseprogramm wird nichts eingespart. Sonst bin ich mit einer Reduktion auf 50% zufrieden.

    @Nathalie: auch für Rock&Popkonzerte, was dem ursprünglichen Gedanken näher kommt also Opern.

    @Barbara: wir verlassen die Schweiz kaum und haben noch Jahre Stoff zum berichten ;-)

    @nata: Die Läden waren auch ausgestorben. Käsehändler und Metzger haben ihre Läden dichtgemacht. Die Menschen scheinen Tag und Nacht in der vor der Stadt gelegenen Nespre.sso Fabrik zu arbeiten, die auf Hochtouren Kapseln produziert.

    @Rosa: oh ja. Es hätte für viel mehr Fotos Gelegenheit gegeben, aber wenn der Begleitung die Geduld ausgeht, ist Schluss ;-)

    @bee: das jüngste Gericht wird keinen Stein auf dem andern lassen. Das gibt vielleicht Gelegenheiten für weitere Fotos.

  5. die assoziation mit gallischer krieg, helvetier im nebel und germanische eroberung in der jetztzeit über ein produkt welches in berlin-charlottenburg erfunden wurde, wenn das nicht grosse prosa ist! chapeau

  6. Wenn du so weitermachst, werde ich noch Dauertourist in der Schweiz ;-) Dabei gibt es auch in Deutschland noch soviel, was wunderschön ist und ich noch nicht gesehen habe. Überall gibt es diese Orte. Irgendwie traurig, dass man nie alle sehen wird…

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