CH-1323 Romainmôtier: Juwel Cluniazensischer Baukunst

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Stiftskirche Romainmôtier

Abgeschieden in einer Talsenke zwischen den ersten Ausläufern des Juras, unweit von Orbe entfernt, liegt das ehemalige Benediktinerkloster Romainmôtier. Gemäss einer Legende wurde es vom heiligen Romanus in der Mitte des 5. Jahrhunderts gegründet. Es ist damit die früheste Klostergründung auf dem Boden der Schweiz. Nach einer ersten Zerstörung durch Alemannen wurde 632 eine zweite Abtei begründet nach den Regeln des Heiligen Columban. Im 9. Jahrhundert erlebte das Kloster wiederum eine Zeit des Niedergangs. Das Kloster, nunmehr im Besitz der Könige von Burgund wurde 928/29 dem Reformkloster Cluny übergeben. Die 909/910 in Cluny gegründetet Benediktinerabtei stand an der Spitze eines der wichtigsten Mönchsorden des Mittelalters. Seit dieser Zeit hatte Romainmôtier den Status eines Priorats, erst 1447 erhielt es wieder den Titel einer Abtei. Trotzdem wurden dem Kloster noch von König Rudolf  III. von Burgund und später von reichen Waadtländer Familien umfangreiche Schenkungen vermacht.

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Stiftskirche Romainmôtier
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Uhrturm und Südseite der Stiftskirche Romainmôtier

Nach dem Vorbild der zweiten Abteikirche in Cluny errichteten Cluniazenser Mönche bis 1027  im romanischen Stil eine neue Kirche. Die Güter des Priorats bildeten ein geschlossenes Territorium rund um das Kloster und umfassten zwölf Dörfer. Der Grundbesitz reichte aber bis ins Elsass und in das benachbarte Frankreich hinein. Diese Blüte hielt bis in das 15. Jahrhundert an. Aufgrund seiner Grösse, seiner Rechte und seines Grundbesitzes bildete das Priorat Romainmôtier eine Art Kleinstaat.

Mitte des 15. Jh. gelangte Romainmôtier an Angehörige der Herzöge von Savoyen, also in weltliche Hände.  Die Einkünfte des Klosters wurden abgezweigt, die Klosterregeln immer weniger respektiert. Das Amt des Priors wurde nur noch an Günstlinge der Savoyer vergeben. Nach der Eroberung der Waadt durch Bern wurde das Kloster 1536 aufgehoben. Grund für die sofortige Säkularisation waren wohl die engen Verbindungen mit Savoyen. Widerspenstige Mönche, die den neuen Glauben nicht annehmen wollten, wurden ausquartiert und vertrieben. In der Folge wurden der Kreuzgang und die Konventsgebäude mit Ausnahme des Priorhauses abgebrochen, und die Klosterkirche 1537 in eine reformierte Pfarrkirche umgewandelt.

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Reste des von den Bernern abgebrochenen Kreuzganges
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Stiftskirche Romainmôtier: Vorbau zum Narthex

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Priorhaus diente nach der Säkularisation des Klosters dem bernischen Vogt von Romainmôtier als Amtssitz und Schloss. Es erfuhr im 16. und 17. Jahrhundert einige Umbauten.

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Schloss Romainmôtier, Amtssitz der Berner Herren
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Scheune hinter dem abgebrochenen Kreuzgang

Die Stiftskirche gilt als eines der ältesten Gebäude der Schweiz im romanischen Stil. Die Basilika besitzt einen kreuzförmigen Grundriss: ein dreischiffiges Langhaus mit einem Querschiff und einem Vierungsturm mit flachem Pyramidendach, das in einem spitzen Nadelhelm ausläuft. Die ursprünglichen drei Apsiden sind nicht mehr erhalten, sie wurden im 14. und 15. Jahrhundert durch rechteckige gotische Kapellen ersetzt. Die archäologischen Grundrisse der verschiedenen Bauetappen finden sich hier.

Im Innern enthält die Stiftskirche einen Ambo (frühe Form der Kanzel) des Vorgängerbaus aus dem 8. Jahrhundert der die Reformation unbeschadet überdauert hat. Schöne Fresken aus dem 14. Jahrhundert und das aus dem 15. Jahrhundert stammende Chorgestühl.

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Das Innere von St. Pierre et St. Paul
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Gotik und Romanik, einträchtig nebeneinander
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Kreuzgewölbe mit auch für reformierte Augen unverfänglichen Mustern
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Von den Bernern mit weisser Tünche übermalt
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Die Luft flimmerte warm draussen, sorry, den Beitrag musste ich immer wieder verschieben
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Ingeniöse, artesische Wasserumleitung im Schlossgarten
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Hier findet das Herz klösterliche Ruhe... und etwas zu essen

Das Dorf ist klein. Etwa 400 Einwohner. Gegessen haben wir in Croy, im Dorf nebenan, in der Rotisserie au gaulois, einfach, aber gut gekocht. Den Kaffee nimmt man am besten im fleur de farine, der dörflichen Bäckerei mit freier Sicht in die Backstube, wo jedoch am Nachmittag Backruhe herrschte.

Quellen: wiki und Commune de Romainmôtier-Envy

19 Gedanken zu “CH-1323 Romainmôtier: Juwel Cluniazensischer Baukunst”

  1. Wunderschön, Robert!
    Ich hatte mich zuallererst in Romainmôtier verliebt, nachdem ich in den 70-er Jahren “Mein Traumschloss auf Erden” von Katharina von Arx las.
    Sie hat mit ihrem Mann zusammen das Priorhaus/Schloss auf Vordermann gebracht.
    http://www.kath.ch/index.php?PHPSESSID=10r3r1djcoeeokfjnct731hgp2&na=12,0,212,1,f,34636
    Sie ist heute über 80, wohnt aber immer noch im Schloss.

    Übrigens gibt es in der Bäckerei ein Cluny-Brot!
    Und bis vor 2 Jahren hättest Du im Restaurant Le Lieutenant Baillival ausgezeichnet gespiesen…
    Vielleicht verschlägt es Euch ja mal im Sommer dahin?!

    Merci für schönen Fotos!

  2. Und wiedermal hast DU mich begeistert, tolle Bilder … meine Reiselust wird immer größer ;o)

    Dabei hab ich überhaupt keine Zeit … da müssen die Bilder im Moment mal genügen … also immer schöne Ausflüge machen, damit ich mitfiebern kann ;o)

    Lg Kerstin

  3. Seit Jahren wünsche ich mir einen Bericht von Dir über diesen Zauberort, und dieser Wunsch ging heute in Erfüllung. Vor 30 Jahren ungefähr war ich auch dort und seither träume ich ab und zu von dieser Kirche. Im Oktober war ich in Cluny, da steht leider nicht mehr so viel, da Kirche und Kloster seit der französischen Revolution als Steinbruch dienten. Herzlichen Dank und schönen Sonntag!

  4. Vielen Dank für den schönen, informativen Bericht! Wir haben seinerzeit auf der Durchreise Cluny besichtigt und waren von der Weitläufigkeit der Anlage sehr beeindruckt. Wobei dort auch große Teile des Klosters nicht mehr stehen.
    Herzliche Grüsse in die Schweiz und einen schönen Sonntag, Brigitte

  5. Vielen Dank, insbesondere die Übersicht über die Baustufen ist hochinteressant. Wenn die Fremdenführer in unseren heimischen Backsteinkathedralen so leichthin „… wurde gotisch überbaut…“ erzählen, dann steckt dahinter ein großartiges Stück Architekturgeschichte.

  6. @Nathalie: wusste doch, dass Dir die alten Steine gefallen.

    @Heike: Sodom und Gomorrha sind nirgendwo schöner zu besichtigen, als in Kirchen.

    @Ti saluto Ticino: bald rentiert sich ein Umweg ;-)

    @Verboten gut!: Leider ist für eine Weile Schluss mit der Herumreiserei. m.a.W.: es werden wieder kleinere Brötchen gebacken.

    @Buchfink. mag mich erinnern an deinen Wunsch. Seither waren wir schon mehrmals hier, aber entweder wars bewölkt, neblig, der Sonnenstand so tief, dass das Dorf im Schatten lag oder Frau L. drängelte nach Hause. Diesmal sind wir extra dafür nach Romainmôtier gefahren.

    @Brigitte: es gibt in der Gegend noch mehr Kirchen, die auf Cluniazensergründungen zurückgehen. Nächstes Jahr.

    @bee: da möchte man sich in vergangene Jahrhunderte zurückbeamen lassen. Nur um zu sehen, wie die Anlage damals wohl ausgesehen haben möchte.

    @Micha: wahrlich ein Kleinod. Gut besucht, und doch wenig bekannt.

  7. danke fuer diese reise, geniesse die fotos und beschreibung und vielleicht kann ich ja mal selbst dort hin, wenn nicht ist diese fotoreise ein guter ersatz.

  8. Immerhin haben Reformation und Säkularisierung den mittelalterlichen Gebäuden die Barockisierung erspart, die so viele katholische Kirchen im Zuge der Gegenreformation erfahren haben. Was für ein wunderschöner Ort! Danke für Bericht und Bilder, die mir den Montagmorgen verschönen.

  9. @the rufus: hier wird viel gesungen.

    @karine: bestimmt eher als ich nach China komme :-)

    @Poliander: In Italien gibts auch ohne Reformation nur wenig Barock. Aus Geldmangel ?

  10. Italien: Geld? Ich weiß nicht. Ohne Reformation keine Gegenreformation, jedenfalls nicht so viele barocke Innenausbauten in romanischen Kirchen. Ob man zudem sensibler war? Im deutschsprachigen Raum jedoch wurde in der Gegenreformation barockisiert, was das Zeug hielt. Ob die Art Propaganda den Eifer der katholischen Gläubigen befeuerte? Im reformierten Norddeutschland blieben Gotik und Romanik häufiger von barockem Innenausbau verschont. Die Übereifrigen, wie die Münsteraner Wiedertäufer, aber schleiften in ihrem Bildersturm gleich alles außer den Mauern. So ist nichts vollkommen.

  11. Eine wunderschöne, so richtig bodenständig, robuste, wehrhafte Kirche und doch so kunstvoll ausgestaltet. Aber am besten gefällt mir doch die Wasserumeitung ;-) Ich überlge jetzt, ob ich das in meinem Garten irgendwie auch machen kann. So gut gefällt mir das.

  12. @Poliander: wenn die Trümmer der Schleifung ordentlich vergraben wurden, so haben die heutigen Archäologen wenigstens etwas zu tun. Wie in Bern, wo das Material zum Auffüllen des Kirchhofs benutzt wurde.

    @april: die Wasserumleitung würde ich Dir bei Frostgefahr nicht mehr empfehlen.

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