CH-4500 Solothurn: Das Grillierte Krokodil

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Einmal mehr bot uns die Solothurner Gastronomie Überraschungen. Vor drei Jahren war es das Al Grappolo, in welchem die einzige Serviererin mangels Koch (!) den Spagat zwischen Küche und Service versuchte. Ein andermal wollte sich im noblen Stübchen des alten Stephan (16 GM-Punkte) geschlagene 15 Minuten lang niemand um uns kümmern. Sind wir halt wieder gegangen. Diesmal hatte ich uns einen schönen Gartenplatz im barocken Palais Besenval gefunden, das schaute nach einem lauschigen Lunch aus: hier wollten wir Mittagessen.

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Palais Besenval

Nach einem Blick in die Speisekarte begann es Frau L. zu wurgeln: sieh mal das an, grilliertes Krokodilfilet ! Seite 6 der  Speisekarte Besenval. “Kenner” mögen unsern Unverstand entschuldigen. Krokodil gibts in der Schweiz auch auf andern Speisekarten, nur dass wir Gaststätten, in denen solches serviert wird, nicht besuchen.

Ein Blick von der Restaurantterasse ins vorbeifliessende Wasser der Aare bestätigt meine Befürchtung: am Ufer der Aare wimmelts von träge herumliegenden Krokodilen. Sogar die Krokodilwächter, Vögel, die sich in den Mäulern von Krokodilen aufhalten sollen, um diese zu säubern, warten auf Beute.

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Krokodilwächter (Pluvianus aegyptius), auf einem Krokodilschwanz sitzend

Rasch kippten wir den Roero Arneis hinunter, in der Eile des Aufbruchs vergass ich nach der Herkunft des Fleisches zu fragen. Bei Schweizer Krokodilen hätte man ja mal eine Ausahme machen können. Gilt hier doch der von jedem Schweizer verinnerlichte Slogan: Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage.

Da das Hotel de la Couronne seine Pforten bis 2014 geschlossen hat, machten wir uns hungrig auf durch die Altstadt. Das Zentrum ist kompakt, alles liegt nahe beieinander.

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vor der St. Ursuskathedrale: die Krone

Doch wenn der Wurm einmal in einer Sache steckt, so steckt er drin. Trost fand ich später abends in Jeremias Gotthelfs Annebäbi Jowäger. Da kann man nachlesen, dass auch Annebäbi anlässlich einer Märitfahrt nach Solothurn erst über dünne Suppe dann über hartes Fleisch, letztlich über die katholischi Chust (Geschmack) klagte, wo alles heyg. Das Annebäbi kriegte wenigstens etwas zu Essen.

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Marktplatz

Wunderschön der Zeitglockenturm, erbaut teilweise in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, das älteste Bauwerk der Stadt. Das Turmuhrwerk wurde von Laurentius Liechti um 1545 angefertigt. Das grosse astronomische Zifferblatt kündet Tag, Monat und Jahreslauf an. Die Figurengruppe in der Mitte des Turms sind Ritter, Tod und, auf dem Thron sitzend, ein König mit Narrenkappe. Zu jeder vollen Stunde dreht der Sensenmann sein Zeitglas.

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Zeitglockenturm

Das Landhaus an der Aare war in früheren Zeiten der Landeplatz und Lagerhaus für Weintransporte vom nahen Bielersee her. 1955 brannte es bis auf die Mauern ab und wurde wieder hergestellt.

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Landhaus

Dass man in Solothurn schon im Spätmittelalter mit Krokodilen zu kämpfen hatte, beweist der St. Georgsbrunnen aus dem Jahre 1584, der die Rettung der jungfräulichen Königstochter vor der grünen Bestie veranschaulicht.

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Selbst die heutigen, modernen Fresken an der Schmiedengasse sind in bedrohlichem Krokodilgrün gehalten.

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Pour Nina et Céline

Nach Hirschpfeffer hatten wir auch keine Lust…

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Letztlich zogen wir es vor, uns, wie dieser freundlich blickende Knabe in der Relief-Vignette, aus einer Bäckerei zu verpflegen. Da weiss man doch, was man hat.

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Fassadendetail einer ehemaligen Bäckerei, heute Parfümerie

Anmerkung: Irgendwann werden auch wir hier einmal fündig werden, was Essen anbetrifft. Solothurn, wir kommen wieder.

21 thoughts on “CH-4500 Solothurn: Das Grillierte Krokodil”

  1. Oh,ihr Armen! Es gibt so viele Restaurants in Solothurn, in denen man wunderbar isst. Ich schick Dir per Mail eine Liste – Du wirst nie wieder hungrig durch Solothurn irren müssen.

  2. Tolle Bilder der schönsten barockstadt der Schweiz :-) und hungernd durch Solothurn? Wir essen nicht oft in der Stadt, mussten aber noch nie mit knurrenden Mägen durch die Gassen laufen. Krokodil im alten Spital, Sachen gibt’s :-) das Gasthaus zum alten Wirten und das Rest. Baseltor sind gut
    Grüessli
    Irene

  3. E feini und scheen bebilderti Sunntigmorgelektüre wo mi zem Schmunzle brocht het. :-) Dangge.
    Und – Alles Gueti bi beschter Gsundhait zem Geburtsdaag !

  4. Und wenns nicht geschmeckt hat, aber SCHÖN wars :)!

    Übrigens auch meine Meinung: Bevor man mit gutem Geld schlechtem Essen hinterher wirft, dann lieber ein Sandwich aus der Boulangerie.

  5. Ich war tatsächlich schon mal einen cm davon entfernt, Krokodil zu essen, hatte es schon auf der Gabel..aber als ich in das leicht angespannte Gesicht und auf dem “hochkäuenden” Kiefer meines Bruders sah, habe ich es mir anders überlegt…er meinte, das Fleisch sei gut, aber erwische man ein Stückchen Fett, schmecke das wie Sch…das war allerdings in Afrika, vielleicht schmecken Schweizer Krokos anders…? ;-)

    Liebe Grüsse und einen schönen, kulinarisch erfolgreichen Sonntag!

    Vanessa

    1. Ich hatte auch mal Krokodil gegessen. Ich fands eigentlich ganz lecker. Muss dazu sagen, dass es allerdings incl war als ich eine Rundreise durch Südamerika gemacht hab und ich auch gar nicht mehr genau weiß, ob es überhaupt noch eine Möglichkeit gab was anderes zu essen. Falls Du den Geschmack überprüfen willst, damit war ich unterwegs -> http://www.derpart24.de/reiseberichte/suedamerika-rundreise.html :). Gut, dass ich nach Solothurn noch nie wegen dem Essen gefahren bin. Ich hab mir immer was bei Denner geholt, wenn ich da war. IdR geh ich nach Solothurn wegen der Architektur.

  6. Schade, schade – ausgerechnet Solothurn … und ich freute mich schon, etwas über das feine Essen im Kreuz, Baseltor, Taverna Amphorea oder im neu eröffneten Stalden zu lesen. Das sind im übrigen auch gerade die Adressen, die ich Euch für den nächsten Solothurnbesuch empfehle. Die ersten drei bieten seit Jahren Gewähr für kulinarischen Genuss – der Stalden ist neu und ebenfalls gut. Und am Rand von Solothurn, bietet sich das Restaurant Industrie mit einem lauschigen Garten oder das Pintli in Feldbrunnen an. Mit dem Besenval habt ihr wirklich eine schlechte Wahl getroffen und die Krone bot auch vor ihrer Schliessung kulinarisch nicht grad einen Höhenflug an.

  7. Lieber Robert,
    wenn ich alles richtig verstanden habe, wünsche ich erstmal alles Gute zum Geburtstag (lass Dich verwöhnen ;-)) und dann drücke Euch mein Bedauern zum “Diätreisli” aus – ist ja schlimm, was man da alles über sich ergehen lassen muss. DbEva und ich haben allerdings durchaus erfreuliche kulinarische Erinnerungen an Solothurn :-)
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

  8. Schweizer Krokodile kenne ich in grün (SBB) und braun (RhB), aber auf dem Teller: ibäähh, muss nicht sein.
    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

  9. @Wilde Henne: das glaube ich Dir gerne, man muss nur wissen wo. Da ich nie ohne Alternative ausreise, suchten wir das Salzhaus auf, da sass das Servierpersonal aber schon rauchend an einem Tisch. Küche geschlossen.

    @Irene: Hungers wären wir nicht gestorben. Notfalls hätte ich noch gewusst, wo es die guten Erdbeerchuechli gibt.

    @Basler Dybli: Danke Peter, die Gesundheit wird immer wichtiger, setzt immer mehr Grenzen.

    @Micha: je länger je mehr haben wir das Problem, dass zuhause alles besser schmeckt. In meinem Alter ändert man sich nicht mehr.

    @Vanessa: klar, dass im Bergquell badende Schweizer Krokos anders schmecken. Bin heute aber zufrieden mit meinen Pilzravioli.

    @Regina: Danke für die tipps. Ist schon eine Weile her, dass ich das letzte Mal den Markt besucht habe. https://lamiacucina.wordpress.com/2007/07/14/ch-4500-solothurn-samstagsmarkt/

    @Bonjour Alsace: um Gottes Willen, wir trinken nicht mehr als ein Glas. Heute jedoch zwei. Und was für welche.

    @Cooketteria: das sind die lebenden Zahnbürsten der Krokodile.

    @Ueberall&Nirgendwo: da hast Du Recht, hier gibts alles auch. Teure Weltreisen erübrigen sich.

    @lieberlecker: Danke Andy, es wird halt immer schwieriger, wir sind ja unverschämt anspruchsvoll, verlangen gutes Essen und freundlichen Service. Auch wenn jedes Restaurant das zu erfüllen vorgibt, die wenigsten bringen es fertig, beides gleichzeitig zu bieten. Und haben wir eins gefunden, so kippt die Sache beim nächsten Besuch. Dabei wären wir ideale Dauergäste, essen viel auswärts, brauchen nicht auf den Preis zu schauen. Meckern nie. Aber bleiben einfach weg, wenn eins der beiden, Qualität oder Service, nicht mehr stimmt.

    @Rosa Mayland: this will not be the last report about Solothurn !

    @bee: mittlerweile bin ich mit Essadressen in Solothurn eingedeckt für die nächsten 5 Jahre.

    @elettra: hab unlängst ein braunes auf der Berninalinie gesehen und war so erschrocken, das ich das Fotografieren verpasste.

    @the rufus: so etwas wie surf’n bake.

  10. Nachdem ich gestern den Birkenkopf besucht habe (die höchste Erhebung Stuttgarts, die zw. 1953 und 1957 nochmal um 40 Meter anwuchs, weil man den Schutt der zerstörten Stadt hier anhäufte) und nun ein weiteres Mal deine Fotos von so schöner alter Bausubstanz betrachte, wird mir – wie so oft schon – dieser schreckliche Verlust bewusst. Wenn ich auch meine Grüße gestern schon andernorts übermittelt habe, trotzdem hier noch einmal ein Happy Birthday! ;-)

    1. Danke ! Baggerzähne und Bauspekulation sind ebenso verherend wie Fliegerbomben und haben auch hier ganze Strassenzüge niedergelegt. Wenngleich auch in etwas geringerem Ausmass als in Stuttgart, Nürnberg oder Dresden.

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