Past’ e lenticchie. Eine Offenbarung

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Bauerngericht: Es gibt sie noch, die guten Dinge

Es gibt Gerichte, deren Wert man erst einzuschätzen weiss, wenn man sie einmal gegessen hat. Eben wieder erfahren mit Pasta und Linsen: ein Gericht, für das man seelenruhig sein Erstgeburtsrecht verschenken darf. Wahrlich eine Offenbarung. Aber will das heutzutage überhaupt noch jemand wissen ? Welches Restaurant von Rang und Namen würde sich getrauen, solch rustikale Bauerngerichte auf seine Karte zu setzen ? Keines.

Der Wert einer Schweizer Uhr richtet sich nach der Anzahl eingebauter Komplikationen: sind gleichzeitig akustische Signale, astronomische Anzeigen und Zeitmessungen eingebaut, spricht man von einer grande complication. Je mehr Komplikationen, desto wertvoller die Uhr. Beim Essen verhält es sich heute ähnlich. Je mehr unterschiedliche Komplikationen ein Koch in ein Gericht einbaut, desto schneller hat er seinen ersten Michelin-Stern am Eingangsportal kleben.

Gottseidank bedeutet die Reduktion auf das Wesentliche, die grande simplification, nicht zwangsläufig wertlos oder billig. Weder bei Uhren noch in der Küche. Puristische Köche, denen es gelingt, aus wenigen, aber besten Zutaten und einfachster Zubereitung ein Optimum an Geschmack herauszuholen, verdienen unsere Anerkennung. Claudio von den Anonymen Köchen ist so einer. Past’ e lenticchie: sein Lieblingsgericht. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Endlich auch für mich nachvollziehbar mit dem von Claudio erhaltenen Geschenk: einer Packung schwarzer, abbruzzesischer Linsen.

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Pasta und Linsen im unpassenden Spaghettiteller

Zutaten
für 2 Esser
gut 150 g schwarze Linsen aus Santo Stefano di Sessanio (andere kleinwüchsige, festkochende Sorten sind bestimmt auch verwendbar)
4 Elf. Olivenöl
1 Lorbeerblatt
1 heurige Knoblauchzehe
1/3 Peperoncino, entkernt, in Streifen geschnitten
4-5 Elf. dicke Premium-Tomatenpassata
1 kleine Stange Staudensellerie
Salz, Pfeffer

130 g Hartweizenmehl
1 Ei und 1 Eigelb
1 Tlf. Olivenöl

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Linsen aus Santo Stefano di Sessanio: dunkelbraun, klein und festkochend

Zubereitung
(1) Zutaten zu einem geschmeidigen, nicht klebenden Teig kneten. Mit der pastawalze auf  6/9 auswalzen. Die Platten bemehlen und mit dem Pizzarad erst längs zu Nudeln, dann quer in kleine Quadrate von ca. 6×6 mm schneiden.

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mit dem Pizzarad oder dem Gemüsemesser geht das schnell

(2) Das Olivenöl in einem Topf erhitzen, darin den angedrückten Knoblauch, das Lorbeerblatt, den Stangensellerie und den Peperoncino langsam andünsten. Ca. 5-8 Minuten.
(3) Tomatenpassata und die mit Wasser abgebrausten Linsen (ohne einzuweichen) zugeben und mitdünsten. Ca. 350 ml Wasser und wenig Salz zugeben und während 30 Minuten leise köcheln.
(4) Die Nudelquadrate in schwach (!) gesalzenem Wasser al dente kochen, abgiessen, dabei das Kochwasser auffangen.
(5) Die Nudelquadrate zu den Linsen geben und soviel vom Nudelkochwasser unterrühren, bis man eine glänzende, mehr oder minder dicke Suppe hat.

Eine Offenbarung. Sagte ich das schon ? Diese Suppe gehört in braunen, irdenen Suppentöpfen serviert. Kulinarische Offenbarungen darf man aber auch im Sonntagsporzellan mit dem Rocaillemuster der herzoglichen Porzellanmanufaktur Ludwigsburg servieren. Dazu anstelle eines schweren, marmeladig-pomadigen Super-Toskaners einen altmodischen, leichten Chianti aus dem strohummantelten 2-Liter Fiasco. Wenn man heute überhaupt noch einen findet, der gut ist.

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wenn die braunen Tontöpfe fehlen…

41 thoughts on “Past’ e lenticchie. Eine Offenbarung”

  1. Und wieder einmal ist es dir gelungen einem bodenständigen Gericht, das dich begeistert hat, mit deinen Worten und deiner Präsentation so viel Gewicht zu geben, dass wir es sicherlich nachkochen werden – danke dafür!

  2. Die Präzision deiner Quadrate erinnert mich ebenfalls an Schweizer Uhren ;)!

    Linsen esse ich im Verhältnis dazu, wie gerne ich sie mag, viel zu selten. Also mal wieder ein hier mitgenommenes Gericht zum Vormerken! Merci!

  3. Geteilte Freude ist doppelte Freude, danke, Robert! Ich mach mir einen Knopf ins Taschentuch: Diesen Sommer besorge ich dir Linsennachschub aus den Abruzzen – und die irdenen Töpfchen finde ich bestimmt auch. Liebe Grüsse an Frau L!

  4. Die Schwaben wußten es ja schon immer- und inzwischen wurden einige althergebrachte Linsen-Sorten wie die Alb- oder die Gäu- Linse wiederbelebt, alles wunderbare kleine aromatische Sorten.
    Gibts bald mal wieder- vielleicht sogar mit deiner Pasta anstelle von Spätzle.

  5. Auf welchem Teller auch immer Du es servierst – dieses Essen ist einfach fantastisch. Auch wenn es, wie üblich, natürlich viel attraktiver präsentiert wird, wenn Du es machst, als wenn ich mich dafür in die Küche stelle ;-)

  6. Das italienische, vegetarische Pendant zu Spätzle mit Linsen klingt doch gleich edler, obwohl ich auch seine süddeutsche “Schwester” sehr schätze. Und selbst in schwarz-weiß ein Blickfang!

  7. Dass Du diese sehr schöne Variation des hiesigen Nationalgerichtes (in einem Anflug von Größenwahn behaupten wir Schwaben ja gerne mal, die Römer hätten die Pasta bei uns geklaut), auch noch auf Ludwigsburger Porzellan präsentierst, ist superplusplus!

  8. Grande simplification ist gerade in der Hochküche wieder en vogue und auch die Fiasco-Flasche erlebt im Chianti gerade eine Wiedergeburt. Du kochst und trinkst also am Puls der Zeit!

  9. Dein Rezept kommt mir wie gerufen. Letzte Woche war ich auf der Schwäbischen Alb und habe mir 2 Päckchen “Alb-Leisa” (schwäbisch für Linsen) gekauft, die einen sind klein und dunkelgrün und die anderen winzig und hellgrün, die müßten sich bestens dafür eignen.

  10. Ach Robert, du hättest einen guten Schwaben abgegeben. Gerade die Einfachheit dieses Gerichts ließ es hierzulande zum Nationalgericht werden – allerdings, wie schon geschrieben, mit Spätzle statt der Pasta. Für den Schwaben wäre allerdings noch ein guter Schuss Essig die Kür, dessen Säure hervorragend zu den Linsen passt.

    Übrigens, es gibt (wieder) Ausnahmen: Mit Hans-Harald Reber vom Reber´s Pflug in Schwäbisch-Hall (immerhin 1 Michelin-Stern und 16 GM-Punkte) haben wir vor ein paar Wochen auf der Slow-Food-Messe Hällisches Schweinebäckchen auf süßsauren Alblinsen mit Steckrüben-Lauch-Gemüse gekocht. Das war simpel, aber phantastisch!

    Lieben Gruß, Dirk

  11. Linsen, ob mit Nudeln, Spätzle, Kartoffeln, Reis, etc. warm oder kalt, mag ich immer essen. Deine Past’ e lenticchie sind wirklich eine Offenbarung. Doch woher hast Du die ruhige Hand, um derart akurate Nudelquadrate zu schneiden ;-)

  12. Morgen fahre ich los, nach Santo Stefano, um Linsen zu kaufen ;-) Doch Spaß beiseite: ich kann den Grundtenor deines Posts nur unterstreichen: einfache Küche kann sehr, sehr fein sein. Der Meinige schwärmt immer noch von den Steinpilzgerichten seiner Großmutter.

  13. @Eva: wenn ich ins Schwärmen komme, dann ist kein Halten mehr. Ihr seid doch an der Adria, meine Lieben. ihr sollt doch Ferien machen !

    @Micha: die nächste Sorte sind Alb-Leisa. Dafür fahren wir nächstens auf die Alb oder Alp, je nach Wetter.

    @Sugarprincess: auch mit Schinken werden sie gut schmecken. Nun hast Du schon einpaar Kommentare :-)

    @Rosa Mayland: lentils at its best.

    @Claudio: Linsen gerne. Danke für das Angebot. Mit dem Geschirr wars nicht so ernst gemeint. Spaghettiteller gehen sehr wohl auch. Schon aus Platzgründen.

    @ninivepisces: bin guter Dinge, dass es mir gelingen wird, Frau L. auf die Alb zu locken.

    @magentratzerl: ach nein, wie kommst Du darauf, dass deine Teller weniger gut angerichtet seien ?

    @mangoseele: schwarz-weiss um die Farbfehler zu verdecken, die bei trübem Tageslicht gestört hatten.

    @lieberlecker: dabei hatte der Schiller bestimmt einen Teller mit Alb-Leisa vor sich.

    @Wilde Henne: um für 4 Personen zu kochen, muss ich noch etwas üben, bin nicht der Andy ;-)

    @bee: interessant, sind die nicht farblos und glasklar ?

    @Gottfried: das Porzellan stammt noch aus unserer reiselustigen Zeit ins Hohenlohische (via Schwaben)

    @mittagsmutti: Linsenseelen ? hmmh.

    @Eline: Danke, von der Trendumkehr wusste ich gar nichts, aber wir gehen auch nicht mehr in besternte Lokale.

    @Buchfink: darf ich fragen, wo und in welchem Ort Du sie gefunden/gekauft hast ?

    @Rufus: wer nichts erbt, dem kann das doppelte Erbe egal sein.

    @Dirk: ich habe bis anhin viel zu wenig mit Linsen gekocht. Das soll sich aber ändern. Süss-sauer ? mit einem heimischen Balsamessig ?

    @Kochbuch für Max und Moritz: mit dem Pizzarad und einem Schluck Chianti ist gut gerade schneiden. Da darf die Hand auch zittern.

    @Franka: Pilze, einfach so. Da lässt sich gut schwärmen. Geh nur nach Santo Stefano. Ich fahre dafür auf die Alb, muss sie allerdings erst auf der Karte suchen gehen.

    1. Wie Ninive unten angemerkt hat, lieber einen kräftigen Rotweinessig. Das traditionelle schwäbische Linsengericht würzt man beim Kochen dezent säuerlich und reicht am Tisch Essig pur zum Nachwürzen. Je nach Gusto kippt der gemeine Schwabe dann mehr oder weniger, teilweise aber erschreckend große Mengen über seine Portion. Ich persönlich mag das nicht, mir reicht eine dezente Säure. Bei der oben erwähnten süß-sauren Variante kam die Süße übrigens von Honig. Die passenden Alb-Leisa gibt es z. B. hier: http://www.muehlenlaedle.de/muehlenlaedle/cms/public/shop/~csc/product_info-a58.html?info=p741_Alb-Leisa-500g.html

  14. Der Teller lacht mich ja richtig an! Ich liebe Linsen (-suppe, -salat, -gemüse…), und die selbstgemachten Nudelquadrate sehen top aus und sind eine klasse Idee!

  15. Linsen!!! mit Nudeln!!!
    Exquisite und geliebte Kombination!
    Wenn in Jugendtagen eine Wanderung über die badisch-schwäbische Grenze führte, war dies immer eine gesuchte und willkommene Stärkung – allerdings als als Linsen mit Saiten und Spätzle.
    Später dann nachgekocht mit den lentilles de Puy, begeistert in der Toskana von den lenticchie delle Crete.und nun eine eine neue Variation als Anregung.
    Danke!

  16. Mit den schwäbischen Linsen mit Spätzle könnte man mich jagen. Doch allein schon der italienische Name Deines Gerichts und Deine Beschreibung lässt mich unverzüglich in meinen Vorräten nach Linsen suchen.

  17. Hab ich was verpasst? War Ü 3.0 über Nacht bei dir in der Schweiz und hat ebenso an den Knöpfen deiner Kamera gedreht wie an meiner???? Genauso einen schwarzweiß startenden Post hatte ich die Tage auch……Ü 3.0 hatte die Finger im Spiel ;-D! LG Anne

  18. @Eva: Also ist das Meer nicht nur nass und nicht begehbar, sondern rauscht noch dazu. Das wäre nichts für mich.

    @Bella: da die Quadrate mundgerecht sind, kann man sie mit den Linsen runterschlotzen.

    @mlocuc: danke für Liste, da brauche ich ja gar keine Weltreise zu unternehmen.

    @Micha: Danke, das ewige auf und ab.

    @vilmoskörte: Danke für die Erinnerung an die schönen Bilder. S. Stefano liegt nur wenig südlich von Castelluccio.

    @Bonjour Alsace: mit etwas Speck in der Suppe wird es auch Dir schmecken.

    @Frau Ü: das ist unser neuer Klabautermann. Stiehlt Schlüssel, verlegt Brillen. Lässt um Mitternacht plötzlich das Radio laut erschallen und verstellt mir die Rädchen am Fotoapparat.

    @Ariane: passt doch wunderbar zu deinem Teller Bresaola mit Rucola und Parmigiano !

  19. Zur Frage mit dem Essig möchte ich bemerken- bei Tisch wird mit dem Essig der Wahl abgeschmeckt, wir nehmen hausgemachten Rotwein-Essig aus Kroatien, Balsamico wäre mir zu mild dafür.

  20. Ich habe gerade einen riesen Hunger. Heute werde ich das zwar nicht mehr machen, aber am Wochenende werde ich das ganze mal zwei zubereiten. Linsen sind ja auch extrem gesund!

  21. Das glaub ich dir aufs Wort!!!! Sieht sehr, sehr fein aus, ich würde es am liebsten gleich nachkochen wollen, aber ob ich die Pasta auch so fein geschnitten hinbekomme…!? Hm… sehr, sehr schön, wie immer! Das hab ich vermisst, seit ich nicht mehr so viel online bin…
    Liebe Gedanken zu dir!

  22. Dachte das ist ein Herendteller. Sehr schönes Geschirr!
    Pasta mit Linsen stelle ich mir recht gut vor. Das werde ich probieren. Obwohl die Linsen weder vorher noch nachher schwarz waren, ist deshalb das schwarz/weiße Bild? ;-)

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