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CH-6246 Altishofen: Das Schloss des Schweizerkönigs

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Ludwig Pfyffer, von den Zeitgenossen als «Schweizerkönig» bezeichnet (Bild: wiki)

Begegnet sind wir ihm nicht, dem Schweizer König. Er ist ja auch schon über 400 Jahre tot. So tot wie derjenige, dessen Schädel er in seiner Hand hält. Ludwig Pfyffer trat 1553 als Offizier in den französischen Kriegsdienst, nachdem er in Luzern verschiedene hohe Ämter bekleidet hatte. Bald zeichnete er sich in Schlachten aus und führte ab 1563 als Oberst ein Schweizerregiment. Dieses bildete die Kerntruppe der Heere Karls IX. in den französischen Religionskriegen. Obristen waren damals in allen Belangen verantwortliche Generalunternehmer ihres Regimentes und hatten für Mannschaft, Bekleidung, Bewaffnung und Unterhalt der Truppe zu sorgen. Dafür wurden sie von ihrem Auftraggeber mehr oder weniger schadlos gehalten. Wenn der Auftraggeber Geld hatte, eher mehr. Wenn er keines hatte, presste sich die Truppe ihren Unterhalt aus der Bevölkerung der Kriegsgebiete.

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Schloss Altishofen mit Spicher

1566 wurde Pfyffer als Gesandter der Eidgenossenschaft am Reichstag zu Augsburg von Kaiser Maximilian II. zum Ritter geschlagen.

Seine Verdienste 1567 beim Rückzug der königlichen Familie von Meaux nach Paris und in diversen Schlachten des zweiten und dritten Hugenottenkrieges trugen ihm den Ruf eines fähigen Truppenführers ein. In der Folge wurde er in den französischen Adelsstand erhoben.

1569, nach dem Frieden von Saint-Germain, kehrte er nach Luzern zurück. Hier übernahm er ein Jahr später die Position des Schultheissen und festigte als dominierender Luzerner Politiker (zum Missfallen der evangelischen Kantone) die Vormachtstellung der katholischen Stände innerhalb der Eidgenossenschaft. So berief er 1577 die Jesuiten nach Luzern, baute ihnen ein Kollegium, förderte die Gegenreformation und 1586 die Vereinigung der katholischen Stände im Goldenen Bund (Borromäischer Bund). Ein Jahr später wurde die Allianz der katholischen Kantone der Eidgenossenschaft mit dem katholischen Spanien besiegelt.

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Mäxle mit Schloss Altishofen

Daneben warb er fleissig schweizerische Regimenter für die französische Liga und liess sich dafür von Savoyen, Spanien und Rom mit gut dotierten Pensionen bezahlen. (Pensionen ? eine eher euphemistische Bezeichnung). Daneben handelte er mit Tuch, Vieh, Salz und Geld. Nach seinem Tod hinterliess er mit über 340’000 Gulden wohl eines der grösseren Vermögen der damaligen Eidgenossenschaft.

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Eingang zum polygonalen Treppenturm. Wappenrelief der Pfyffer-Segesser

Im 13. Jahrhundert war die Herrschaft Altishofen im Besitz der Freiherren von Balm. 1308 wurde König Albrecht von Habsburg bei Windisch ermordet, Rudolf von Balm zählte zu den Verschwörern und musste fliehen, sein Besitz verfiel dem heiligen römischen Reich.
1312 kaufte der Deutsche Ritterorden in Hitzkirch die Herrschaft Altishofen. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts befand sich der Orden im Niedergang. Die verarmten Deutschritter sahen sich im Jahre 1571 gezwungen, die Herrschaft Altishofen für 8000 Kronen (écu d’or) an Ludwig Pfyffer zu verkaufen. Er und seine Nachkommen nannten sich fortan Pfyffer von Altishofen. So einfach war das damals.

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Unterhalb des ummauerten Renaissance-Gartens

1571 baute er Schloss Altishofen, 1575 war der Bau fertig. 1588 erwarb er das Wasserschloss Wyher bei Ettiswil. Pfyffer gilt als der Begründer des Luzerner Patriziats. Die Nachkommen des Schweizer Königs stellten mehrere Kommandanten der päpstlichen Schweizergarde und erfreuen sich heute noch einer angesehenen, gesellschaftlichen Stellung.

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Das sogenannte Klösterli nebenan.

1859 verkaufte Heinrich Pfyffer das Schloss, 3 Jahre später erwarb es die Gemeinde Altishofen. Bis zum Jahre 1973 nutzte sie es als Bürgerheim. Seit 1971 befindet sich die Gemeindekanzlei im Schloss. Die heutige, Schuld-heischende Obrigkeit. Nach der Renovation im Jahr 1986 wurde darin das Regierungsstatthalteramt des Amtes Willisau untergebracht. Verschiedene Räume (getäferter Rittersaal mit Kassettendecke, Barockstube, Schlosskeller) können für Anlässe gemietet werden. Waren am Fronleichnamstag jedoch nicht zu besichtigen. Nicht mal das historische Gasthaus im Ort hatte geöffnet. Für den Kaffee mussten wir uns über die Kantonsgrenze in protestantische Gefilde bemühen.

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Der markante Spicher nebenan

Quellen:
wiki: Altishofen
wiki: Ludwig Pfyffer
HLS: Altishofen

CH-1913 Saillon: Aprikosen und Anderes

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Aprikosenzeit. Grund für eine Ausfahrt ins Wallis. Kurz vor Saillon, unweit Martigny, gibt es neben Strassenhändlern auch Produzenten, die ihre Ernte direkt ab Feld verkaufen. Nach eingehender Prüfung, ob unten im Karton dieselbe Qualität liegt, wie oben -Erfahrung macht klug, ob in Italien oder im Wallis- ;-), entschlossen wir uns, einen Karton zu erwerben. Etwas billiger als in Basel, nicht besser, aber frischer. Und wenn wir schon mal hier sind, fahren wir doch gleich noch in das mittelalterliche Städtchen, das hoch über der Rhonetal-Ebene liegt.

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Der Verkaufsstand liegt gleich nebenan

Überragt wird das Städtchen von den Resten eines Bergfriedes, dem 19 Meter hohen Tour Bayart.
Im Jahre 999 überliess der letzte Burgunderkönig Rudolf III. die Grafschaft Wallis dem Bischof von Sitten als Lehen. Nach dem Tod des erbenlosen Rudolf, 1032, fiel das Königreich Burgund an den fränkischen König Konrad II.. Das Wallis wurde Teil des Heiligen Römischen Reichs; der Bischof von Sitten zum weltlichen Reichsfürst erhoben. Ab 1052 gehörte Saillon dem Domkapitel von Sion, später den Herren von Saillon.

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Saillon, Stadttor von Innen

Die Grafen von Savoyen verstärkten mit der Zeit ihren Einfluss im Wallis, bestimmten zuletzt sogar die Besetzung des bischöflichen Stuhls von Sitten. 1260 fiel Peter II. von Savoyen im Unterwallis ein, der Bischof musste seine Besitzungen westlich von Conthey an die Savoyer abtreten.

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Saillon, Obertor zum Tour Bayart hin

Die Baumeister von Peter II. von Savoyen gingen sofort daran, die Befestigungen des Schlosses von Saillon zu verstärken und ergänzten die Anlage durch 1261-62 durch einen Turm in der Ringmauer, benannt nach der damaligen Schlossherrin, Dame Bayart.

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Stadtmauer mit mittelalterlichem Schnickschnack, einer Steinschleuder

Kaum war der Flecken befestigt, erhielt erhielt er Freiheitsrechte und durfte Jahr- und Wochenmärkte abhalten. Das Schloss wurde 1475 während eines Feldzuges der Oberwalliser gegen die Savoyer zerstört, erhalten sind der Bergfried, Reste von drei Halbtürmen und weite Teile der Stadtmauer.

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Saillon, Rue du Bourg

Im südlichen Klima von Saillon gedeihen auf rund 190 ha nicht nur Reben, auch Mandel- und Feigenbäume sind anzutreffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Rhone in Dämme gezwängt, ab 1917 die Sümpfe der Ebene durch den Bau von Kanälen trockengelegt. Zusammen mit einer gross angelegten Güterzusammenlegung die Voraussetzung für den so erfolgreichen Erdbeer-, Spargel- und Aprikosenanbau im Unterwallis.

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Falschgeldmuseum

Eine Besonderheit von Saillon ist das Falschmünzermuseum. 1870-1880 stellte der aus dem Aostatal geflüchtete Joseph-Samuel Farinet hier in grossem Umfang Kleingeld, 20-Rappen-Münzen, her, die nach Fehlspekulationen der Walliser Kantonalbank bei der einfachen Bevölkerung im Unterwallis mehr Vertrauen genossen als das staatliche Papiergeld aus Bern.

Nach Intervention des Bundesrates wurde Farinet zur Verhaftung ausgeschrieben und kam in einer Schlucht oberhalb Saillon aus nie geklärten Gründen zu Tode. Seither wird er hier als Robin Hood der Alpen verehrt. Selbst ein Rebberg, bestehend aus 3 Rebstöcken, wurde seinem Angedenken gewidmet.

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Das Tor zu den Rebbergen: Crus au verre, wem wird hier vor Hitze nicht schummrig vor den Augen ?
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Saillon: hier lebt sichs wie in der Provence

Damit sich die Ausfahrt auch lohne, fuhren wir noch zu meinem Walliser Lieblingsweinproduzenten, Robert Taramarcaz, Domaine des Muses, nach Sierre. Dort erwarb ich mir u.a. zwei Magnum Flaschen mit Walliser Riesling “Rilke”. Eine grosse, wuchtige und doch filigrane Beerenauslese: ein bernsteinfarbener Meditationswein. Flüssige Poesie. Rainer-Maria Rilke lebte ab 1921 bis zu seinem Tode oberhalb Sierre .

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Riesling Rilke, un verre de poésie, Domaine des Muses, Sierre

Auf der Rückseite der Flasche sind zwei Vierzeiler (aus Rilkes quatrains valaisans) abgedruckt:

Chemin qui tourne et joue
le long de la vigne penchée,
tel qu’un ruban que l’on noue
autour d’un chapeau d’été.

Vigne: chapeau sur la tête
qui invente le vin.
Vin: ardente comète
promise pour l’an prochain.

Nach dem ersten Schluck gerate auch ins schwärmen:

Am Baume der Erkenntnis
hängen Aprikosen.
Gedichte werden zum Vermächtnis
in einer Flasche Wein.

Quellen:
Commune de Saillon, Histoire
Historisches Lexikon der Schweiz

CH-6332 Hagendorn: Kloster Frauenthal

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Noch nie gehört ? Wir auch nicht. Auf unserer letzten Fisch-einkaufstour im luzernischen Hinterland fuhren wir an einem unauffälligen Strassenschild vorbei, das mich zu einem Umweg verführte. So gehts mir immer mit unbekannten Tälern ;-)

Ein wenig befahrenes Strässchen durch einen Wald führte uns auf eine grosse Lichtung, in welcher zwei Seitenarme des Flusses Lorze eine Insel bilden. Inmitten der Insel steht das älteste Schweizer Zisterzienserkloster. Als Gründer des Klosters gilt Freiherr Ulrich von Schnabelburg. Eine Burg, deren Ruinen bei Hausen am Albis zu finden sind.

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Güterplan des Klosters, um die Mitte des 18. Jahrhunderts (Zentralbibliothek UZH)

1253 wurde die Beginengemeinschaft in den Zisterzienserorden aufgenommen. Das war ein Reformorden, der 1098, vor allem angesichts der romanischen Prunkentfaltung in Cluny, von dem französischen Benediktiner Abt Robert von Molesme in Cîteaux gegründet wurde und unter dem Einfluss des hl. Bernhard von Clairvaux eine eigentliche Blütezeit erlebte. Die Zisterzienser beriefen sich auf die Ideale des Mönchstums, die Armut und die Einfachheit der Klöster. Bibellesungen, Chorgebet und das Ideal, von der eigenen Hände Arbeit zu leben, wurden ihr Lebensinhalt.

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Kanalisiertes Teilstück der Lorze mit Frauenthal

Edelfrauen der näheren Umgebung prägten das Kloster über viele Jahre. Nach der Reformation um 1530 wurde der Konvent Frauenthal aufgehoben, bis er um 1552 wiederbesiedelt wurde. Seit 1573 steht Frauenthal unter der Aufsicht der Äbte von Wettingen (heute Wettingen-Mehrerau).

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Äusserer Klosterhof
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Äusserer Klosterhof, Agathenbrunnen

Das Kloster bildet mit seinen verstreuten Gebäuden einen kleinen Weiler. Bei Auseinandersetzungen mit dem Habsburger Herzog Albrecht zerstörten Schwyzer Truppen einen Grossteil der Anlage. Die wieder aufgebauten Gebäude der nach zisterziensischer Tradition als Geviert konzipierten Anlage wurden seit dem 17. Jahrhundert mehrmals erweitert und erneuert; zuletzt 1997, als das Kloster einer umfassenden Außenrenovation unterzogen wurde. Die 1776/77 im Rokokostil auf den alten Grundmauern errichtete Klosterkirche wurde 2005 restauriert.

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Wappenstein der Äbtissin Katharina Letter, 1635

Das dem äusseren Klosterhof vorangestellte Beichtigerhaus (war ja ein Mann der Beichtiger, und musste deshalb draussen bleiben).

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Im Hintergrund: das dreigeschossige Beichtigerhaus

Südlich und östlich des Klosters liegt der Klausurgarten (Zutritt verboten), eingefasst von einer durchgehenden Klostermauer.

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Verbotener Blick durch ein Astloch des Geräteschuppens in den Klausurgarten
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Eingemauert

Heute leben im Konvent noch 15 Schwestern. Im Klosterladen werden neben Melissengeist (für Beschwerden von Kopf, Herz, Magen und Nerven), Arnikatinktur (zur Behandlung aller Verletzungen, die durch Stoß, Fall, Stich und Schnitt entstanden sind), verschiedene Liköre (gegen Durst), Krapfen (gegen Hunger) und allerlei Devotionalien (zur geistlichen Erbauung) angeboten. Der Gutsbetrieb mit einer Gesamtfläche von 189 Hektar wird von einem Pächter bewirtschaftet.

Quellen:

Schweizerische Kunstführer, Frauenthal, Josef Grünenfelder, ISBN 3-85 782-262-7
Kloster Frauenthal

CH-6000 Luzern: Bilder einer Ausstellung

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Wer um 7 Uhr auf dem Luzerner Markt stehen will, muss früh aufstehen. Um diese Zeit entladen die letzten Marktständler ihre Ware. Am engen Reussquai ist kaum ein Durchkommen. Ich war wieder einmal in einer Gruppe Kochbegeisterter auf Einkauf mit Lucas Rosenblatt.

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Wenn sich die grünen Frühjahresgemüse zunehmend mit Sommerfarben mischen, ist eine besonders schöne Jahreszeit zum Einkaufen. Auch wenn das Wetter nicht ganz mitspielt.

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Nach dem Einkauf gehts in die Backstube in Meggen, wo der Einkauf ausgelegt und dann definitiv bestimmt wird, was und wie damit gekocht werden soll. Bis um 14 h sind alle Kochvorbereitungen samt schnellem Mittagessen erledigt. Dann ab in die Nachmittagspause. Die hab ich zum Besuch einer Ausstellung benutzt.

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Die kleine, feine Ausstellung in 4 Räumen im Bellpark-Museum in Kriens widmet sich der Geschichte der heimischen Teigwaren-produktion. Entgegen der landläufigen Meinung waren es nicht die am Bau der Gotthardbahn beschäftigen Italiener, welche die Schweiz zum Pastaland machten. Bereits 1838 existierte in Luzern die erste Pastafabrik. 1870 konkurrierten allein in der Zentralschweiz 3 Fabriken um die Gunst der Esser. In den Anfangsjahren galt pasta als teuer und von geringem Nährwert und wurden vor allem in der gehobenen Mittelschicht und der Hotellerie verbraucht. Unter diesem Aspekt sind Werbebotschaften wie “billig und nahrhaft” zu verstehen. Die Ausstellung basiert auf der Geschichte der Teigwarenfabrik Kriens (Teiggi), zu der der Kurator des Museums, Lukas Emmenegger, zeitgenössische Dokumente und Fotografien zusammengetragen hat.

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Das Menschen meiner Generation noch bestbekannte Maccaroni-Mannli

Seit Beginn der Teigwarenfabrikation wurden in der Schweiz “Eierteigwaren” aus Weichweizen und Ei der italienischen Hartweizenpasta (aus grano duro und Wasser) vorgezogen und erfreuen sich heute noch grosser Beliebtheit.

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Billiges und Nahrhaftes in Holzkisten verpackt
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Arbeiterinnen in der Fassonierung (Bild: Otto Pfeifer, ca. 1950)

1899 fusionierten die damals bestehenden, drei Luzerner Fabriken zur “Centralschweizerischen Teigwarenfabrik AG”. 1928 wurde die einzig verbliebene Krienser Fabrik von der Firma Wenger in Gümligen übernommen. 1967 wurde die Produktion eingestellt. Von einer Vielzahl von Teigwarenfabriken sind heute noch ein paar wenige Grossunternehmen übrig geblieben. Das Wort von der “billigen” pasta hat sich bewahrheitet.

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Werbekalender aus dem Jahre 1942

Von Krieg und Nöten ganz besessen
Könnt man das Menschsein fast vergessen
Doch Kummer lässt sich schwer ertragen
mit einem öden, leeren Magen.
Die Wenger-Nudeln fabelhaft
Erfüllen Dich mit neuer Kraft.
(Unbekannter “Dichter”, 1942)

Was 1942 galt, kann heute nicht falsch sein.
Ausstellung im Museum im Bellpark, Luzernerstr. 21, 6011 Kriens; bis Februar 2015. www.bellpark

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Anrichten des Dessertganges

Um die 18 Uhr wieder Antreten in Meggen. Dann wird fertig gekocht und den hinzugekomenen Partnern aufgetragen. Aber diese Bilder erspare ich euch für diesmal.

CH-4537 Wiedlisbach: Beschaulichkeit auf dem Lande

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Im 12. Jahrhundert gründeten die Grafen von Frohburg (bei denen waren wir vor eine Woche zu Besuch) mehrere Städtchen mit dem Ziel, ihr Herrschaftsgebiet abzusichern. Wiedlisbach ist dabei die jüngste Stadtgründung der Frohburger. Sie wurde 1275 als Wietilspach erstmals als Oppidum (Landstädtchen ohne Marktrecht) erwähnt. Das winzige Städtchen liegt ausgerichtet auf die durchziehende Verkehrsachse von Basel nach Biel und besteht aus einer Hauptgasse und einer parallelen Nebengasse. Das Städtchen war mit einer Ringmauer umgeben, die heute noch grossenteils erhalten, aber von vielen Fenstern durchbrochen ist. Die beiden Stadttore wurden 1827 geschleift. In der Nordwestecke steht der Städtliturm (ehemals Sitz des frohburgischen Vogts).

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Städtliturm, Wohnturm, 13. Jahrhundert

Nach dem Tod des letzten Frohburgers fiel die Herrschaft Bipp, zu der das Städtchen Wiedlisbach gehörte, als Erbe 1366 an Graf Rudolf III. von Neuenburg-Nidau. 1375 wurde Wiedlisbach von den einfallenden Guglern grösstenteils zerstört. Nach dem Aussterben der Nidauer wurde Wiedlisbach als Pfandschaft vom Grafen Rudolf von Kyburg erworben und erhielt das Recht, einen Wochenmarkt abzuhalten. Nach dem Aussterben der Kyburger  (vom Minnesingen allein überlebt kein Stamm) gelangte ihr Besitz als Erbschaft an die Habsburger (1264). 1386 erhielt Wiedlisbach als Dank für seine Beteiligung im Sempacherkrieg von Habsburg das Marktrecht.

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Der Ölibach läuft quer durch das Städtchen und diente zum Antrieb einer Mühle
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Ölibach mit Brunnen in der Hinterstadt

Die kompakte, mittelalterliche Anlage hat ihren ursprünglichen Charakter bis heute bewahrt, wobei sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Hinterstädtli von einem kleinbäuerlichen Hofplatz zu einem gediegenen, verkehrsfreien Wohnort wandelte.

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Wohnidylle in der Hinterstadt

Wiedlisbach ist das einzige bernische Städtchen ohne Kirche. Es gehört zur Pfarrei Oberbipp. Dennoch gibt es im Städtchen seit seiner Gründung eine Kapelle, die St. Katharinenkapelle, Die mit andern Häusern in die östliche Stadtmauer des Hinterstädtchens eingebundene Kapelle war Ende des 15. Jahrhunderts vollständig mit Fresken ausgemalt. Das grösste Fresko, das jüngste Gericht darstellend, ist heute durch den Einbau des Fensters nur noch teilweise erhalten. Leider konnte wir das Innere nicht aufsuchen, da die Fresken derzeit restauriert werden. 360°C Panoramabild hier.

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St. Katharinenkapelle mit Auto Marke Renault

1415 eroberten die Berner den Aargau, die Herrschaft Bipp geriet vorerst unter die gemeinsame Verwaltung der Städte Bern und Solothurn. 1463 erhielt Bern Wiedlisbach in einem Tauschgeschäft mit Solothurn gegen die Herrschaft Bechburg. 1508 konnten sich die Wiedlisbacher aus der bernischen Leibeigenschaft freikaufen, blieben jedoch unter der Verwaltung durch Berner Landvögte. 1516 erteilte Bern der Untertanenstadt das Stadtrecht. Im 16. Jahrhundert lebten darin ca. 250 Einwohner. 

Den zumeist von der Landwirtschaft lebenden Einwohnern wurden aber schon bald wieder die Daumenschrauben angezogen. Die Herrschaft der Stadtberner Vögte wurde zunehmend willkürlicher, lebten diese doch im ancien régime von den Einnahmen aus Gebühren und selbstherrlich verfügten Bussen.

Während des 30-jährigen Krieges blieb die Eidgenossenschaft mehrheitlich von den Kriegswirren verschont. Mit dem Zusammenbruch der Getreidepreise in Folge des Westfälischen Friedens musste Bern seine Währung abwerten. Das brachte das Fass zum überlaufen und führte in allen bernischen Landgebieten und weit darüber hinaus zu einer Steuerverweigerung und letztlich zu einem Bauernaufstand, dem sich auch die Wiedlisbacher anschlossen. Der Aufstand wurde 1653 mit militärischen Mitteln niedergeschlagen. Die Rädelsführer des Aufstands wurden gefangen gesetzt, gefoltert und aufgehängt.

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Kornhaus, heute Museum, mehrheitlich von 1693

Nach dem Sieg im Bauernkrieg zeigte sich die Obrigkeit jedoch einsichtig und kam den fiskalischen Forderungen der aufmüpfigen Bauern mit Reformen und Steuersenkungen entgegen.  Dadurch verhinderte der Schweizer Bauernaufstand ein Abrutschen des Staates in einen exzessiven Absolutismus wie in andern Staaten.

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Hauptgasse
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Das im Kern aus dem Jahre 1540 stammende, ehemalige Rathaus

Die Gasthäuser gehen auf das frühe 16. Jahrhundert zurück, sind aber heute auf das Niveau von Pinten, Pubs und Pizzerien herab gesunken. Wir zogen es vor, unser Zvieri im nahen Restaurant Attisholz  bei Jörg Slaschek einzuziehen.

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meisterliche Barockmalerei eines Jägers unter der Ründi des Vordaches

1974 erhielt das Städtchen den Henri-Louis-Wakker-Preis für die beispielhafte Ortspflege und wurde 1975 durch den Europarat ausgezeichnet. Seit 1985 fliesst der Durchgangsverkehr über eine Umfahrungsstrasse.

Quellen:
Gemeinde Wiedlisbach
BAK

CH-4632 Trimbach: frohes Burgwandern

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Der letzte Frohburger. Olten, Malerei an der Fassade des Rathskeller

Unfroh ob des dräuenden Regenwetters begaben wir uns auf eine kleine Ausfahrt zur Ruine Frohburg im solothurnischen Jura. Die Burg, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, beherrschte einen wichtigen Übergang des europäischen Handelswegnetzes, den Weg über den untern Hauenstein. Der verlief damals auf dem alten Römerpfad über das Erlimoos. Die Burg war Stammschloss der Frohburger, ein damals in der Region von Olten und Zofingen bedeutendes Adelsgeschlecht.

Die Frohburger besassen vom 10. bis ins 14. Jahrhundert grosse Ländereien zwischen Aare und Rhein, meist als Eigengut, teils als Lehen. Die Familie war im deutschen Reich hoch angesehen. Ihre frommen Mitglieder wurden Äbte, Domherren oder Bischof, die weniger frommen nahmen als  Einflüsterer der deutschen Kaiser Einfluss auf die Reichspolitik oder nahmen an deren Italienfahrten und Kreuzzügen teil, trieben eine geschickte Heiratspolitik und führten einen feudalen Hofstaat.

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Truchsessenhaus mit Atom-Kühlturm

Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts liessen sie zur Sicherung ihres Machtbereichs zahlreiche weitere Burgen errichten. Ausserdem gründeten sie die Städte Aarburg, Liestal, Olten, Waldenburg, Wiedlisbach, Falkenstein (Balsthal) und Zofingen. Ob Waldenburg errichteten die Frohburger das Kloster Schönthal.

Um 1250 spaltete sich die Familie in die Linien Neu-Homberg, Zofingen und Waldenburg. Die Familie büsste im 14. Jahhundert ihre Machtposition ein und musste ihre Besitzungen Stück um Stück verkaufen, den grössten Teil davon an ihre aufstrebenden Verwandten, die Habsburger. Die einzelnen Gebäude der Stammburg wurden mit der Zeit aufgegeben und zerfielen. Das grosse Erdbeben zu Basel, 1356, zerstörte dann die Burg endgültig. Ungefähr zur selben Zeit waren alle Zweige der Familie ausgestorben. Die Bauern der Umgebung bedienten sich fortan der Burg als Steinbruch.

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Nachdem wir überprüft und bestätigt gefunden hatten, dass der Plan den Realitäten entspricht, konnten wir erleichtert wieder abzotteln.

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Grafenhaus
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Ein Blümchen blüht den stolzen Grafen

Sogar in die einstmaligen Gemächer der Ritter bin ich (keuchend) hinaufgestiegen. Die berühmte Aussicht war heute getrübt, kein Lift, kein Dach, alles kaputt und ohnehin kein Komfort. Nein, hier bleiben wir nicht.

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An einem Wirtshaus im nahen Olten steht, neben einer historisierenden Wandmalerei von 1906, die hehre, patriotische Inschrift (siehe Titelbild):

Der letzte Frohburger
Der Hochmuth seinen Meister fand
Die Herrenburg vom Boden schwand
Es schuf zu ewigem Bestand
Das Volk sein freies Vaterland.

Man kennt das ja. Solange die Herren an der Macht sind, getraut sich keiner zu muckeln. Kaum sind sie tot, wagen sich die Mutigsten hervor. Erst klauen sie Steine und 500 Jahre später feiern sie sich im Rathskeller als Bier trinkende Ritter der Tafelrunde, Sieger und Befreier des Vaterlandes. Was bei 8 Sorten Bier im Offenausschank auch kein Wunder ist. Der Legende nach wars aber ein Wunder: nämlich der Blitz, der den letzten Grafen erschlagen habe.

Unser Brice-Canyon: Erdpyramiden von Euseigne

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Wer schon einmal die berühmten Nationalpärke in den Vereinigten Staaten bereist hat, kennt bestimmt den im Südwesten Utahs liegenden Brice-Canyon National Park. Im Eringertal, genauer im Ortsteil Euseigne CH-1982 der Gemeinde Hérémence, haben die Jahrtausende eine einzigartige Naturschönheit geschaffen. Bescheidener, kleiner, weniger farbig, dafür erreichbar gelegen: Die Erdpyramiden von Euseigne.

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In der Endphase der letzten Eiszeit (Würmeiszeit), ca. 90’000-10’000 a.c. wich der damalige Eringergletscher zurück und trennte sich in die zwei Täler Val d’Hérens und Val d’Hérémence. Dabei hinterliess der Gletscher riesige, von den Seitenmoränen mitgeschleppte Geröllhügel. Im Gebiet von Euseigne wurde der Schutt der beiden Täler zu einer mächtigen Mittelmoräne zusammengeschoben. Das schmelzende Eis bildete Hohlräume, die sich allmählich mit Kies, Sand und Lehm füllten. Unter dem Druck der Eismassen verdichtete sich das Material zu einer Beton-ähnlichen Masse.

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Seit dem Rückzug des Eises ist das Material der Witterung ausgesetzt. Niederschläge und Schmelzwasser im Frühling erodierten die Moräne und legten nach und nach die im Moränengeröll enthaltenen, grossen Felsbrocken frei. Ab einer bestimmten Grösse und Gewicht bilden die Felsbrocken eine Art “Schutzkappe” über dem darunter liegenden Moränenbeton. Die Felsbrocken drücken das darunter liegende Gestein noch mehr zusammen und schützen es vor weiterem Abtrag durch die Witterung.

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Kein Berg zu klein, um nicht einen Tunnel durch zu bohren. Die Schweiz, das Land der Tunnel

Was keine Kappe trägt, wird durch das Wechselspiel von Frost und Tauwetter, von Wind, Regen und Eis abgetragen und weggeschwemmt. Dieser natürliche Erosionsprozess ist weiterhin im Gange. Früher oder später werden die Türme zusammenfallen, ihre Kappen verlieren. Ein Vorgang, der vielleicht noch ein paar Jahrzehnte, vielleicht auch ein oder zwei Jahrhunderte dauern wird. Dann werden die Pyramiden verschwunden sein.

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CH-1982 Euseigne

Ebenso einzigartig wie die Pyramiden sind auch die hier oben lebenden, eigensinnigen Bergbewohner, die einen für unsere Ohren kaum verständlichen, franko-provenzalischen Dialekt (arpitanisch) sprechen. Besiedelt wurden die beiden einsamen Seitentäler  vor etwa 1000 Jahren. Die weit oben gelegenen Weiler sind im Winter von der bewohnten Welt abgeschnitten und heute nur noch zum Teil besiedelt. Wenn hier oben alte Menschen verstarben, dann eigenartigeweise meist im Frühjahr. Boshafte Gerüchte wollen wissen, dass die Familien ihre verstorbenen Angehörigen in Gletschereis legten und darin solange konservierten, bis sie im Frühjahr als verstorben gemeldet und ordentlich beerdigt werden konnten. Ein paar Monate zu viel ausbezahlter Altersrente kann ja jeder gebrauchen.

Ebenso urtümlich wie die Bewohner des Eringertales sind ihre schwarz-braunen Kühe. Stämmig, störrisch und kämpferisch kommen sie nach den langen Wintern aus ihren Ställen, um die Hierarchie in der Herde für den Alpsommer auszumarchen. Ihr Kampfverhalten ist angeboren. Am 11. Mai 2014 fand übrigens das Nationale Finale der Eringer Ringkampfkühe statt.

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Bildquelle: Armin Grässl

Quellen:
wiki Erdpyramiden von Euseigne
NZZ: Im Tal der Kampfkühe

CH-1470 Estavayer: Schlösser und Frösche

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Porte du Camus

Leicht erhöht über dem Südufer des Neuenburgersees liegt das Städtchen Estavayer-le-lac (dt. Stäffis). Über dessen Ursprung und das Gründungsdatum ist nur wenig bekannt. Die Gegend am Seeufer war schon während des Neolithikums (4. und 3. Jahrtausend a.C.) besiedelt. Pfahlbausiedlungen wurden aus der Bronzezeit bis ins 9. Jahrhundert a.C. nachgewiesen. Man nimmt an, dass Estavayer auf eine Gründung des Bischofs von Lausanne im 12. Jahrhundert zurückgeht.

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Château des Chenaux, von der Landseite aus gesehen

Die mittelalterliche Geschichte des Städtchens ist eng mit derjenigen der Adelsfamilie d’Estavayer verbunden. Dieses Geschlecht beherrschte die Region von Estavayer als Vasallen des Bischofs von Lausanne. Ab 1245 unterwarfen sie sich den mächtigen Grafen von Savoyen. Bis ins 13. Jahrhundert teilten sich die Herren von Estavayer in drei Zweige auf,  jeder Zweig besass eine Burg in der Stadt und übte Herrschaftsrechte über einen Teil der Bürger aus. Die Verwaltung der Stadt nahmen sie jedoch gemeinsam wahr.

Das älteste der Schlösser (Motte-Châtel) ist heute verschwunden, vom zweiten steht noch ein Turm (Tour Savoie), dafür steht das dritte Schloss über dem Steilhang am Nordostrand der Altstadt umso schöner in der Landschaft, das heutige Château des Chenaux.

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Château des Chenaux, vom Ufer aus gesehen

Den Bürgern von Estavayer-le-Lac wurden 1350 gewisse Freiheiten zugesprochen. 1475, während der Burgunderkriege, wurde das mit Karl dem Kühnen verbündete, savoyische Städtchen von den Eidgenossen erobert, die  Schlossgarnison massakriert, die Stadt und ihre Schlösser niedergebrannt. Der Wiederaufbau nach 1476 gab dem Schloss Chenaux sein heutiges Aussehen. Der seit dem 15. Jahrhundert auch in andern Savoyer Schlössern verwendete Ziegelstein wurde auch hier verbaut

Während der Eroberung des Waadtlandes durch Bern besetzte Freiburg 1536 das Schloss Savoie, annektierte den zugehörigen Stadtteil und riss die umliegende Herrschaft Estavayer an sich. Nachdem 1632 die dritte Linie  der Herren von Estavayer ausgestorben war, kam das gesamte frühere Herrschaftsgebiet in freiburgischen Besitz. Schloss Chenaux diente fortan als Vogteisitz.

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Chateau des Chenaux, Torzwinger

Typisch für die savoyischen Schlösser ist die viereckige Anlage und der mächtige runde Bergfried, der den Eingang sicherte.

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Chateau des Chenaux, der Bergfried

Um 1450 kam der Torzwinger mit dem befestigten Durchgang hinzu. Die zwei runden Ecktürme aus Backsteinen mit Pechnasenkranz wurden 1504 fertiggestellt.

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Chateau des Chenaux, befestigter Eingang
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Eckturm mit Pechnasenkranz

Die historische Altstadt hat ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt, obwohl die meisten der Bauten aus dem 17. Jahrhundert stammen. Die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert sowie die vier Stadttore sind noch zum grossen Teil erhalten. 

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Maison de la Dîme, Zehntenhaus, 1435, heute historisches und Froschmuseum

Im Maison de la Dîme sind, neben prähistorischen Funden, mittelalterlichem Küchenkrempel und Kriegsgerät, die Froschsammlung von Francois Perrier, einem napoleonischen Offizier, zu sehen. Dieser Herr konservierte und stopfte über 100 Frösche mit Sand aus und karikierte mit ihnen in biedermeierlichen Arrangements die Schwächen der Menschheit.

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Kollegiatskirche Saint-Laurent, 1379 bis 1525 erbaut. Frau L belebt und bevölkert die Stadt
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Strassenszene mit Kopfsteinpflaster
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Restaurantschild. Die Schilder sind schöner als die Lokale.

Die lokale Gastronomie ist kaum erwähnenswert. Im Sommer sind die Seeuferzonen belegt von Wassersportlern und Campern mit ihren speziellen, kulinarischen Ansprüchen. Wir haben uns deshalb von unsern mitgebrachten Schinkengipfeli verpflegt. Beim Stadtrundgang haben wir ein einziges Lokal gefunden, in dem wir allenfalls hätten essen wollen. Neben Mille-feuilles de foie gras poêlé et croustillant d’ananas hätten die auch noch Pizza im Angebot gehabt.

Quellen:
wiki Estavayer
HLS Estavayer

Unser Rhein-Rhone-Kanal: Le Canal d’Entreroches

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Der französische Canal du Rhône au Rhin war seinerzeit eine grossartige, technische Leistung. Mit dem Bau des Kanals, der quer durch Europa eine schiffbare Verbindung zwischen den Küsten des Mittelmeeres und der Nordsee herstellte, wurde 1784 begonnen. Die Inbetriebname erfolgte ab 1833. Aufgrund der geringen Ladekapazitäten lässt sich der Kanal heute von der Berufsschifffahrt kaum mehr wirtschaftlich nutzen. Anstelle von Frachtschiffen wird er heute mit Sport- und Hausbooten befahren.

Dass in der Schweiz schon zweihundert Jahre vorher, 1638, an einem transhelvetischen Rhein-Rhone-Kanal gebuddelt wurde, ist heute beinahe gänzlich vergessen. Ich habe mich auf Spurensuche begeben. Wenn wir einen Rhein-Rhone-Kanal schon vor der Haustüre haben, brauchen wir keine Weltreisen mehr zu unternehmen. Deshalb meine Serie: “Unser“.  Frau L. war als Expeditionsassistentin auch dabei, allerdings wenig begeistert: “Doch nicht schon wieder eine Schlucht !” 

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Am Südausgang der Klus

Nach dem dreissigjährigen Krieg waren es vor allem die Holländer, die das Einzugsgebiet der für ihren Handel wichtigen Rheinroute ins Mittelmeer ausdehnen wollten. Dabei galt es, Transporte durch katholisches Feindesland (Frankreich und Flandern) zu vermeiden. Flandern und das Burgund waren seit dem Tod Karls des Kühnen im Besitz der Habsburger, einmal der spanischen Linie, nach dem spanischen Erbfolgekrieg wieder in Händen der österreichischen Linie, bis es 1794 von Frankreich erobert wurde. Die Handelswege übers Meer führten durch den Aermelkanal entlang der iberischen Halbinsel und an der Meerenge von Gibraltar vorbei. Sie waren durch Angriffe von Engländern, Spaniern, Franzosen oder maurischer Piraten vor den Küsten Nordafrikas andauernd gefährdet.

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Der Canal d’Entreroches in der Orbe-ebene

1634 präsentierte Elie Duplessis-Gouret, ein in Holland lebender Hugenotte, den Berner Behörden sein Kanalprojekt, mit dem die Nordsee mit dem Mittelmeer über sicheres Schweizer Gebiet verbunden werden sollte. Die Verbindung sollte vom Rhein über die Aare bis an den Bielersee, Neuenburgersee, die Orbe-Ebene bis hinunter an den Genfersee und über die Rhone ins Mittelmeer gehen.

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Entreroches, zwischen den Felsen

Den gnädigen Herren zu Bern gefiel das Projekt, erlaubte es doch Gebühreneinnahmen und reduzierte die Transportkosten für Waadtländer Wein nach Bern. 1638 war die Finanzierung fürs Erste gesichert und die Bauarbeiten konnten beginnen. 1648 war die Wasserscheide durch die Klus von Entreroches überwunden und damit die nach Lausanne abfliessende Venoge mit der Thielle, die in den Neuenburgersee fliesst, verbunden.

Im verbleibenden, letzten Drittel (rund 13 Kilometer) waren aufgrund des starken Gefälles bis zum Genfersee hinunter etwa 40 weitere Schleusen geplant. Für deren Bau war aber kein Geld mehr vorhanden. Die Inbetriebnahme des fertig gestellten Teilstückes Yverdon-Cossonay ergab nur geringe Einnahmen, der Kanal wurde nur für regionale Warentransporte benutzt. Befördert wurden hauptsächlich Getreide, Salz und Wein.  Die Hauptmenge des Weins war für die französische Ambassade in Solothurn bestimmt. Die Schiffer wussten, wie man Weinfässer anzapft und kamen manchmal voll besoffen mit leeren Fässern in Solothurn an. Der in der Westschweiz geläufige Begriff “chargé pour Soleure” (für Solothurn geladen), steht heute noch für starke Trunkenheit.

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meterhohe Stützmauern in der Klus

Mit der Verbesserung der Strassen im 18. Jahrhundert wurden die Landtransporte billiger, der Betrieb des Kanals rentiert nicht mehr, Unterhaltsarbeiten wurden vernachlässigt. 1829 musste der Betrieb nach dem Einsturz einer Brücke vollständig eingestellt werden. 1855 wurde die Bahnlinie Yverdon-Morges eröffnet. Die Linie kreuzt die Klus von Entreroches mit zwei Tunneln. Mit dem Aushubmaterial der beiden Tunnel wurde damals der stillgelegte Kanal nördlich und südlich der Klus zugeschüttet.

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nutzlos gewordener Schieber

Um Frau L. aufzuheitern, wollte ich ihr noch die Mitte der Welt (Le milieu du monde) zeigen. Ein kleiner, künstlich angelegter Weiher bei der Mühle von La Sarraz, von dessen zwei mit Sperrschiebern versehenen Abflüssen einer in die Nordsee, der andere ins Mittelmeer fliesst. Leider war der Weiher trockengelegt. Pech für meine Absichten.

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Chateau La Sarraz

Da half nur noch Kaffee im Schloss von La Sarraz. Leider war das Café noch im Winterschlaf. Auch das noch.

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Die Burg wurde im 12. Jahrhundert durch die Herren von Grandson erbaut. Sukzessive wurde sie erweitert. In den Burgunderkriegen 1536, sowie während der Eroberung der Waadt 1475 zerstörten die Berner  die Burg. 1542 erwarb François de Gingins die Herrschaft La Sarraz.

Nach dem Tod der letzten Schlossherrin 1948 ging das Schloss samt der bedeutenden Ausstattung in den Besitz der Société des amis du Château de La Sarraz über. 1922 wurden darin zwei Museen, das Musée Romand und 1982 das Musée du cheval eröffnet.

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Tee und Mignardises im Café Guignard in Orbe erfreuten das Herz der Frau L. zum versöhnlichen Abschluss des Tages. Frohe O.

Quellen:
wiki, Canal d’Entreroches
Chateau La Sarraz

Doubs, der Unschlüssige (1): Biaufond

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Der Doubs in der Schlucht unterhalb Biaufond

Der Name “Doubs” soll vom Lateinischen “dubius” stammen. Glaubhafteren Quellen zufolge stammt er aus dem Keltischen und bedeutet “dunkel”. Gewiss, er ist ein Zweifler, Unschlüssiger, Zauderer. Sein Wasser tritt in kräftigem Strom aus einer von Karsthöhlen durchzogenen Unterwelt am Fuss eines Berges auf beinahe 1000 Meter Höhe bei Mouthe (F) zutage. Von der Quelle bis zur Mündung in die Sâone liegen nur 90 Kilometer Luftlinie Distanz, doch der Doubs lässt sich Zeit. Er benötigt dafür ganze 453 Kilometer. Unter vielen Richtungsänderungen durchzieht er erst den französischen Jura nach Nordosten. Ab Les Brenets bildet er die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich, zwängt sich durch enge, malerische Schluchten der Grenze entlang, um in St. Ursanne, nun für 30 km zum eidgenössischen Fluss geworden, eine 180-Grad-Wende zu vollziehen. Kein Durchkommen. Inzwischen wieder französisch, fliesst er zurück, Richtung Südwesten. Unterbrochen durch einen kleinen Abstecher nach Norden. Gemächlich gurgelt er, fröhlich mäandrierend, Richtung Burgund, um endlich sein dunkles Wasser bei Verdun-sur-le-Doubs der Sâone beizumischen.

Seit wir vor vielen Jahren in einem kleinen Restaurant Nähe Verdun-sur-le-Doubs einen Roi du Doubs (ein inzwischen praktisch verschwundener Fisch,  Apron, Zingel asper), gegessen haben, möchte ich den Doubs von der Doubsquelle bis zur Einmündung in die Sâone bewandern. Verpasst. Heute sind wir dafür zu alt, viele schöne Stellen sind nur in Wanderschuhen zu erreichen, man sollte seine Wünsche halt in jüngeren Jahre realisieren. Doch für einen kurzen Ausflug, mal dahin, mal dorthin sollte unsere Energie noch reichen. Ich setze mich einfach mal unter Druck… immer in der Hoffnung, dass die kleine Serie noch eine Fortsetzung finden wird.

Aus 1000 Meter Höhe muss man sich erst 400 Meter tiefer an den Doubs hinunter bewegen (Mäxle macht das für uns).

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Von La Chaux-de-Fonds nach Biaufond
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Der Doubs, gestaut bei Biaufond
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Flussaufwärts, Richtung La Rasse
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Doubs, bei La Rasse

Auf der Suche nach einem schönen Aussichtspunkt sind wir auf der französische Seite wieder hoch gefahren. In der Karte war ein solcher eingezeichnet: Èchelles de la mort. Todesleitern. Las sich spannend. Immer schön den Wegzeigern entlang auf einem kleinen Fahrweg immer tiefer hinunter (Aussichtspunkte liegen sonst doch oben ?). Zuunterst kamen wir bei den Todesleitern an. Ein Klettersteig am Ufer des Doubs, früher von Schmugglern benutzt, jetzt für Sportkletterer ausgebaut. Nur für Schwindelfreie, mit Ausrüstung und Helm. Wer hinauf klettert, darf zum Dessert die schöne Aussicht geniessen. Nichts für uns.

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Echelles de la mort mit schwindelfreien Kletterern

Wir atmen tief durch und beruhigen uns indessen mit einem langen Blick in das grüne Moos.

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Am Ufer des Doubs. Szenerie für einen Keltenfilm.
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Am Ufer des Doubs. Die Felswände stehen in der Schweiz.

Und wieder in die Höhe, wieder ganz hinunter, und wieder hinauf, heim ins Jurahäuschen.

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Jurahäuschenidylle

Uebrigens: die nächsten Verwandten des Roi du Doubs leben in der Donau und ihren Nebenflüssen. In alten Zeiten (vor und während des Tertiärs, also vor rund 65 Mio Jahren) waren Rhein, Rhone und Donau vorübergehend miteinander verbunden, entwässerten sich zunächst Richtung Osten, dann nach Westen, wieder nach Osten und schliesslich, bis heute, in drei verschiedene Richtungen. Dadurch konnten Fische in beiden Richtungen wandern.

F-68480 Lucelle: Tal, Fluss, Ort

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Durchs Lützeltal ins Jurahäuschen. Ein stilles, kaum erschlossenes Tal, von einem kleinen, weitgehend unverbauten Flüsschen durchzogen. Vom Quellgebiet südlich des jurassischen Lucelle fliesst das Gewässer mäandrierend bis zur Mündung vor Laufen in die Birs. Viel Wald, lichte Auen, im untern Teil wenig Ackerbau. Wiki sagt, dass sich der Name Lützel vom niederdeutschen: lütt ableite. Niederdeutsche habe ich in diesem Tal jedoch noch nie angetroffen, hingegen viel Bärlauch.

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Zwischen dem französischen Lucelle und dem schweizerischen Kleinlützel bildet die Lützel die Grenze. Dazwischen verläuft entlang des Flusses eine französische Hauptstrasse mit dem Status einer Route internationale. Mehrfach überquert die Strasse Fluss und damit die Grenze.

Von Kleinlützel her kommend überschreitet man die Grenze beim Hof “Kösterli” ein erstes Mal. 1136 wurde hier ein kleines Frauenkloster mit dem Namen Minor Lucella gegründet und erst dem Abt des Klosters von Lucelle (Gross-Lützel) unterstellt. Später übernahmen Augustiner das Anwesen. Im Schwabenkrieg (1499) und bei den Bauernunruhen wurde das Kloster stark zerstört. Heute sind nur noch Kapelle und Ökonomiegebäude erhalten.

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Lützeltal: Klösterli

Bei Moulin-Neuf (einer ehemaligen Mühle) machen wir einen kleinen Abstecher zum Hofgut Löwenburg hinauf. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg stammt von 1271. Vor 1200 bestand sie aus einer einfachen Ringmauer und wurde Mitte des 13. Jahrhunderts durch massive Bruchsteinmauern befestigt. Seit der ersten Jahrtausendwende befand sich neben der Burg ein Meierhof. Besitzerin von Löwenburg war eine Sundgauer Adelsfamilie, die seit 1235 den Löwen in Wappen und Namen führte.

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Der gipserne Wappenlöwe derer zu Löwenburg

Burg und Hof waren ursprünglich im Eigenbesitz (Allod) der Herren von Löwenburg, wurden aber Mitte des 13. Jahrhunderts ein Lehen der Elsässer Grafen von Pfirt (Ferrette), später eines der Herzöge von Habsburg.

Durch Heirat und Erbgang fiel der Löwenburger Grundbesitz um die 1360 an die Basler Ritterfamilie Münch von Münchenstein, die ihn rund 170 Jahre später an das nahegelegene Kloster Lucelle verkaufte.

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Löwenburg: Torturm
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Torturm und Wehrgang von innerhalb der Anlage gesehen.

1580 schlossen die katholischen Orte der Eidgenossenschaft mit dem Bischof von Basel ein Verteidigungsbündnis (Ein Defensionale). Diese Sicherheitsgarantie bewog den damaligen Abt von Lucelle, bauliche Veränderungen in Löwenburg vorzunehmen. Zwischen 1585-1600 entstand zuerst ein dreiteiliger Wohn- und Verwaltungstrakt, eine grössere Kapelle, schliesslich ein festungsartiger Wehrgang und Torturm. Der Bau blieb aber durch den Tod des Abtes unvollendet. Während des dreissigjährigen Krieges wurde die Abtei Lucelle zerstört. Der Konvent benutzte in dieser Zeit das Hofgut Löwenburg als eine ihrer Zufluchtsstätten.

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Löwenburg: Hauptbau

Nach der französischen Revolution und dem Untergang von Fürstbistum Basel und Kloster Lucelle fiel die Löwenburg erst an den französischen Staat, der den Streubesitz ab 1796 meistbietend an Private verscherbelte. 1956 kaufte die gemeinnützige Basler Christoph Merian Stiftung den Kern des Hofguts samt Ruinen und liess es 1963-1966 umfassend restaurieren. Der ununterbrochen weiter geführte Landwirtschaftsbetrieb wurde durch mehrere neue Betriebsgebäude aufgewertet und wird seit Mitte der 1970er Jahre als extensiver Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung geführt.

 

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Neugierige Bewohnerin des Hofgutes

Zurück im Lützeltal geht die Reise weiter nach Lucelle. Kurz davor weitet sich das Tal. Hier, wo einst ein bedeutendes Kloster mit grosser Kirche, Konvent, Fremdenhaus, Wirtschaftsgebäuden mit Stallungen, Heubühne, Mühle, Bäckerei, Metzgerei, Gerberei, einer Orangerie und zwei Zugangstoren stand, gibts heute nicht mehr viel zu sehen.

Das Kloster Lucelle (Abbaye de Lucelle) war eine Abtei der Zisterzienser. Sie wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts gestiftet und 1792 aufgehoben. Das ehemalige Klostergelände liegt heute in Frankreich, der südliche Teil des Geländes mit Nebengebäuden gehörte bis 1757 zum Fürstbistum Basel.

Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts waren die gegen 200 Mönche meist Adlige aus dem Sundgau und anderen oberelsässischen Regionen, stammten aber auch aus dem Fürstbistum Basel. Später durften sich auch normal geborene den Freuden des Klosterlebens hingeben. Lucelle konnte seine Besitztümer durch zahlreiche Schenkungen, Tausch- und Kaufgeschäfte rasch mehren. Im 12. Jahrhundert wurde Lucelle vom Zehnt, den es für seine Güter im Bistum Basel an dasselbe abzuliefern hatte, befreit. Lützel war nach dem Kloster Murbach die reichste Abtei im Elsass. Burgrechtsverbindungen bestanden unter anderem zu den Städten Basel und Mülhausen.

Das Kloster wurde mehrfach durch Kriege geplündert und zerstört: 1375 durch die Gugler, 1499 durch die Eidgenossen, 1524 oder 1525 im Bauernkrieg, 1638 im Dreissigjährigen Krieg und wenn einmal Friede herrschte… brannte es. Nach einem Grossbrand 1699 wurde von 1703-1730 eine neue Abtei in barockem Stil gebaut.
Nach der Annexion durch den französischen Staat 1789/92 wurde alles zu Geld gemacht, was Abnehmer fand. Was die Agenten der Regierung nicht verscherbeln konnten, wurde vernichtet. 1796 kaufte ein ehemaliger Lützeler Mönch die Abteigebäude um sie 5 Jahre später an drei Schmiede weiter zu veräussern. Die Kirche und die meisten Gebäude wurden abgetragen, aus den Steinen wurden eine Eisenhütte und eine Giesserei gebaut. Das Konventsgebäude diente als Arbeiterwohnheim.

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Erinnerung an bessere Zeiten

1824 wurden die neu gebauten Fabriken und der Rest der Klostergebäude an Rudolf Eduard Paravicini, den späteren “Eisenkönig von Lucelle” verkauft. Der Hochofen von Lucelle versorgte fortan die französische Armee mit Stahl, die Erze stammten von beiden Seiten der Grenze, das Holz aus den umliegenden Wäldern.

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Wenigstens steht der Hochofen auch nicht mehr

Nach etwa 1860 kam es zum Niedergang der Industrie im abgelegenen Tal ohne Eisenbahnanbindung. 1883 wurden die letzten verbliebenen Einrichtungen geschlossen, später abgetragen.

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Wohnort für Stockenten, Blässhühner, Gänsesäger, Zwergtaucher und Forellen

Der schon in Klosterzeiten gestaute See liegt wieder friedlich da. In dem ehemaligen Konventsgebäude hat sich ein französisches Touristen- und Ferienzentrum  für Ruhe Suchende etabliert und bemüht sich, Leben in das stille Tal zu bringen. Nicht einfach ;-)

Quellen:
wiki Kloster Lützel
wiki Löwenburg

Besuch in der Vergangenheit

Ammerschwihr Obertor mit einem Storchenpaar
Ammerschwihr Obertor mit einem Storchenpaar

Irgendwann ist der Faden gerissen. Andere Gegenden haben sich uns erschlossen. 30 Jahre sind es her, dass wir zum letzten Male im Elsass waren. Dabei liegt das Land greifbar vor unserer Haustüre. In einer guten Stunde Fahrzeit könnten wir in Colmar sein.

Nachdem wir seit Wochen ans Haus gebunden waren, wollten wir mit einem Kurzausflug wieder einmal Luft schnappen. Anknüpfen, wo wir vor 30 Jahren aufhörten.

Beginn im Restaurant Aux Armes de France in Ammerschwihr. Damals noch unter Leitung des Seniors, Pierre Gärtner, mit 2 Michelin-Sternen. Längst steht sein Sohn, Philippe am Herd. 2005 beschloss er, sich vom Sternestress zu befreien. Heute ist das Lokal dem Guide Michelin noch 3 schwarzen Gabeln wert.

Im Aufgang zum Lokal blicken wie ehedem die Porträts von Fernand Point dem Grossen, Pierre Gärtner und dem (ganz jungen) Philippe Gärtner Ehrfurcht heischend auf die Gäste hinunter. Auch das Lokal sieht noch aus wie vor 30 Jahren: dunkles Holz, düster. Von 3 Räumen war nur einer gedeckt. Nur der damals in allen Teppichen und Vorhängen fest hängende Geruch nach Fondküche ist verschwunden. Im WC beginnen sich die Marmortapeten von der Wand zu lösen. Einige Fliesen sind zerbrochen oder fehlen ganz. Was solls, wir haben uns in den letzten 30 Jahren auch einige Schnatten und Macken zugezogen.

Ammerschwihr, Bürgerturm
Ammerschwihr, Bürgerturm, Tour des Bourgeois

Kein Unterschied in der Speisekarte, immer noch dasselbe Bild auf der Vorderseite. Nur die Preise in Euro statt Francs. Dieselben Klassiker des Hauses, mit denen der Senior Pierre den Ruf des Restaurants begründete. Wir bestellen Pâté de viande “Pierre Gaertner” au Foie Gras de Canard, Gemüsesuppe (in Suppentellern, nicht in Mokkatässchen), Tarte fine cuite minute aux Tomates und “meine” Filets de Soles aux Nouilles façon “Pierre Gaertner”. Alles war tadellos gekocht und von guter Qualität. Sieht man von den einfallslosen Garnituren ab (Gartenkresse, Gartenkresse und Gartenkresse). Selbst die an Traditionen hängende Frau L. wundert sich über den die Vergangenheit siegelnden Stil der Küche. Vielleicht hat das aber auch mit unserer Auswahl zu tun. Seit dem Verzicht auf die Sterne wird das Lokal als preisgünstig gerühmt. Das mag auf das als “promotion” preislich herabgesetzte choucroute garnie zutreffen. Wir bezahlten mit einer Flasche Riesling Kaefferkopf vieille vignes von Adam rund 200€. Pappsatt und müde machten wir danach ein paar Schritte durch Ammerschwihr.

Das Dorf gehörte seit 1281 mit weitern 8 Dörfern der Umgegend zur vorderösterreichischen Herrschaft Landsberg (Landsbourg). Von den Habsburgern wurde es 1376 zur Stadt erhoben und befestigt. Nach Verpfändungen ging die Herrschaft im 16. Jahrhundert an den Diplomaten und kaiserlichen Feldhauptmann Lazarus von Schwendi, Ratgeber der Kaiser Karl V. und Maximilian II.

Ammerschwihr, Hôtel de ville, 1552, seit 1944 Ruine
Ammerschwihr, Hôtel de ville, 1552, 1944 zur Ruine zerbombt

1634, während des Dreißigjährigen Kriegs stellte sich die Stadt unter den Schutz des Königs von Frankreich. Während des Zweiten Weltkriegs wurde im Dezember 1944 in der Schlacht um die Colmar Pocket (der linksrheinische Brückenkopf, den die deutsche Armee gegen die US 7th Army zu halten versuchte) rund 85% der hauptsächlich aus dem 16. Jahrhundert stammenden Bebauung durch Bomben und Panzergranaten zerstört. Traurige Vergangenheit.
Von der mittelalterlichen Befestigung sind noch wenige Bauten erhalten: das Obertor, der Bürgerturm und der Schelmenturm (Tour des Fripons) aus dem 16. Jahrhundert; dieser diente einst als Gefängnis.

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Ammerschwihr, Schelmenturm, Tour des Fripons

Animiert durch den Riesling Kaefferkopf, fuhren wir noch nach Riquewihr. Wie vor 30 Jahren, nahmen wir Platz im unverändert gebliebenen Eckstübchen der Firma Hugel mitten im Ort. Nun bin ich gespannt, ob und wie mir die Hugel-Weine nach so vielen Jahren Elsass-Abstinenz und gleichzeitig Zuwendung zu Mosel- und Rheinweinen zuhause schmecken werden.

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Riquewihr, Befestigung vor dem Obertor
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Riquewihr, die rundumlaufende Befestigung ist weitgehend erhalten

1324 wurde die Herrschaft Reichenweier mit ein paar andern Dörfen an das Haus Württemberg verkauft. 1796 von Napoleon annektiert.

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Riquewihr: das Haus Württemberg grüsst mit seinen Hirschstangen

Seltener Anblick der Hauptgasse (Rue du Général de Gaulle): Im Sommer und Herbst siehts hier sonst aus wie an der Drosselgasse in Assmannshausen.

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Riquewihr, eine Rarität: menschenleer

Danach waren wir todmüde, warfen en passant noch einen Blick in den marché couvert von Colmar, die kleine, schöne Markthalle an der Lauch, gleich hinter dem Petit Venise. Hier gibts u.a. Brocciu Käse. Gut zu wissen. Für einen nächsten Besuch.

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Colmar: Markthalle an der Lauch
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Colmar: Maché couvert innen. Nachmittags Menschenleer.