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CH-6332 Hagendorn: Kloster Frauenthal

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Noch nie gehört ? Wir auch nicht. Auf unserer letzten Fisch-einkaufstour im luzernischen Hinterland fuhren wir an einem unauffälligen Strassenschild vorbei, das mich zu einem Umweg verführte. So gehts mir immer mit unbekannten Tälern ;-)

Ein wenig befahrenes Strässchen durch einen Wald führte uns auf eine grosse Lichtung, in welcher zwei Seitenarme des Flusses Lorze eine Insel bilden. Inmitten der Insel steht das älteste Schweizer Zisterzienserkloster. Als Gründer des Klosters gilt Freiherr Ulrich von Schnabelburg. Eine Burg, deren Ruinen bei Hausen am Albis zu finden sind.

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Güterplan des Klosters, um die Mitte des 18. Jahrhunderts (Zentralbibliothek UZH)

1253 wurde die Beginengemeinschaft in den Zisterzienserorden aufgenommen. Das war ein Reformorden, der 1098, vor allem angesichts der romanischen Prunkentfaltung in Cluny, von dem französischen Benediktiner Abt Robert von Molesme in Cîteaux gegründet wurde und unter dem Einfluss des hl. Bernhard von Clairvaux eine eigentliche Blütezeit erlebte. Die Zisterzienser beriefen sich auf die Ideale des Mönchstums, die Armut und die Einfachheit der Klöster. Bibellesungen, Chorgebet und das Ideal, von der eigenen Hände Arbeit zu leben, wurden ihr Lebensinhalt.

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Kanalisiertes Teilstück der Lorze mit Frauenthal

Edelfrauen der näheren Umgebung prägten das Kloster über viele Jahre. Nach der Reformation um 1530 wurde der Konvent Frauenthal aufgehoben, bis er um 1552 wiederbesiedelt wurde. Seit 1573 steht Frauenthal unter der Aufsicht der Äbte von Wettingen (heute Wettingen-Mehrerau).

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Äusserer Klosterhof
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Äusserer Klosterhof, Agathenbrunnen

Das Kloster bildet mit seinen verstreuten Gebäuden einen kleinen Weiler. Bei Auseinandersetzungen mit dem Habsburger Herzog Albrecht zerstörten Schwyzer Truppen einen Grossteil der Anlage. Die wieder aufgebauten Gebäude der nach zisterziensischer Tradition als Geviert konzipierten Anlage wurden seit dem 17. Jahrhundert mehrmals erweitert und erneuert; zuletzt 1997, als das Kloster einer umfassenden Außenrenovation unterzogen wurde. Die 1776/77 im Rokokostil auf den alten Grundmauern errichtete Klosterkirche wurde 2005 restauriert.

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Wappenstein der Äbtissin Katharina Letter, 1635

Das dem äusseren Klosterhof vorangestellte Beichtigerhaus (war ja ein Mann der Beichtiger, und musste deshalb draussen bleiben).

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Im Hintergrund: das dreigeschossige Beichtigerhaus

Südlich und östlich des Klosters liegt der Klausurgarten (Zutritt verboten), eingefasst von einer durchgehenden Klostermauer.

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Verbotener Blick durch ein Astloch des Geräteschuppens in den Klausurgarten
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Eingemauert

Heute leben im Konvent noch 15 Schwestern. Im Klosterladen werden neben Melissengeist (für Beschwerden von Kopf, Herz, Magen und Nerven), Arnikatinktur (zur Behandlung aller Verletzungen, die durch Stoß, Fall, Stich und Schnitt entstanden sind), verschiedene Liköre (gegen Durst), Krapfen (gegen Hunger) und allerlei Devotionalien (zur geistlichen Erbauung) angeboten. Der Gutsbetrieb mit einer Gesamtfläche von 189 Hektar wird von einem Pächter bewirtschaftet.

Quellen:

Schweizerische Kunstführer, Frauenthal, Josef Grünenfelder, ISBN 3-85 782-262-7
Kloster Frauenthal

CH-6000 Luzern: Bilder einer Ausstellung

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Wer um 7 Uhr auf dem Luzerner Markt stehen will, muss früh aufstehen. Um diese Zeit entladen die letzten Marktständler ihre Ware. Am engen Reussquai ist kaum ein Durchkommen. Ich war wieder einmal in einer Gruppe Kochbegeisterter auf Einkauf mit Lucas Rosenblatt.

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Wenn sich die grünen Frühjahresgemüse zunehmend mit Sommerfarben mischen, ist eine besonders schöne Jahreszeit zum Einkaufen. Auch wenn das Wetter nicht ganz mitspielt.

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Nach dem Einkauf gehts in die Backstube in Meggen, wo der Einkauf ausgelegt und dann definitiv bestimmt wird, was und wie damit gekocht werden soll. Bis um 14 h sind alle Kochvorbereitungen samt schnellem Mittagessen erledigt. Dann ab in die Nachmittagspause. Die hab ich zum Besuch einer Ausstellung benutzt.

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Die kleine, feine Ausstellung in 4 Räumen im Bellpark-Museum in Kriens widmet sich der Geschichte der heimischen Teigwaren-produktion. Entgegen der landläufigen Meinung waren es nicht die am Bau der Gotthardbahn beschäftigen Italiener, welche die Schweiz zum Pastaland machten. Bereits 1838 existierte in Luzern die erste Pastafabrik. 1870 konkurrierten allein in der Zentralschweiz 3 Fabriken um die Gunst der Esser. In den Anfangsjahren galt pasta als teuer und von geringem Nährwert und wurden vor allem in der gehobenen Mittelschicht und der Hotellerie verbraucht. Unter diesem Aspekt sind Werbebotschaften wie “billig und nahrhaft” zu verstehen. Die Ausstellung basiert auf der Geschichte der Teigwarenfabrik Kriens (Teiggi), zu der der Kurator des Museums, Lukas Emmenegger, zeitgenössische Dokumente und Fotografien zusammengetragen hat.

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Das Menschen meiner Generation noch bestbekannte Maccaroni-Mannli

Seit Beginn der Teigwarenfabrikation wurden in der Schweiz “Eierteigwaren” aus Weichweizen und Ei der italienischen Hartweizenpasta (aus grano duro und Wasser) vorgezogen und erfreuen sich heute noch grosser Beliebtheit.

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Billiges und Nahrhaftes in Holzkisten verpackt
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Arbeiterinnen in der Fassonierung (Bild: Otto Pfeifer, ca. 1950)

1899 fusionierten die damals bestehenden, drei Luzerner Fabriken zur “Centralschweizerischen Teigwarenfabrik AG”. 1928 wurde die einzig verbliebene Krienser Fabrik von der Firma Wenger in Gümligen übernommen. 1967 wurde die Produktion eingestellt. Von einer Vielzahl von Teigwarenfabriken sind heute noch ein paar wenige Grossunternehmen übrig geblieben. Das Wort von der “billigen” pasta hat sich bewahrheitet.

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Werbekalender aus dem Jahre 1942

Von Krieg und Nöten ganz besessen
Könnt man das Menschsein fast vergessen
Doch Kummer lässt sich schwer ertragen
mit einem öden, leeren Magen.
Die Wenger-Nudeln fabelhaft
Erfüllen Dich mit neuer Kraft.
(Unbekannter “Dichter”, 1942)

Was 1942 galt, kann heute nicht falsch sein.
Ausstellung im Museum im Bellpark, Luzernerstr. 21, 6011 Kriens; bis Februar 2015. www.bellpark

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Anrichten des Dessertganges

Um die 18 Uhr wieder Antreten in Meggen. Dann wird fertig gekocht und den hinzugekomenen Partnern aufgetragen. Aber diese Bilder erspare ich euch für diesmal.

CH-4537 Wiedlisbach: Beschaulichkeit auf dem Lande

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Im 12. Jahrhundert gründeten die Grafen von Frohburg (bei denen waren wir vor eine Woche zu Besuch) mehrere Städtchen mit dem Ziel, ihr Herrschaftsgebiet abzusichern. Wiedlisbach ist dabei die jüngste Stadtgründung der Frohburger. Sie wurde 1275 als Wietilspach erstmals als Oppidum (Landstädtchen ohne Marktrecht) erwähnt. Das winzige Städtchen liegt ausgerichtet auf die durchziehende Verkehrsachse von Basel nach Biel und besteht aus einer Hauptgasse und einer parallelen Nebengasse. Das Städtchen war mit einer Ringmauer umgeben, die heute noch grossenteils erhalten, aber von vielen Fenstern durchbrochen ist. Die beiden Stadttore wurden 1827 geschleift. In der Nordwestecke steht der Städtliturm (ehemals Sitz des frohburgischen Vogts).

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Städtliturm, Wohnturm, 13. Jahrhundert

Nach dem Tod des letzten Frohburgers fiel die Herrschaft Bipp, zu der das Städtchen Wiedlisbach gehörte, als Erbe 1366 an Graf Rudolf III. von Neuenburg-Nidau. 1375 wurde Wiedlisbach von den einfallenden Guglern grösstenteils zerstört. Nach dem Aussterben der Nidauer wurde Wiedlisbach als Pfandschaft vom Grafen Rudolf von Kyburg erworben und erhielt das Recht, einen Wochenmarkt abzuhalten. Nach dem Aussterben der Kyburger  (vom Minnesingen allein überlebt kein Stamm) gelangte ihr Besitz als Erbschaft an die Habsburger (1264). 1386 erhielt Wiedlisbach als Dank für seine Beteiligung im Sempacherkrieg von Habsburg das Marktrecht.

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Der Ölibach läuft quer durch das Städtchen und diente zum Antrieb einer Mühle
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Ölibach mit Brunnen in der Hinterstadt

Die kompakte, mittelalterliche Anlage hat ihren ursprünglichen Charakter bis heute bewahrt, wobei sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Hinterstädtli von einem kleinbäuerlichen Hofplatz zu einem gediegenen, verkehrsfreien Wohnort wandelte.

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Wohnidylle in der Hinterstadt

Wiedlisbach ist das einzige bernische Städtchen ohne Kirche. Es gehört zur Pfarrei Oberbipp. Dennoch gibt es im Städtchen seit seiner Gründung eine Kapelle, die St. Katharinenkapelle, Die mit andern Häusern in die östliche Stadtmauer des Hinterstädtchens eingebundene Kapelle war Ende des 15. Jahrhunderts vollständig mit Fresken ausgemalt. Das grösste Fresko, das jüngste Gericht darstellend, ist heute durch den Einbau des Fensters nur noch teilweise erhalten. Leider konnte wir das Innere nicht aufsuchen, da die Fresken derzeit restauriert werden. 360°C Panoramabild hier.

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St. Katharinenkapelle mit Auto Marke Renault

1415 eroberten die Berner den Aargau, die Herrschaft Bipp geriet vorerst unter die gemeinsame Verwaltung der Städte Bern und Solothurn. 1463 erhielt Bern Wiedlisbach in einem Tauschgeschäft mit Solothurn gegen die Herrschaft Bechburg. 1508 konnten sich die Wiedlisbacher aus der bernischen Leibeigenschaft freikaufen, blieben jedoch unter der Verwaltung durch Berner Landvögte. 1516 erteilte Bern der Untertanenstadt das Stadtrecht. Im 16. Jahrhundert lebten darin ca. 250 Einwohner. 

Den zumeist von der Landwirtschaft lebenden Einwohnern wurden aber schon bald wieder die Daumenschrauben angezogen. Die Herrschaft der Stadtberner Vögte wurde zunehmend willkürlicher, lebten diese doch im ancien régime von den Einnahmen aus Gebühren und selbstherrlich verfügten Bussen.

Während des 30-jährigen Krieges blieb die Eidgenossenschaft mehrheitlich von den Kriegswirren verschont. Mit dem Zusammenbruch der Getreidepreise in Folge des Westfälischen Friedens musste Bern seine Währung abwerten. Das brachte das Fass zum überlaufen und führte in allen bernischen Landgebieten und weit darüber hinaus zu einer Steuerverweigerung und letztlich zu einem Bauernaufstand, dem sich auch die Wiedlisbacher anschlossen. Der Aufstand wurde 1653 mit militärischen Mitteln niedergeschlagen. Die Rädelsführer des Aufstands wurden gefangen gesetzt, gefoltert und aufgehängt.

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Kornhaus, heute Museum, mehrheitlich von 1693

Nach dem Sieg im Bauernkrieg zeigte sich die Obrigkeit jedoch einsichtig und kam den fiskalischen Forderungen der aufmüpfigen Bauern mit Reformen und Steuersenkungen entgegen.  Dadurch verhinderte der Schweizer Bauernaufstand ein Abrutschen des Staates in einen exzessiven Absolutismus wie in andern Staaten.

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Hauptgasse
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Das im Kern aus dem Jahre 1540 stammende, ehemalige Rathaus

Die Gasthäuser gehen auf das frühe 16. Jahrhundert zurück, sind aber heute auf das Niveau von Pinten, Pubs und Pizzerien herab gesunken. Wir zogen es vor, unser Zvieri im nahen Restaurant Attisholz  bei Jörg Slaschek einzuziehen.

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meisterliche Barockmalerei eines Jägers unter der Ründi des Vordaches

1974 erhielt das Städtchen den Henri-Louis-Wakker-Preis für die beispielhafte Ortspflege und wurde 1975 durch den Europarat ausgezeichnet. Seit 1985 fliesst der Durchgangsverkehr über eine Umfahrungsstrasse.

Quellen:
Gemeinde Wiedlisbach
BAK

CH-4632 Trimbach: frohes Burgwandern

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Der letzte Frohburger. Olten, Malerei an der Fassade des Rathskeller

Unfroh ob des dräuenden Regenwetters begaben wir uns auf eine kleine Ausfahrt zur Ruine Frohburg im solothurnischen Jura. Die Burg, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, beherrschte einen wichtigen Übergang des europäischen Handelswegnetzes, den Weg über den untern Hauenstein. Der verlief damals auf dem alten Römerpfad über das Erlimoos. Die Burg war Stammschloss der Frohburger, ein damals in der Region von Olten und Zofingen bedeutendes Adelsgeschlecht.

Die Frohburger besassen vom 10. bis ins 14. Jahrhundert grosse Ländereien zwischen Aare und Rhein, meist als Eigengut, teils als Lehen. Die Familie war im deutschen Reich hoch angesehen. Ihre frommen Mitglieder wurden Äbte, Domherren oder Bischof, die weniger frommen nahmen als  Einflüsterer der deutschen Kaiser Einfluss auf die Reichspolitik oder nahmen an deren Italienfahrten und Kreuzzügen teil, trieben eine geschickte Heiratspolitik und führten einen feudalen Hofstaat.

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Truchsessenhaus mit Atom-Kühlturm

Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts liessen sie zur Sicherung ihres Machtbereichs zahlreiche weitere Burgen errichten. Ausserdem gründeten sie die Städte Aarburg, Liestal, Olten, Waldenburg, Wiedlisbach, Falkenstein (Balsthal) und Zofingen. Ob Waldenburg errichteten die Frohburger das Kloster Schönthal.

Um 1250 spaltete sich die Familie in die Linien Neu-Homberg, Zofingen und Waldenburg. Die Familie büsste im 14. Jahhundert ihre Machtposition ein und musste ihre Besitzungen Stück um Stück verkaufen, den grössten Teil davon an ihre aufstrebenden Verwandten, die Habsburger. Die einzelnen Gebäude der Stammburg wurden mit der Zeit aufgegeben und zerfielen. Das grosse Erdbeben zu Basel, 1356, zerstörte dann die Burg endgültig. Ungefähr zur selben Zeit waren alle Zweige der Familie ausgestorben. Die Bauern der Umgebung bedienten sich fortan der Burg als Steinbruch.

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Nachdem wir überprüft und bestätigt gefunden hatten, dass der Plan den Realitäten entspricht, konnten wir erleichtert wieder abzotteln.

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Grafenhaus
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Ein Blümchen blüht den stolzen Grafen

Sogar in die einstmaligen Gemächer der Ritter bin ich (keuchend) hinaufgestiegen. Die berühmte Aussicht war heute getrübt, kein Lift, kein Dach, alles kaputt und ohnehin kein Komfort. Nein, hier bleiben wir nicht.

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An einem Wirtshaus im nahen Olten steht, neben einer historisierenden Wandmalerei von 1906, die hehre, patriotische Inschrift (siehe Titelbild):

Der letzte Frohburger
Der Hochmuth seinen Meister fand
Die Herrenburg vom Boden schwand
Es schuf zu ewigem Bestand
Das Volk sein freies Vaterland.

Man kennt das ja. Solange die Herren an der Macht sind, getraut sich keiner zu muckeln. Kaum sind sie tot, wagen sich die Mutigsten hervor. Erst klauen sie Steine und 500 Jahre später feiern sie sich im Rathskeller als Bier trinkende Ritter der Tafelrunde, Sieger und Befreier des Vaterlandes. Was bei 8 Sorten Bier im Offenausschank auch kein Wunder ist. Der Legende nach wars aber ein Wunder: nämlich der Blitz, der den letzten Grafen erschlagen habe.

Unser Brice-Canyon: Erdpyramiden von Euseigne

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Wer schon einmal die berühmten Nationalpärke in den Vereinigten Staaten bereist hat, kennt bestimmt den im Südwesten Utahs liegenden Brice-Canyon National Park. Im Eringertal, genauer im Ortsteil Euseigne CH-1982 der Gemeinde Hérémence, haben die Jahrtausende eine einzigartige Naturschönheit geschaffen. Bescheidener, kleiner, weniger farbig, dafür erreichbar gelegen: Die Erdpyramiden von Euseigne.

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In der Endphase der letzten Eiszeit (Würmeiszeit), ca. 90’000-10’000 a.c. wich der damalige Eringergletscher zurück und trennte sich in die zwei Täler Val d’Hérens und Val d’Hérémence. Dabei hinterliess der Gletscher riesige, von den Seitenmoränen mitgeschleppte Geröllhügel. Im Gebiet von Euseigne wurde der Schutt der beiden Täler zu einer mächtigen Mittelmoräne zusammengeschoben. Das schmelzende Eis bildete Hohlräume, die sich allmählich mit Kies, Sand und Lehm füllten. Unter dem Druck der Eismassen verdichtete sich das Material zu einer Beton-ähnlichen Masse.

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Seit dem Rückzug des Eises ist das Material der Witterung ausgesetzt. Niederschläge und Schmelzwasser im Frühling erodierten die Moräne und legten nach und nach die im Moränengeröll enthaltenen, grossen Felsbrocken frei. Ab einer bestimmten Grösse und Gewicht bilden die Felsbrocken eine Art “Schutzkappe” über dem darunter liegenden Moränenbeton. Die Felsbrocken drücken das darunter liegende Gestein noch mehr zusammen und schützen es vor weiterem Abtrag durch die Witterung.

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Kein Berg zu klein, um nicht einen Tunnel durch zu bohren. Die Schweiz, das Land der Tunnel

Was keine Kappe trägt, wird durch das Wechselspiel von Frost und Tauwetter, von Wind, Regen und Eis abgetragen und weggeschwemmt. Dieser natürliche Erosionsprozess ist weiterhin im Gange. Früher oder später werden die Türme zusammenfallen, ihre Kappen verlieren. Ein Vorgang, der vielleicht noch ein paar Jahrzehnte, vielleicht auch ein oder zwei Jahrhunderte dauern wird. Dann werden die Pyramiden verschwunden sein.

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CH-1982 Euseigne

Ebenso einzigartig wie die Pyramiden sind auch die hier oben lebenden, eigensinnigen Bergbewohner, die einen für unsere Ohren kaum verständlichen, franko-provenzalischen Dialekt (arpitanisch) sprechen. Besiedelt wurden die beiden einsamen Seitentäler  vor etwa 1000 Jahren. Die weit oben gelegenen Weiler sind im Winter von der bewohnten Welt abgeschnitten und heute nur noch zum Teil besiedelt. Wenn hier oben alte Menschen verstarben, dann eigenartigeweise meist im Frühjahr. Boshafte Gerüchte wollen wissen, dass die Familien ihre verstorbenen Angehörigen in Gletschereis legten und darin solange konservierten, bis sie im Frühjahr als verstorben gemeldet und ordentlich beerdigt werden konnten. Ein paar Monate zu viel ausbezahlter Altersrente kann ja jeder gebrauchen.

Ebenso urtümlich wie die Bewohner des Eringertales sind ihre schwarz-braunen Kühe. Stämmig, störrisch und kämpferisch kommen sie nach den langen Wintern aus ihren Ställen, um die Hierarchie in der Herde für den Alpsommer auszumarchen. Ihr Kampfverhalten ist angeboren. Am 11. Mai 2014 fand übrigens das Nationale Finale der Eringer Ringkampfkühe statt.

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Bildquelle: Armin Grässl

Quellen:
wiki Erdpyramiden von Euseigne
NZZ: Im Tal der Kampfkühe

CH-1470 Estavayer: Schlösser und Frösche

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Porte du Camus

Leicht erhöht über dem Südufer des Neuenburgersees liegt das Städtchen Estavayer-le-lac (dt. Stäffis). Über dessen Ursprung und das Gründungsdatum ist nur wenig bekannt. Die Gegend am Seeufer war schon während des Neolithikums (4. und 3. Jahrtausend a.C.) besiedelt. Pfahlbausiedlungen wurden aus der Bronzezeit bis ins 9. Jahrhundert a.C. nachgewiesen. Man nimmt an, dass Estavayer auf eine Gründung des Bischofs von Lausanne im 12. Jahrhundert zurückgeht.

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Château des Chenaux, von der Landseite aus gesehen

Die mittelalterliche Geschichte des Städtchens ist eng mit derjenigen der Adelsfamilie d’Estavayer verbunden. Dieses Geschlecht beherrschte die Region von Estavayer als Vasallen des Bischofs von Lausanne. Ab 1245 unterwarfen sie sich den mächtigen Grafen von Savoyen. Bis ins 13. Jahrhundert teilten sich die Herren von Estavayer in drei Zweige auf,  jeder Zweig besass eine Burg in der Stadt und übte Herrschaftsrechte über einen Teil der Bürger aus. Die Verwaltung der Stadt nahmen sie jedoch gemeinsam wahr.

Das älteste der Schlösser (Motte-Châtel) ist heute verschwunden, vom zweiten steht noch ein Turm (Tour Savoie), dafür steht das dritte Schloss über dem Steilhang am Nordostrand der Altstadt umso schöner in der Landschaft, das heutige Château des Chenaux.

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Château des Chenaux, vom Ufer aus gesehen

Den Bürgern von Estavayer-le-Lac wurden 1350 gewisse Freiheiten zugesprochen. 1475, während der Burgunderkriege, wurde das mit Karl dem Kühnen verbündete, savoyische Städtchen von den Eidgenossen erobert, die  Schlossgarnison massakriert, die Stadt und ihre Schlösser niedergebrannt. Der Wiederaufbau nach 1476 gab dem Schloss Chenaux sein heutiges Aussehen. Der seit dem 15. Jahrhundert auch in andern Savoyer Schlössern verwendete Ziegelstein wurde auch hier verbaut

Während der Eroberung des Waadtlandes durch Bern besetzte Freiburg 1536 das Schloss Savoie, annektierte den zugehörigen Stadtteil und riss die umliegende Herrschaft Estavayer an sich. Nachdem 1632 die dritte Linie  der Herren von Estavayer ausgestorben war, kam das gesamte frühere Herrschaftsgebiet in freiburgischen Besitz. Schloss Chenaux diente fortan als Vogteisitz.

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Chateau des Chenaux, Torzwinger

Typisch für die savoyischen Schlösser ist die viereckige Anlage und der mächtige runde Bergfried, der den Eingang sicherte.

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Chateau des Chenaux, der Bergfried

Um 1450 kam der Torzwinger mit dem befestigten Durchgang hinzu. Die zwei runden Ecktürme aus Backsteinen mit Pechnasenkranz wurden 1504 fertiggestellt.

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Chateau des Chenaux, befestigter Eingang
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Eckturm mit Pechnasenkranz

Die historische Altstadt hat ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt, obwohl die meisten der Bauten aus dem 17. Jahrhundert stammen. Die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert sowie die vier Stadttore sind noch zum grossen Teil erhalten. 

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Maison de la Dîme, Zehntenhaus, 1435, heute historisches und Froschmuseum

Im Maison de la Dîme sind, neben prähistorischen Funden, mittelalterlichem Küchenkrempel und Kriegsgerät, die Froschsammlung von Francois Perrier, einem napoleonischen Offizier, zu sehen. Dieser Herr konservierte und stopfte über 100 Frösche mit Sand aus und karikierte mit ihnen in biedermeierlichen Arrangements die Schwächen der Menschheit.

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Kollegiatskirche Saint-Laurent, 1379 bis 1525 erbaut. Frau L belebt und bevölkert die Stadt
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Strassenszene mit Kopfsteinpflaster
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Restaurantschild. Die Schilder sind schöner als die Lokale.

Die lokale Gastronomie ist kaum erwähnenswert. Im Sommer sind die Seeuferzonen belegt von Wassersportlern und Campern mit ihren speziellen, kulinarischen Ansprüchen. Wir haben uns deshalb von unsern mitgebrachten Schinkengipfeli verpflegt. Beim Stadtrundgang haben wir ein einziges Lokal gefunden, in dem wir allenfalls hätten essen wollen. Neben Mille-feuilles de foie gras poêlé et croustillant d’ananas hätten die auch noch Pizza im Angebot gehabt.

Quellen:
wiki Estavayer
HLS Estavayer

Unser Rhein-Rhone-Kanal: Le Canal d’Entreroches

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Der französische Canal du Rhône au Rhin war seinerzeit eine grossartige, technische Leistung. Mit dem Bau des Kanals, der quer durch Europa eine schiffbare Verbindung zwischen den Küsten des Mittelmeeres und der Nordsee herstellte, wurde 1784 begonnen. Die Inbetriebname erfolgte ab 1833. Aufgrund der geringen Ladekapazitäten lässt sich der Kanal heute von der Berufsschifffahrt kaum mehr wirtschaftlich nutzen. Anstelle von Frachtschiffen wird er heute mit Sport- und Hausbooten befahren.

Dass in der Schweiz schon zweihundert Jahre vorher, 1638, an einem transhelvetischen Rhein-Rhone-Kanal gebuddelt wurde, ist heute beinahe gänzlich vergessen. Ich habe mich auf Spurensuche begeben. Wenn wir einen Rhein-Rhone-Kanal schon vor der Haustüre haben, brauchen wir keine Weltreisen mehr zu unternehmen. Deshalb meine Serie: “Unser“.  Frau L. war als Expeditionsassistentin auch dabei, allerdings wenig begeistert: “Doch nicht schon wieder eine Schlucht !” 

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Am Südausgang der Klus

Nach dem dreissigjährigen Krieg waren es vor allem die Holländer, die das Einzugsgebiet der für ihren Handel wichtigen Rheinroute ins Mittelmeer ausdehnen wollten. Dabei galt es, Transporte durch katholisches Feindesland (Frankreich und Flandern) zu vermeiden. Flandern und das Burgund waren seit dem Tod Karls des Kühnen im Besitz der Habsburger, einmal der spanischen Linie, nach dem spanischen Erbfolgekrieg wieder in Händen der österreichischen Linie, bis es 1794 von Frankreich erobert wurde. Die Handelswege übers Meer führten durch den Aermelkanal entlang der iberischen Halbinsel und an der Meerenge von Gibraltar vorbei. Sie waren durch Angriffe von Engländern, Spaniern, Franzosen oder maurischer Piraten vor den Küsten Nordafrikas andauernd gefährdet.

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Der Canal d’Entreroches in der Orbe-ebene

1634 präsentierte Elie Duplessis-Gouret, ein in Holland lebender Hugenotte, den Berner Behörden sein Kanalprojekt, mit dem die Nordsee mit dem Mittelmeer über sicheres Schweizer Gebiet verbunden werden sollte. Die Verbindung sollte vom Rhein über die Aare bis an den Bielersee, Neuenburgersee, die Orbe-Ebene bis hinunter an den Genfersee und über die Rhone ins Mittelmeer gehen.

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Entreroches, zwischen den Felsen

Den gnädigen Herren zu Bern gefiel das Projekt, erlaubte es doch Gebühreneinnahmen und reduzierte die Transportkosten für Waadtländer Wein nach Bern. 1638 war die Finanzierung fürs Erste gesichert und die Bauarbeiten konnten beginnen. 1648 war die Wasserscheide durch die Klus von Entreroches überwunden und damit die nach Lausanne abfliessende Venoge mit der Thielle, die in den Neuenburgersee fliesst, verbunden.

Im verbleibenden, letzten Drittel (rund 13 Kilometer) waren aufgrund des starken Gefälles bis zum Genfersee hinunter etwa 40 weitere Schleusen geplant. Für deren Bau war aber kein Geld mehr vorhanden. Die Inbetriebnahme des fertig gestellten Teilstückes Yverdon-Cossonay ergab nur geringe Einnahmen, der Kanal wurde nur für regionale Warentransporte benutzt. Befördert wurden hauptsächlich Getreide, Salz und Wein.  Die Hauptmenge des Weins war für die französische Ambassade in Solothurn bestimmt. Die Schiffer wussten, wie man Weinfässer anzapft und kamen manchmal voll besoffen mit leeren Fässern in Solothurn an. Der in der Westschweiz geläufige Begriff “chargé pour Soleure” (für Solothurn geladen), steht heute noch für starke Trunkenheit.

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meterhohe Stützmauern in der Klus

Mit der Verbesserung der Strassen im 18. Jahrhundert wurden die Landtransporte billiger, der Betrieb des Kanals rentiert nicht mehr, Unterhaltsarbeiten wurden vernachlässigt. 1829 musste der Betrieb nach dem Einsturz einer Brücke vollständig eingestellt werden. 1855 wurde die Bahnlinie Yverdon-Morges eröffnet. Die Linie kreuzt die Klus von Entreroches mit zwei Tunneln. Mit dem Aushubmaterial der beiden Tunnel wurde damals der stillgelegte Kanal nördlich und südlich der Klus zugeschüttet.

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nutzlos gewordener Schieber

Um Frau L. aufzuheitern, wollte ich ihr noch die Mitte der Welt (Le milieu du monde) zeigen. Ein kleiner, künstlich angelegter Weiher bei der Mühle von La Sarraz, von dessen zwei mit Sperrschiebern versehenen Abflüssen einer in die Nordsee, der andere ins Mittelmeer fliesst. Leider war der Weiher trockengelegt. Pech für meine Absichten.

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Chateau La Sarraz

Da half nur noch Kaffee im Schloss von La Sarraz. Leider war das Café noch im Winterschlaf. Auch das noch.

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Die Burg wurde im 12. Jahrhundert durch die Herren von Grandson erbaut. Sukzessive wurde sie erweitert. In den Burgunderkriegen 1536, sowie während der Eroberung der Waadt 1475 zerstörten die Berner  die Burg. 1542 erwarb François de Gingins die Herrschaft La Sarraz.

Nach dem Tod der letzten Schlossherrin 1948 ging das Schloss samt der bedeutenden Ausstattung in den Besitz der Société des amis du Château de La Sarraz über. 1922 wurden darin zwei Museen, das Musée Romand und 1982 das Musée du cheval eröffnet.

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Tee und Mignardises im Café Guignard in Orbe erfreuten das Herz der Frau L. zum versöhnlichen Abschluss des Tages. Frohe O.

Quellen:
wiki, Canal d’Entreroches
Chateau La Sarraz