CH-9107 Urnäsch: Appenzeller Streetparade

Leitkuh am Alpabzug
Leitkuh am Alpabzug

Streetparade der alpgesömmerten Kühe: Alpabfahrt in Urnäsch. In diesem Ort ist die Alpfahrt alljährlich ein grosses Ereignis, da der Grossteil des Alpgebiets des Kantons Appenzell Ausserrhoden nur über die Hauptstrasse des Dorfes erreichbar ist.

Gegen 11 Uhr, nach stundenlangem Marsch, tauchen die ersten Sennten (so heissen hier die einzelnen Sömmerungsbetriebe) auf: voran der Geissbub, der den ungehörnten, weissen Appenzeller Geissen den Weg weist, hinter den Geissen her ein Mädchen, das sie antreibt. Der Mann gibt die Richtung an, die Frauen arbeiten. Geiss ? So heissen bei uns die Ziegen.

Geissbube weist den Weg
Geissbube weist den Weg
Antreiberinnen
Antreiberinnen

Danach erscheint in einer von der Tradition festgelegten Zugsordnung der Senn in wunderschöner Tracht mit gelben Lederhosen, rotem Kittel, den Fahreimer, ein Melkeimer mit bemaltem Boden, an die Schulter gehängt. Begleitet von drei Ehrendamen, den Schellenkühen mit den ganz grossen Treicheln.

Senn mit 3 Schellenkühen
Senn mit 3 Schellenkühen
bemalter Fahreimer
bemalter Fahreimer

Anschliessend marschieren 4 Bauern, 3 in Sonntagstracht in braunen Hosen, der vierte, der Zusenn, in Sennentracht in gelben Hosen. Dabei wird gezäuerlet (Appenzeller Jodel) wenn nicht gerade übermütige Kühe in die Schranken gewiesen werden müssen.

Zusenn, 3 Bauern, Schellenkuh
Zusenn, 3 Bauern, Schellenkuh

Endlich die Parade des wilden Heers von Kuhschönheiten, sauber herausgeputzt, viel nackte Haut, Rücken an Rücken. Jede in ihrer Art schöner als die aufgedonnerten, mit und ohne Abitur dümmlichen Damen an der gestrigen Wahl der Miss Schweiz.

auch ein schöner Rücken...
auch ein schöner Rücken...
Streetparade danach
Streetparade danach

Hinter der Viehhabe geht der Bauer in der Tracht, begleitet von seinem unermüdlichen Ordnungshüter und Wadenbeisser, sprich Appenzeller Sennenhund. Nur selten wird noch ein Stier mitgeführt.

Bauer, Hund, lahmende Kuh
Bauer, Hund, lahmende Kuh
der Kühe ihr Mann
der Kühe ihr Mann

Den Schluss des Zuges bildet der Lediwagen, ein Pferdewagen mit Alpgerätschaften. Weissküferei ist aber nur noch Folklore, kommt aus hygienischen Gründen nicht mehr zum Einsatz. Vor jeder Wirtschaft am Wege, und deren hat es von der Schwägalp bis Urnäsch viele, werden dem Zug wärmende Getränke offeriert.

Weissküferei auf dem Wagen
Weissküferei auf dem Wagen
Herzwärmer für das Begleitpersonal
Herzwärmer für das Begleitpersonal

Ich war heuer zum ersten Mal an diesem Anlass, alleine, Frau L. war nicht nach Ausreise zumute. Wer nächstes Jahr dabeisein möchte, dem empfehle ich, sich wie die Einheimischen in einer Wirtschaft an der Strecke niederzulassen. Sobald der Dschungel-Groove der Treicheln ertönt, stürzen sich Kundschaft und das Servierpersonal nach draussen. Man verpasst auf diese Weise nichts und muss sich bei kühler Witterung keine Füsse in den Bauch stehen. Ich war in Frischknechts Anker (13 GM) und habe gute und preiswerte Appenzeller Käsespätzli gegessen. Empfehlenswert ein Besuch im Appenzeller Brauchtumsmuseum das eben eine Ausstellung zum Thema Alpfahrten zeigt. Mitbringsel: ausgezeichnete Appenzeller Pantli und Kräuterspeck aus der Metzgerei Löwen von Jean Bänziger. Hier gibts auch Appezöller Südwööscht , zudem auf Bestellung Kalbskopf, -hirn, geräucherte Euter und Chrös (Dünndarm vom Kalb). Gut zu wissen, drum schreib ichs auf. Und bis der nächste Zug abfährt, kann man sich am Bauernmarkt die Zeit oder am Schweinchenrennen den Wetteinsatz vertun.

An Beizen kein Mangel
An Beizen kein Mangel
Xenia vor Säntisblitz
Xenia vor Säntisblitz

Morgen gibts bei mir selbstgebackenen Appezöller Bereschlorziflade.

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16 thoughts on “CH-9107 Urnäsch: Appenzeller Streetparade”

  1. Danke für den Tipp mit dem Euter und dem Chrös, habe ich beides seit meiner Jugend nicht mehr gegessen, ausser das Gedärm in Korea. Die Euter sind hoffentlich zum kalt Aufschneiden, geformt wie Mostbröckli, aus dem Rauch oder sonstwie leicht gebräunt und innen orangig.
    Du hast wieder einen hammerhaften Bericht erstellt. Ich war nur einmal zufällig nach einer Wanderung im Rossfall an den Alpabzug von Urnäsch gekommen.

  2. Ich mag diese Almabtriebe. Wir versuchen, jedes Jahr einen im Allgäu zu besuchen! Dieses Jahr klappts terminlich nicht. Deshalb: Danke für den Bericht – (fast) so gut wie live!

  3. Super! I love cows, goats and pigs! Thanks for sharing those wonderful pictures with us!

    Grüsse and have a great week,

    Rosa

  4. „Xenia vor Säntisblitz“ – ich lach mich schwach…
    welch herrlicher Bericht! Ich glaube, ich muss Schweinchen Babe eine traurige Mitteilung machen. Ihm gehört nicht mehr meine ungeteilte Liebe, die wildohrigen Gesellen haben es mir ebenfalls angetan.

  5. @Houdini: die Pantli schmecken gut, wir werden demnächst Nachschub holen.

    @Nathalie: im bayrischen sollen sie auch so schön sein. Je nach Ort schmückt man auch in der Schweiz die Kühe mit vielen Blumen.

    @Claudia: verarbeitet ?

    @Eva: Wildleder !

    @Rosa: I know, thats the reason the show the pics🙂

    @the rufus: das Heidi kennst Du somit schon ?

    @Jutta: was nach knappem Sieg aussieht, war am Ende ein klarer Fall. Eines der Schweine machte rechtsumkehrt, die andern, futterneidig, hinter ihm drein, nur Xenia, die Schlaue, schaffte die Kurve zum Trog mit den Futterwürfeln.

  6. Toll! Danke, dass du uns teilhaben lässt!
    Und jetzt warte ich gespannt, was es morgen bei dir gibt, denn der Sinn erschließt sich mir nicht ganz…

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