Eine Weihnachtsgeschichte, Erbauung für die junge Welt

Es war gegen das Ende einer weihnächtlichen Tafel zu zweit. Getrunken wurde eher bescheiden und wenig, ein Toskaner, passend zum Essen (Salami, Brot, Randensalat). Danach hatte ich von den herumstehenden Guetzli- und Pralinentellern fleissig genascht. Die isst bei uns ausser mir ja sonst niemand. Irgendetwas fehlte noch. Erleuchtung: wie wäre es denn, wenn wir uns zum Abschluss eine ganz tolle, teure Flasche eines Bordeauxweines öffnen würden ? Frau L. nickte und blieb begeistert im Esszimmer sitzen.

für die junge Welt
Die Naschkatze: aus "Erbauung für die junge Welt", 1901

Ich steige in den Keller, kehre in die Küche zurück mit einer Flasche Lynch-Bages, öffne sie. Bäääh… Fassgeschmack, kein Korken, aber jedenfalls ungeniessbar. Schade um die teure Flasche, aber sowas kann immer wieder mal passieren.

Nochmals in den Keller, zweite Flasche Lynch-Bages. Geöffnet. Oh NEIN…. wiederum rauh, elender Fassgeschmack, wie eine 4 Euro-Plörre. Was ist mit dem Lynch-Bages los ? Sollte ich eine Kiste mit verdorbenen Weinen erstanden haben ?

Kalter Schweiss rinnt mir von der Stirne. Nur nicht nervös werden. Ruhe behalten. Verstand nicht abschalten. Prüfen wir das doch an einem andern Jahrgang nach !

Die dritte Flasche Lynch-Bages, eine, die schon 3 Jahre in meinem Keller schlummerte, die noch nie zu Beanstandungen Anlass gab. Oh nein ! Dasselbe………. Trostlos. Ich nahe am verzweifeln.

Vierte Flasche. Nun muss ich die ganze Wahrheit wissen ! Ein Hautes-Bages Libéral…..Pauillac wie der Lynch-Bages.

Das darf doch nicht wahr sein. Auch der Haut Bages !!! Dann kann es nicht an einer einzelnen Weincharge liegen, schuld ist mein eigener Weinkeller. Irgendein Bakterium, das ein ganzes Weinlager verpesten kann, man liest ja immer wieder davon, dass Kellerbakterien ganze Ernten im Keller zerstört und unverkäuflich gemacht haben.

Wie ein Häufchen Elend sitze ich, umgeben von Weinflaschen, allein am Küchentisch, ringe um Luft und Fassung. Verstehe die Welt nicht mehr. Nochmals in den Keller. Diesmal ein Chateau Margaux. Margaux, kein Pauillac, andere Gegend. Meine allerletzte Hoffnung.

Ich beginne zu weinen, auch der Margaux ist hin. Der ganze Keller vernichtet. Ich total zerstört am Boden. Frohe Weihnachten !

Weihnachtsgeschichte 2011 12 04_1804ed
Frohe Weihnachten ! nachgestellte Szene

Frau L. kommt in die Küche: was ist denn hier los ? Wo bleibst Du solange mit dem Wein ? Soll ich Weihnachten alleine vor dem Baume zubringen ? [sieht die Weinflaschen] um Gotteswillen !

Ich: Katastrophe ! Katastrophe ! KATASTROPHE ! Unser Weinlager ist kaputt. Ungeniessbar. Alles zerstört. Alles futsch !

Frau L.: Hmmm ? Ach was ! Lass mich mal probieren ! giesst sich von jeder Flasche einen Schluck ein, prüft: die sind doch allesamt in Ordnung ! ich merke nichts. Hast Du etwa vorher Schokolade genascht ?

Ich: Ähmm.. könnte sein, ja habe ich, Du hast sie doch zum Naschen auf den Tisch gestellt. [womit  wenigstens die Schuldfrage geklärt ist]

…..

Daraufhin füllte ich kleinlaut erst den ältesten Lynch-Bages mit Lynch-Bages der zweiten Flasche wieder auf. Dann die zweite Lynch-Bages mit der ersten. Diesen und den Haut-Bages ergänzte ich mit dem Margaux. Korken wieder draufgesetzt. Die angebrauchte Flasche Margaux stellte ich in den Weinschrank. Die Lust auf Wein war uns vergangen.

Am nächsten Tag haben wir erst den offenen Margaux getrunken. Tadellos. Von Fassgeschmack keine Spur. In den folgenden Wochen die andern Flaschen. An allem war nur die Schokolade schuld.

Der Vorfall liegt schon einige Jahre zurück, in einer Zeit, in der die Grand cru classés zwar teuer, aber noch bezahlbar waren. Obwohl sich seither meine Weinkenntnisse erheblich verbessert haben: Mein Renommee als häuslicher Weinkenner und Weinkritiker ist seither angeschlagen und hat sich nie wieder richtig erholt. Nicht nur, weil ich meine Weine selber bezahle. Wenigstens wog der nachfolgende Genuss die Schande bei weitem auf.

Danke an die 180°C-Crew für die Einladung, an ihrem Adventskalender teilzunehmen zu dürfen.

32 thoughts on “Eine Weihnachtsgeschichte, Erbauung für die junge Welt”

  1. Oh je…das muss ungefähr so scheußlich sein, wie eine frühmorgendliche Fassverkostung in meinem Keller, an dem Tag, an dem die letzten Analysefläschchen für die Abfüllung nach 18 Monaten Faßreifung fürs Labor abgefüllt werden sollen, wenn man vergißt, dass man sich vorher extra gut die Zähne geputzt hat….da kann man schnell mal in Panik einen ganzen Jahrgang abschreiben, eh’s einem wieder einfällt….

    So ein Überraschungstörchen wünscht man niemandem, auch wenn die Schuldfrage noch gerade rechtzeitig geklärt werden kann…

    Vielen Dank für die Erinnerung, Robert, und die – wie immer- schönen Illustrationen:-)!

  2. Lieber Robert
    Habe ich mich zu Beginn erschrocken!!! In meinem Keller hat es ebenfalls noch eine Kiste Lynch-Bages, den wir noch nicht verkostet haben. Am Ende Deiner Geschichte ist mir ein riesen Felsbrocken vom Herzen gefallen. Nun werde ich en einem der nächsten Tage (ohne zuvor ‚Schoggi‘ zu naschen) ebenfalls in den Keller gehen und….. Danke für die Erinnerung.
    Alles Gute und liebe Grüsse
    Chris

  3. @Heike: anderntags hätte auch ich es gemerkt.

    @Schnick Schnack Schnuck: man muss nur warten können, dann erledigt sich alles von sebst.

    @Sybille-Anna: auch ich war mal jung, das ist aber lange her🙂 die Schuldfrage wollen wir lieber nicht mehr aufrühren.

    @scheli: einer muss ja den Verstand zusammenhalten in dieser Familie. Sagt Frau L. auch immer.

    @Rosa: the other stories of the Calendary are much greater resp. longer😉

    @the rufus: ohne die Flaschenanschrift zu ändern. Wenn die Chateaubesitzer das bloss nicht ahnden.

    @Iris: da gibs heute ja Zahnpasten, die jeden Geschmack für Stunden beeinträchtigen.

    @Peter: wenns die Erinnerung daran ist, dass wieder einmal eine Flasche Wein geöffnet werden sollte… dann ist gut.

    @gourmet-büdchen: die Boshaftigkeit verbirgt sich leider unter einem zarten Schmelz. Hinterhältig nenne ich das.

    @Christina: das Leiden war hoffentlich von kurzer Dauer.

    @Tini: Danke fürd Schmunzeln.

    @Chris: Du Glücklicher. Neuere Jahrgänge vom Lynch hab ich keine mehr im Keller. Auch der Lynch ist unverschämt teuer geworden.

  4. Schokolade und Wein, ein hochaktuelles Thema. Viele Weinhändler mV, versuchen schon seit Jahren zu beweisen, dass das eine gelungene Kombination ist oder sein kann. Mit Seminaren und Verkostungen und allen Tricks. Und vielleicht gibt es sogar Weine, die man ganz gut zu Schokolade trinken kann. Aber ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht wie Du. Den Genuss fein säuberlich trennen ist die bessere Lösung.

  5. Ich las die „Gadastrophe“ vor und mitten drin rief mein Mann: „Hast du seine Adresse? Wir senden ihm eine besonders gute Flasche, das ist ja grauenhaft so viele Flaschen zu verlieren!“
    Und ich hoffe, dass das hier viele tun wollten.
    Oder noch tun.

  6. Wenn jetzt auch Schokobären zu Weihnachten schon herhalten müssen… da sieht man wieder, was Schoko alles verdirbt… Wie gut, dass Frau L. „sauber“ geblieben ist, sonst hättest du wohl den ganzen Weinkeller vernichtet😉 Ich freue mich jedenfalls über das Happy End!🙂

  7. Puh, ein Glück! Gerade noch mal gut gegangen… 😉

    Schöne, aber nervenaufreibende Geschichte. Danke fürs Teilen!

  8. Jaja. wer den Schaden hat,…

    Ich wette, jedem, der dies schmerzvoll liest und sich am Ende mit einem breit grinsenden Aufatmen zurücklehnt, hätte das passieren können…außer susa vielleicht🙂

  9. Das habe ich nicht gewusst mit dem Wein und der Schoki! Hier bietet die Chocolaterie sogar Wein- und Schokoladenseminare an. Wie kann das gehen?????
    Aber die Story ist richtig gruselig. Wir haben auch noch ein paar „Schätzchen“ liegen, deren Verlust uns herbe treffen würde.

    1. Liebe Brigitte, die Seminare sind nicht sinnlos, helfen sie eben gerade,solche (irrtümlichen) Fehler, wie den von Robert, zu vermeiden. Es gibt durchaus Rotweine, die sehr gut zu Schokolade passen, z.B. die starken Weine aus Maury oder Banyuls in Südfrankreich, die exzellent dazu geeignet sind. Auch manche Portweine oder gespritete Weine, also mit Akohol verstärkte Weine, passen sehr gut zu Schokolade:-)!

      1. Liebe Iris, ich habe nicht vermutet, dass die Seminare sinnlos sind, dies wäre ja geschäftsschädigend. Ich wusste nur nicht, dass Schokolade den Geschmack des danach getrunkenen Weines verändert. Danke für die Info!

  10. Himmel! Hab ich mich erschrocken! Da bangt man ja richtig mit! Ich war schon im Begriff, dir vom hiesigen „Schloss Proschwitz“ etwas zu schicken. Care Paket aus dem Osten. Aber siehe da, die Schweizer Schokolade ist eben doch nicht das non plus ultra. Schön, dass die Geschichte ein so glückliches Ende hat. Prost!

  11. Schokolade passt schon, aber es sollte eine hoch qualitative, dunkle mit hohem Kakaoanteil sein-passt wunderbar zu kräftigem Rotwein (selbst schon ausprobiert). Man verfeinert ja z. B. auch eine Wildsoße mit Schokolade und Rotwein!
    Ich denke, als Weihnachtsgeschenk wäre ein Schokolade und Wein Seminar angebracht.
    LG
    Markgraeflerin

  12. Ich bin ja nicht so die Süße, insofern könnte mir das niiiiiemals passieren😉. Zumindest nicht mit Schokolade. Und außerdem bin ich ja jetzt vorgewarnt. Schönes Türchen, Robert!

  13. @Gottfried: immerhin mit halbem happy-end, ist ja Adventszeit.

    @DersilberneLoeffel: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, die ihm den Rücken frei hält. Hmm… bin doch gar nicht erfolgreich…

    @Matthias: es gibt sie schon, die Kombinationen. Dunkle Schokolade, Portwein. Aber ich bin damit auch noch nie glücklich geworden.

    @Cooky: um Gotteswillen nein. Mein Keller ist voll. Ich versuche seit Jahren, den Bestand zu reduzieren, erfolglos. Sammler und Jäger.

    @bee: wer will nach einer Festmahlzeit noch Käse und Brot essen ?

    @Elisabeth: Bären sind besser als Rentiere. Schokolade ist nur etwas für „verderbte“ Menschen.😉

    @blue: der Mensch darf auch mal Glück haben🙂

    @Susa: irgendeinmal muss man eine solche Erfahrung machen.

    @Brigitte: Wein ist eben nicht gleich Wein. Danke Iris für die Antwort.

    @Sylvia: Proschwitz, davon hab ich irgendwo mal gelesen. Schokolade in Osterhasen- oder Bärenform ist nicht das non-plus ultra der Schweizer Schokoladenindustrie. Aber süss sind sie trotzdem, die Bären.

    @Karin Schindler: da mag die Schokolade noch so hochwertig sein. Zu einem Bordeaux geht sie m.E. nicht.

    @Eline: falls jemand von Hollywood mitliest, die Filmrechte sind abzugeben😉

    @toni: Danke, hat mich gefreut, von „Jung“-bloggern fr den Kalender eingeladen zu werden..

  14. Von Schokolade habe ich wenig Ahnung und von Wein schon gar keine, deshalb kann mir so etwas wohl auch nicht passieren. Aber ich habe mit Dir „armem Tropf“ am Küchentisch gelitten😉

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