CH-6215 Beromünster: Lasst hören aus alter Zeit

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ehemaliger Sendeturm Beromünster, 215 m

Vor langer, langer Zeit, besass ich ein altes Röhren-Radio. Dichtgedrängt auf der Wellenlängenskala versammelten sich geheimnisvolle Ortschaften wie Gleiwitz, Kalundborg, Königsberg, Kattowitz, Hilversum, Mährisch-Ostrau, Paris-Eiffelturm und weckten Fernweh. Hier lag die weite, grosse Welt im Aether. Und ganz rechts, eingeklemmt zwischen Laibach, Budapest II und Memel, befand sich der Schweizerische Landessender Beromünster. 1939 noch auf 556 kHz, später auf 531 kHz. Wo das Rauschen aufhörte und das heimelige Pausenzeichen erklang, begann die Heimat. [zum hören Pfeiltaste drücken]

Radio Beromünster wurde als unabhängige Stimme während des zweiten Weltkrieges auch in Deutschland gerne gehört. Trotz Reichsrundfunkgesetz, welches das Abhören von Feindsendern, aber auch von Radio Beromünster bei Strafe untersagte.

Kalundborg und Kattowitz sind für uns unerreichbar geworden. Aber für Beromünster reichts noch. Das liegt ganze Anderthalbstunden von Basel entfernt. Und weils in der Ortschaft kein vernünftiges Restaurant gibt, haben wir beim Werner Tobler in der Braui in Hochdorf zu Mittag gegessen. Luzerner Chässuppe (köstlich), Rind-/Kalbs-Filetspitzen mit Gemüse und Brösmeli-bestreuten Schupfnudeln. Der Kaffee mit frischem Kaffeerahm, keines dieser grauenhaften UHT-Plastik-chübeli. Ein viel versprechender Anfang.
Danach ab Richtung Beromünster. Dass wir uns hier in katholischem Kernland bewegen, beweisen die vielen Kreuze und Kapellen am Wegrand. U.a. die Kapelle Gormund. Eine neben der Strasse nach Beromünster auf einem Hügel gelegene Wallfahrtskapelle. Der Legende nach habe man auf dem Hügel regelmässig lieblichen Gesang und ein Leuchten wahrgenommen. Um 1500 sei dann ein Marienbildstöckli errichtet worden. 1509 stellte Weihbischof Balthasar von Konstanz der Kapelle den Weihebrief aus.

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Kapelle Gormund, Neudorf, mit Katze

Kurz nachher langten wir in Beromünster an, dem alten Marktflecken. Der Ort hiess bis 1934 Münster im Aargau. Wegen Friktionen mit dem deutschen Radiosender Münster in Westfalen musste das Dorf nach Erstellung des Sendeturms 1931 umgetauft werden. Namensgebend war das im Ort gelegene Chorherrenstift Beromünster, das, der Legende nach, eine Gründung von Graf Bero sein soll, dessen Sohn hier im Kampf mit einem Bären gestorben war.

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Münster im Aargau

Der Fläcke, Ortskern, verdankt seinen Namen dem Marktrecht. Heute werden hier noch 3 Märkte abgehalten: Fasnachtsmarkt am Schmutzigen Donnerstag, Kilbi-Markt am Wochenende nach dem Buss- und Bettag sowie der Katharinenmarkt am Samstag vor dem Katharinentag. Die Bürgerhäuser an den Haupt- und Nebengassen bilden ein hübsches Ortsbild, geplant und gebaut nach einem schweren Brandunglück von 1764.

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Beromünster: Fläcke, Hauptstrasse und Marktplatz
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Hinteransicht des Fläcke mit Blick auf die Stiftskirche

Weit herum bekannt ist das Städtchen durch den Beromünsterer Umritt. Ursprünglich ein Bannritt, eine religiöse Weihe der Grenze der Pfarrei. Er reicht vermutlich in die ältesten Zeiten des Stifts und der Pfarrei zurück. Der früher eher bescheidene Bannumgang mit Prozession wurde im Verlauf der Zeit immer festlicher, bunter. In der Barockzeit wurde daraus ein Festzug mit Trompeten. Seit dem 19. Jahrhun dert mit Reitermusik.

Am untern Ende des Fläckens befinden sich die Dorfkirche St. Stephan und das Gemeindehaus.

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Dorfkirche St. Stephan und Gemeindehaus

Rund um die Stiftskirche St. Michael angeordnet sind Propstei, die Kustorei, über 30 Chorhöfe und Pfrundhäuser, Stiftstheater und Schol – ein architektonisches Kunstwerk. Hier im Bild der profane Gasthof Hirschen.

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Beromünster: Gasthof Hirschen

Die Stiftskirche St. Michael mit ihrer über 1000 jährigen Geschichte. Mehr davon demnächst.

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Beromünster: Durchgang zur Stiftskirche St. Michael

Ach, den Aufhänger hätte ich beinahe vergessen. Nach dem Besuch in Beromünster fuhren wir auf den Blosenberg. Hier steht das, was vom Landessender übrig geblieben ist. Der 215 m hohe Sendeturm von „Puuremünster“.

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Fusspunkt-Isolatoren

Die Aussicht ist wunderschön, muss ja für einen Sendeturm so sein.

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Aussicht vom Blosenberg

Für den friedvollen Abschluss des schönen Ausflugs sorgten die Bauernkatzen, deren Fell sich seit der Abschaltung des 600 kW Senders nicht mehr zu sträuben braucht.

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Ländliche Bewohner von Beromünster

Quellen:

wiki
Chorherrenstift Beromünster
Radiomuseum Pausenzeichen

22 thoughts on “CH-6215 Beromünster: Lasst hören aus alter Zeit”

  1. Immer Samstag Vormittag läuft auf DRS3 die Sendung «Uf u dervo». In der gestrigen Sendung stellte der Gastrokritiker Martin Jenni die Schweiz kulinarisch vor – 26 Kantone, 52 Beizen. Das Buch, das er zu diesem Thema geschrieben hat, trägt den Titel «Eine Runde Schweiz». Unter anderem wurde gestern eben auch die Braui in Hochdorf erwähnt. Hier der Link zum Merkblatt über die Sendung:
    http://modules.drs.ch/data/attachments/2012/090312_runde_schweiz.pdf

    Lieben Gruss von der Wilden Henne

  2. Jesses, das sieht ja immer noch aus wie vor 20 Jahren. Ihr seid übrigens auch an meinem Heimatdorf vorbeigefahren. Liegt zwischen Gormund und Beromöuschter.;-)

  3. Heimatkunde – wie immer schön zu lesen. An den Sender Beromünster erinnere ich mich auch noch- der stand auf dem alten (SABA – Schwarzwälder Apparate Bau) – Radio, das meine Mutter früher immer in der Küche stehen hatte und den wir immer mal ausprobierten. Auch an das Rauschen erinnere ich mich.
    Nach der ersten Melodie wird übrigens auch ein Lied mit Worten unseres Heimatdichters Johann Peter Hebel (der lange Zeit auch in Basel weilte – im Jahr 2010 – 6. Mai – wurde sein
    250 er Geburtstag gefeiert und die Post brachte Gedenkmarkten auf den Markt) gesungen:

    Der Schwarzwälder im Breisgau

    Z’Müllen an der Post,
    Tausigsappermost !
    Trinkt me nit e guete Wi !
    Goht er nit wie Baumöl i,
    z’Müllen – z’Müllen –
    z’Müllen an der Post !

    Z’Bürglen uf der Höh,
    nei, was cha me seh !
    O, wie wechsle Berg und Thal,
    Land und Wasser überal,
    z’Bürglen – z’Bürglen –
    z’Bürglen uf der Höh !

    Z’Staufen uffem Märt
    hen sie, was me gert:
    Tanz und Wi und Lustberkait,
    was eim numme ’s Herz erfreut,
    z’Staufen – z’Stauf en –
    z’Stauf en uffem Märt !

    Z’Friburg in der Stadt,
    sufer ischs und glatt;
    richi Here, Geld und Guet,
    Jumpfere wie Milch und Bluet,
    z’Friburg – z’Friburg –
    z’Friburg in der Stadt.

    Woni gang und stand,
    wärs e lustig Land.
    Aber zeig mer, was de witt,
    numme näumis findi nit
    in dem – in dem –
    in dem schöne Land.

    Minen Augen gfallt
    Herischried im Wald.
    Woni gang, se denki dra ;
    ’s chunnt mer nit uf d’Gegnig a,
    z’Herisch – z’Herisch –
    z’Herischried im Wald.

    Imme chleine Huus
    wandlet i und us,
    gelt, de meinsch, i sag der, wer ?
    ’s isch e Sie, es isch kei Er,
    imme – imme –
    imme chleine Huus.

    Liebe Grüsse aus dem Markgräflerland

    Karin

  4. Nicht nur der Ortsname Münster bedarf der Klärung durch Attribute, auch Neudorf (Standort der Gormund-Kapelle) benötigt etwas Spezifizierung. Hier ist es aber ’nur‘ die lozärnische Aussprache. Neudorf wird als ’nüüdere‘ ausgesprochen. Ob das Büsi auf dem Bild das wohl nachmiauen kann??

  5. Schön! Und das Pausenzeichen vertieft bei mir augenblicklich die Atmung, senkt den Blutdruck und macht mich super entspannt😉 Danke für das Fitzelchen GUTE ALTE ZEIT🙂 Ich mag sowas…

  6. Gut, dass sie sich nicht Neumünster benannt haben – das hätte umgehend zu multilateralen Verwicklungen geführt😉

  7. @Basler Dybli: Danke für den Hinweis, da möchte ich doch das Liedchen über Basel nicht unterschlagen – Z’Basel an mym rhy:
    http://ingeb.org/Lieder/zbaselan.html
    Beim Geburtstag habe ich mich um ein paar Tage vertan – es war der 10. Mai 1760

    LG Markgraeflerin

  8. @Wilde Henne: DRS3 ? Daran hab ich immer noch nicht gewöhnt, bei meinem Radio ist Beromünster fest eingestellt, nur nie dran drehen, sonst rauschts😉 Von M. Jenni besitze ich das Buch Jura Touren, Einkehren. Von der neuen Auflage habe ich gehört. Werde mirs mal ansehen.

    @zorra: nächstesmal werden wir in Neudorf mal anhalten. Das Chorgestühl besetzen.

    @Karin Schinder: einen grossen SABA Röhrenempfänger besass ich als Nachfolgemodell.
    Johann Peter Hebel hat auf dieselbe Melodie auch das Basler-Lied verfasst
    Z’Basel an mym Rhy,
    Jo, dert mecht i sy!
    Weiht nit d’Luft so mild und lau
    Und der Himmel isch so blau
    |:An mym liebe, an mym liebe Rhy.:| etc.

    ach, Du hast das ja schon ergänzt.

    @bea wyler: meine Besuchskatze spricht nur französich, nüüdere traue ich ihr nicht zu.,

    @Hanne: einen Moment innehalten kann nie schaden😉

    @Basler Dybli: Heute besteht Radiomachen meist nur noch aus Kaffeetrinken und Platten auflegen.

    @bee: Beromünster hätte die älteren Stadtrechte gehabt. Neumünster in Schleswig-Holstein ist erst set 1870 Stadt😉

    @Rosa May: they produce there a very good Emmentaler.

    @Pepe Nero: das war noch zu einer Zeit, als die Moderatoren weniger Kaffee getrunken haben.

  9. saba, das magische auge und dann das drehen am knopf. es bewegt sich ein vertikaler zeiger über eine horizontale skale mit namen. ja auch beromünster ganz rechts fast am dann folgenden rauschen.
    kindheit gleich nach der währungsreform. beromünster, nie wieder daran gedacht und nun wird ein name mit bildern besetzt. danke für diesen ausflug und den transfer in heutiges sein.

  10. Das Magische Augen am Radio kenn‘ ich auch noch. Der Sender Beromünster hatte nur als „Berom“ Platz – lag ja auch ziemlich am Rand der Radioskala.

    Danke für die Bilder und den wie immer interessanten und liebevoll aufgearbeiteten Bericht!

  11. @Claus: ha, welche Idee, das will ich auch !

    @Nathalie: Blickrichtung Süden müssten es die Urner und Obwaldner Alpen sein.

    @Richard: ach ja, das geheimnisvoll blinzelnde, grünliche Katzenauge zur Feineinstellung.

    @twocents: mach ich doch gerne🙂

    @elettra: das muss an der Strasse nach Hitzkirch sein, wo der zweite Ersatz-Sendeturm letztes Jahr gesprengt wurde.

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