D-79837 St. Blasien: Pantheon im Schwarzwald

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Auf den Heiligen Blasius ist Frau L. nicht gut zu sprechen. Wenige Tage, nachdem ihr als Kind der Blasiussegen verabreicht wurde, erkrankte sie an Diphterie und wurde für ein paar Wochen in Quarantäne gelegt. Dabei hätten die gekreuzten, brennenden Kerzen sie doch vor Halskrankheiten und allem Bösen bewahren sollen. Aber wir sind nicht nachträgerisch, auch Heilige haben ihre schlechten Tage. So haben wir ihn, bzw. seinen Dom im südlichen Schwarzwald aufgesucht. Dass am Weg dorthin ein Fabrikladen der schwäbischen Wäschefabrik liegt, will ich nicht unterschlagen. So waren am Ende des Tages der Heilige, Frau L. und Herr L. höchlichst zufrieden.

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Der Märtyrerbischof aus Sebaste, Armenien, als moderne Brunnenfigur (1714)

Im waldigen Albtal im südlichen Schwarzwald liessen sich schon im 9. Jahrhundert Mönche nieder. Schenkungen adliger Familien erlaubten im 11. Jahrhundert die Gründung einer Abtei und den Bau eines romanischen Münsters. Nach dem Anschluss an die Cluniazenserbewegung fand das Kloster einen grossen Zulauf an Mönchen und Brüdern, so dass das bestehende Kloster durch einen grössern Neubau auf dem heutigen Gelände des Doms ersetzt weden musste. Die folgenden Jahrhunderte brachten Brandkatastrophen, Pest, Um- und Neubauten in dem der jeweiligen Epoche entsprechenden Baustil, also von romanisch bis Baock. Im dreissigjährigen Krieg flohen die Mönche zeitweilig in die nahe Schweiz. Bis in die 1760er Jahre entstanden weiträumige, barocke Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude. 1768 zerstörte ein Gross-Feuer Teile der Klosteranlage und das Münster. Der rührige Fürstabt Martin II Gerbert liess die Klosterbauten weitgehend auf dem alten Grundriss wiederherstellen.

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Der Dom mit den gestutzt geratenen Seitentürmen

Beeindruckt von Kuppelbauten und dem damals neuen, klassizistischen Baustil, die er auf Reisen nach Rom und Paris gesehen hatte, beauftragte Gerbert den Franzosen Pierre Michel d’Ixnard aus Nîmes, eine gewaltige Rotunde, ein Pantheon ins einsame Schwarzwaldtal zu stellen. 1772 entworfen,  bereits 1781, trotz mannigfacher Querelen und Schwierigkeiten, eingeweiht.

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La Rotonda

Wer aus der Vorhalle in die Rotunde tritt, kann sich der harmonischen Wirkung von Grösse, Klarheit und Lichtfülle nur schwer entziehen. Das reine Weiss und die scheinbare Schmucklosigkeit der Innenarchitektur scheinen die Helligkeit zu reflektieren, gar zu verstärken.

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Die Kuppel mit Jugendstilmalerei

Nach der Aufhebung des Klosters 1806 wollte man die Kuppelkirche erst abreissen. Dagegen wehrte sich der damalige badische Baudirektor. So blieb der Dom als einfache Pfarrkirche weiterbestehen, bis er durch einen neuen Brand 1874 weitgehend vernichtet wurde. Zwischen 1878 und 1883 ließ der Großherzog von Baden die Außenkuppel wieder errichten. Aus Geldmangel in vereinfachter Form, mit Stahlträgern statt Holzfachwerk. 1910 wurde die Innenkuppel in Stahlbeton gespannt, 1913 die Kirche wieder eingeweiht. Den zweiten Weltkrieg überstand der Dom unbeschadet, wenn auch 4 Glocken dem Kanonenbau gespendet werden mussten. Die Kanonen wurden 1951 wieder zu Glocken umgegossen. Der immer gleiche Kreislauf.

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Der Chor, ein basilikaähnliches Langhaus mit Silbermannorgel im Hintergrund

Der ehemalige Mönchschor war zu Klosterzeiten von der Rotunde aus, dem Gebetsraum des Volkes, nicht einsehbar. Das Tonnengwölbe war früher mit Frauenfiguren geschmückt😉

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Korinthische Säulen im Pantheon des Nordens

Mal sind es korinthische Elemente, an andern Stellen ionische. Alles passt und fügt sich harmonisch zusammen, sogar die modernen Stühle.

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Licht- und Schattenspiel im Gestühl

1977 brach erneut ein Grossbrand aus, der weite Teile des West- und Südflügels zerstörte. Die Feuerwehr konnte dabei wenigstens die Kirche retten. Die zerstörten Bauteile wurden aus Kostengründen teilweise nur in vereinfachter Form wiederhergestellt. 1981-1983 wurde die Kirche im Auftrag des Landes Baden-Württemberg umfassend renoviert. Dabei wurde eine glückliche Verbindung von Rekonstruktionen nach alten Bauplänen d’Ixnards und der vorhandenen Bausubstanz aus der Jugendstilzeit (1913) gesucht und gefunden.

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1988 wurde der Vorplatz neu gestaltet
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Die mächtige Klosteranlage mit zwei Innenhöfen
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Torgebäude der alten Abtei, heute Rathaus und Hotel

Nach einem wirkungslosen Blasiussegen vor Jahren heute Friedenschluss mit dem Heiligen: ein Bier als wahrer Segen. Kultur macht bekanntlich Durst.

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Tannzäpfle, der wahre Segen zum Abschluss

Quellen:
wiki Dom St. Blasien
Dr. Josef Adamek SJ im kleinen Domführer

18 thoughts on “D-79837 St. Blasien: Pantheon im Schwarzwald”

  1. Was ein tolles Raumgefühl bereits in deinen Fotos mitschwingt. Ein guter Ort um zu verweilen und besinnen – wenn er zudem so still ist, wie er auf deinen Bildern wirkt.

    Als Jugenstil-Liebhaber ist mir die schmiedeeiserne Begrenzung gleich gefällig aufgefallen.

    Ein schöner Ausflug!
    Und ganz weibliche Neugier muß nun auch diese Frage geklärt sein: welche schwäbische Wäschefabrik?

  2. Ich dachte noch beim lesen, von Sankt Blasien ist es doch auch nicht weit bis zur badischen Staatsbrauerei😉 Und dann kam das letzte Bild =D

  3. Ja , mit dem Segen ist es nicht so einfach. Haben doch auch gesgnete Menschen noch ihre Probleme.( Wie wir vom Erzvater Jakob wissen, der nach errungenem Segen zeitlebens hinkte… )
    Wunderbare Bilder; besonders gefällt mir das Licht- und Schattenbild des Gestühls.
    Gesegneten Sonntag wünsche ich.

  4. Was für ein schöner „Sonntags“-Ausflug mit wundervollen Fotos. Wie auch Madame M. interessiert mich natürlich auch die Wäsche-Frage brennend….

  5. I bi total fasziniert vo dene scheene Helge (und natyrlig au vom interessante Bricht). E ganz e feini Zämmestellig !
    Cha‘ s sii, dass du zwysche Titisee-Neustadt und em Titisee dii höchlichschti Zfriidehait gfunde hesch ? 😉

  6. Danke für die Erinnerung an Ausflüge der Kinderzeit! – Und Tannenzaepflebier….das mussten wir immer den erwachsenen Kindern mitbringen von unseren vielen Fahrten in die süddeutsche Heimat….inzwischen bekomme ich es aber auch hier im Ort bei Edeka🙂

    Einen schönen Sonntag für euch zwei!

  7. Hach, Anfang der Neunziger war ich für ein paar Jahre in Rothaus, lang ist`s her.

    Im Dom von St. Blasien lies übrigens eine bis dahin mir unbekannte, sehr ungeschickte, jedoch äußerst betörende junge Dame meinen Foto auf den Marmorfußboden fallen, das teure Zoomobjektiv ging dabei zugrunde.

    Anders als bei Frau L. war der Heilige wohl gut drauf – wir sind jetzt seit 17 Jahren verheiratet!

  8. Etwas Licht, eine einfache Raumaufteilung und eine einheitliche Wandverkleidung – die schwedischen Einrichtungshäuser denken immer noch viel zu kompliziert, wenn es um schöne Inneneinrichtung geht😉

  9. @Micha: hier wirds wohl nicht zu jeder Jahreszeit still sein. Die Fabrik: Schiesser.

    @Verboten gut!: nicht im Sommer.

    @Sarah: wir wissen eben, was schmeckt🙂

    @Bachbummele: in der Arbeit liegt der Segen ! Ich hatte heute Kochdienst.

    @Bonjour Alsace: Schiesser, der Fabrikladen liegt Nähe Zell. Gibts aber da und dort.

    @Basler Dybli: in St. Blasien selbst, beim Bier.

    @Eva: Davon muss ich mir wohl auch hin und wieder etwas nach Hause holen😉

    @Rosa May: das ist es !

    @Fendair: was bedeutet, dass auch teure Objektive aus Glas das Glück in Scherbenform bringen können.

    @bee: derselbe Raum der Kathedrale in nordischer Fichte oder mit Schwartenbrettern samt Astlöchern verkleidet, wäre tatsächlich dem Ort angepasster.

    @the rufus: das würde zu der nordischen Fichte wohl kaum passen.

    @Karin Schindler: Heimatgefühle😉

  10. Fast meine Nachbarschaft🙂,
    St. Blasien war ein Etappenziel bei der Schluchtensteig Wanderung.
    Der Dom hat mich auch sehr beeindruckt, tolle Bilder!
    Liebe Grüße
    Gaby

  11. Ich bin ja nicht katholisch – aber wenn ich lese, wie oft diese Kirche abgebrannt ist, frage ich mich ob St. Blasius der „richtige“ Heilige dafür ist, oder ob man sie nicht lieber dem St. Florian hätte weihen sollen?

  12. Ja, harmonisch, das dachte ich auch gleich. Normalerweise ist das nicht mein Lieblingsbaustil, aber so ganz in Weiß mit wenig Farbe, passt alles hervorragend zusammen.

  13. Sehr schöne Fotos von der eindrucksvollen Architektur!
    Obwohl ich nicht gläubig bin,
    muss ich bei jedem Besuch eines neuen Ortes die Kirchen besichtigen
    und dort auch die Architektur fotografieren (wenn es denn erlaubt ist).
    Tannenzaepfle gehörte übrigens auch in Mannheim
    zu jeder „anständigen“ Studentenfete dazu😉
    Sommer-Grüße aus der Wetterau

  14. hoppla, da sind mir ein paa Antworten durch die Latten gegangen,

    @Krizia: bin weder gläubig noch mystisch veranlagt und gehe doch in jede Kirche😉 Danke für die Sommergrüsse, nun ist er da und wir wünschen uns bald wieder Regen.

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