CH-6403 Küssnacht: Durch diese hohle Gasse muss sie kommen…

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…es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.
Hier Vollend ichs – Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihr,
Von dort herab kann sie mein Blitz erlangen,
Des Weges Enge wehrt den Gaffern.
Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Frau,
mit etwas Glück wird es nicht regnen
Denn heut will ich den Schnappschuss wagen,
und das schönste Bild mir
Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.
auf dass wir still und harmlos weiterziehen können,
Denn fünf nach fünfe fährt das Schiff
Nach einem Bierchen ziehn wir unsres Weges fort,
Böses denkt, wer denkt an Mord.
(frei nach Schiller)

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Tells Kapelle

In der Hohlen Gasse soll Wilhelm Tell 1307 den habsburgischen Landvogt Hermann Gessler erschossen haben. Nach Aegidius Tschudi (1505-1572), dem ersten Schweizer Geschichtsschreiber, wurde um die 1530 zur Erinnerung an die Tat an der Hohlen Gasse ein Heilig Hüsli (Kapelle) erbaut, die 1638 vollständig neu errichtet wurde. Die heutige Hohle Gasse war einmal die Strasse von Küssnacht nach Immensee. Als der Verkehr zunahm, wurde 1937 eine Umfahrungsstrasse gebaut, welche die Hohle Gasse vom motorisierten Strassenverkehr entlastete. Die alte Strasse wurde mit Steinblöcken verengt.

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Küssnacht: Rathaus 1, erbaut 1728 als Pfarrhaus
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Rathaus 1 und Rathaus 2 (1725 erbaut als Wohnhaus für den Sigrist und den Schulmeister)

Der ach so romantische Name Küssnacht lässt sich ganz banal auf eine Siedlung des römischen Gutsherrn Cossinius zurückführen, die um das Jahr 830 dem Kloster St. Leodegar in Luzern vermacht wurde. Später nahm der Einfluss von Luzern ab, als sich die Schwyzer hier festsetzten und noch vor dem Sempacherkrieg eine Zollstätte errichteten.

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die barocke Pfarrkirche St. Peter und Paul und der alte Dorfkern von Küssnacht

1424 wurde Küssnacht ein Bezirk des Kantons Schwyz mit eigenem Rat und Gericht. 1833 und 1847 führten parteipolitische Kämpfe zu kurzzeitigen Besetzungen durch Schwyzer- und Tagsatzungstruppen. Küssnacht galt von jeher als berühmte Reisedestination. Goethe und Uhland statteten Küssnacht einen Besuch ab. Auch der bayrische König Ludwig II. sowie der portugiesische König Dom Luis weilten hier. Die belgische Königin Astrid verunglückte 1935 in der Nähe. Was die hier alle suchten, ist mir nicht bekannt. Die Aussicht auf den See ist zwar durchaus hübsch. Der Seeplatz ist jedoch mit Autos verstellt. Das Luzerner Eichhof-Bier aus dem Heineken-Konzern ist trinkbar. Am Seeplatz und im Unterdorf liegen mehrere Gasthöfe, Bürger- und Fachwerkhäuser. Alle proper und nett.

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Das Bi Chilen Huus, 1620
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Engel. Hier logierte Goethe am 7. October ano 1797 eine Nacht
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an Gasthäusern fehlts hier wahrlich nicht
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Sogar dem Bierschaum war zu heiss
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und wo getrunken wird, wird auch Alphorn geblasen (oder umgekehrt)

15 thoughts on “CH-6403 Küssnacht: Durch diese hohle Gasse muss sie kommen…”

  1. Da ist es also passiert!
    Und mein Goethe ist auch vorbei gekommen.
    Und die L.s von und zu Schiller nun ebenfalls! Danke fürs Mitnehmen!

  2. Ich wiederhole mich, aber Deine Sonntagsbesuche mag ich immer total gerne. (Ja, fast alles andere auch.)

    In Küssnacht war ich glaube ich vor ganz vielen Jahren mal und habe keine Erinnerung daran. Deine Fotos machen Lust auf mehr. Da ich mit dem Autor irgendwie weitläufig verwandt bin, liegt das vielleicht auch daher nahe.

  3. Ich wage angesichts der touristischen Erschließung des Ortes ein Küssnacht-Theorem: dort sind so viele Besucher, weil es dort so viele Gasthäuser gibt, die wegen der vielen Besucher da stehen, die wegen der vielen Gasthäuser kommen.

  4. Di „schillerische“ Usflug in‘ s Härze vo dr Schwiiz het mi lo Schmunzle. I stuun jedes Mool ab dine menscheleere Helge, wie du das schafsch. Vermuetlig warte, warte, warte …
    P.S. Viilicht isch s‘ Bierglas au nit ganz suuber gsi (Seifiräschtli), dass dr Schuum zämmegheit isch.

  5. In der Schule sagten wir immer: “ durch diese kahle Hose muss er kommen…“
    Vielen Dank für die schönen Bilder zum Sonntag.

  6. Danke für diese schönen Einblicke! Die Fotos machen Lust darauf, nach einem Spaziergang in einem der hübschen Gasthöfe zu sitzen und einen schönen Sommertag bei einem guten Essen ausklingen zu lassen!
    Liebe Grüße in die Schweiz!
    Ariane

  7. Oh Robert, mein Urlaub ist fast vorüber – der nächste Schwiizusflug muss warten. Ich mag aber diese touristisch allzu sehr erschlossenen „Hotspots“ gar nicht so sehr, lieber die etwas einsameren, aber nicht weniger schönen Orte. Der Rheinfall ließ uns auch nach wenigen Minuten wieder flüchten. Wie muss man hier Küssnacht einordnen?

  8. @Micha: ist aber schon lange her und die Historiker wollen sich nicht mehr so genau festlegen lassen.

    @Rosa Mayland: Wasser hat immer was für sich, besonders wenn es heiss ist.

    @Barbara: da die schillernde Verwandtschaft auch nie in Küssnacht war, kann das kein dringliches Vorhaben für Dich sein.

    @bee:🙂 ich sage ungefähr dasselbe in etwas ungebildeteren Worten: wer in einem Küssnachter Wirtshaus mehr als 5 Bierchen trinkt, findet nimmer heraus und muss als verschollen erklärt werden.

    @Basler Dybli: erstens hat nicht mehr als eine Person Platz in der Breite der Hohlen Gasse, zweitens war es zu heiss.

    @anglogermantranslations: es ist noch nicht so lange her, wollten die Studenten die blaue Blume doch rot umfärben.

    @Buchfink: daran erkennst Du, dass sich Bildung auf die Dauer halt doch irgendwie auszahlt.

    @Ariane: ich hatte eher Probleme, hier einen Gasthof mit exzellenter Küche zu finden.

    @Dirk: Du kennst mich noch zuwenig, sonst wäre Dir mein Verriss klar geworden😉

  9. In den 70ern war Küssnacht die Gemeinde mit der grössten Beizendichte (pro Einwohner). munkelt man. Unter den Jugendlichen war es Brauch, nach der Klausjagd die Nacht damit zu verbringen, in jeder Beiz ein Bier zu trinken. Sagt mein Vater. Er zumindest hats nie geschafft.

  10. In Küssnacht sollte man, auch wenn es nicht zum Innerschweizerischen passt, unbedingt beim chinesischen Restaurant Min Kang Yuan vorbeischauen. Von aussen eher abstossend, aber das Essen ist wirklich hervorragend! 14 Punkte sind wirklich gerechtfertigt.

  11. @Sarah: im Kanton Schwyz kenne ich nur Lachen, dort hats noch mehr Beizen.

    @the rufus: Thomas, der Göttliche. Gatte einer Schweizerin, bevor ihn eine oesterreichische angeheiratete Adlige gekapert hat.

    @Christian: sollte man, Frau L. weigert sich, in chinesischen Restaurants zu essen, und ich akzeptiere das.

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