CH-7537 Müstair: Alpabtrieb

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Es gibt grössere Alpabtriebe, reichhaltiger geschmücktere Kühe, Abtriebe, bei denen die Sennen sich in Tracht statt in Bluejeans werfen. Es gibt aber auch Alpabfahrten, bei denen die Kühe auf den umliegenden Dorfweiden zusammengetrieben und hinter dem Schulhaus geschmückt werden, um dann vor dem Schulhaus den wartenden Touristen auf der Dorfstrasse vorgeführt zu werden. Und es gibt Alpabfahrten, die sich zu florierenden Chilbi-Märkten aufgeplustert haben, mit all dem Angebot an Nippes, Selbstgetöpfertem, Konfitüren, altem Handwerk und reisenden Feuerschluckern.

Der Alpabtrieb in Müstair gehört nicht zu diesen. Einfach, bescheiden: gelebte und lebendig gebliebene Tradition. In der Morgenfrühe brechen die Kühe mit ihrer Begleitung von der Alpe Mora (Nähe Ofenpass) auf, um in mehrstündigem Abstieg bei Santa Maria die Talebene zu erreichen. Eine Alpabfahrt kann bis zu sechs, acht Stunden dauern und bedeutet für die Tiere wie die Helfer eine grosse Anstrengung. Am Zielort ein bescheidenes Fest, von Dorfvereinen organisiert. Ein einziges Tischlein mit Alpkäseverkauf.

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Stolz tragen die Kühe ihren Kopfschmuck. Eine Alpabfahrt muss ruhig angegangen werden. Die Tiere spüren de Veränderung und sind nervös. Sie müssen beruhigt und gebremst werden, denn wenn sie zu schnell losrennen, werden sie zu rasch müde und könnten in steilem Terrain an den Vorderbeinen einknicken.

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Herde von vorne
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und von hinten

Indes bereiten die Treichler die wartenden Zuschauer am Zielort Müstair in langsamem, rythmischem Gleichschritt mit ihrem urtümlichem Klang auf den Einzug der Kühe vor. Treicheln sind im Unterschied zu gegossenen Glocken aus gehämmertem Blech gefertigt. Sie sind leichter als Glocken gleicher Tonhöhe und dennoch bis zu 20 kg schwer. Dafür klingen sie tief dumpf-dröhnend.

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Auf der Wiese vor dem mittelalterlichen Kloster Müstair ist das Ziel erreicht. Einen Einblick in die Kirche gibt ein früherer Beitrag von mir.

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Die Ofenpass-strasse ist gesperrt. Tische und Bänke laden zu Käse und Wein (und Wurst) ein. Derweil bereiten die In der Schweiz unverzichtbaren Alphornbläser und Fahnenschwinger ihren Auftritt vor.

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Weitgehend unbeachtet von den durstigen Hauptpersonen des Alpabzuges.

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Durch die Sperrung der Pass-strasse konnte man sich das hübsche Dorf Müstair einmal ganz ohne Auto- und Motorradverkehr ansehen. Bis die Umfahrungsstrasse kommt, wird es leider noch einige Zeit dauern.

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15 thoughts on “CH-7537 Müstair: Alpabtrieb”

  1. So liebevoll beschreibst Du das, voller Begeisterung für die echte Tradition. Das Bild mit den beiden strahlenden Sennen in Jeans – wunderbar, voller Energie und Lebensfreude! Die beiden Damen mit Kopfschmuck auf dem ersten Bild – so lieb… Danke für diese schöne Reise in die urtümliche Schweiz und herzliche Sonntagsgrüsse! Yushka

  2. Wirklich ein sehr hübsches Dorf, so ganz ohne störende Autos, Du hast wirklich ein gutes Auge und machst wunderbare Fotos. Das macht Lust, nächstes Jahr mal nach Müstair zu fahren🙂
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

  3. Das schöne Dorf Müstair samt dem Weltkulturerbe-Kloster liebe ich sehr. Im benachbarten Dorf Burgeis auf der Südtiroler Seite.wo ich schon oft im Winter war, kann man Häuser mit ähnlichen Erkern und Graffiti sehen. Wie du es nur schaffst, die Straßen von Autos leergefegt zu fotografieren. Vielleicht war ja wegen des Alpabtriebs gesperrt? Die Kühe, leider ohne Hörner, wurden zum Festtag ja auch alle ordentlich abgeduscht, damit sie sich sehen lassen konnten. Sehr schöne Fotostrecke!

  4. hinter dem Schulhaus geschmückt werden, um dann vor dem Schulhaus den wartenden Touristen auf der Dorfstrasse vorgeführt zu werden

    Potemkinscher Abtrieb🙂

  5. @Sugarprincess: ich mag Kühe und trinke jeden Tag einen halben Liter Milch.

    @lieberlecker: vielleicht sehen wir uns da🙂

    @Bachbummele: zusammen mit einem Appenzeller Gürtel gehen Bluejeas gut.

    @Rosa Mayland: last weekend in Charmey.

    @Buchfink: ja, die Strasse war gesperrt. Die Häuser da unten lassen schon den Südtiroler Einfluss erkennen.

    @Rufus: in Zivil gekleidete Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit habe ich an getürkten Alpabtrieben wenigstens keine entdeckt

  6. Die Treicheln haben es mir angetan beim alpinen Brauchtum. Gussglocken sind ein vertrauter Klang, auch wir Küstenbewohner haben so manche Rituale, bei denen sie eine Rolle spielen. Aber der unmelodiöse Klang von gehämmertem Metall, das keine Harmonischen ausbildet und sich nicht stimmen lässt, hat so einen archaischen Reiz wie die Klappern und Ratschen beim Fasnachtstreiben.

  7. Immer no gliich und eifach scheen !
    I ha vor vyyle, vyyle Joohr als Gnäggis emol s‘ Vergniege gha, drei Wuche Wölfli-Lager in Müstair z‘ verbringe. Was mi hyt no an mi gottvergässes Heimweh vo anno dozumol erinneret.

  8. Schön, dass es diese Traditionen noch gibt und wenn sie – wie hier – schlicht gehalten werden, finde ich es umso schöner

  9. @bee: die Tonhöhen der Treicheln in einer Gruppe werden sorgfältig aufeinander abgestimmt.

    @Basler Dybli: Wölfli, da war ich auch mal dabei. Wir waren jedoch im Hinterrheintal.

    @hilarius: die Tiere merken, dass sie ausgezeichnet werden. Schliesslich haben sie auch einen Sommer lang für ihre Rangierung in der Gruppe gekämpft.

    @Eva: auch Traditionen dürfen und sollen sich fort entwickeln, aber schlicht.

    @entegut: die Heimkehrfreude überstrahlt eben alles.

  10. Das Traditionen zu Touri-Attraktionen ausgeschlachtet werden, erleben wir hier in der Drôme auch (in diesem Fall allerdings mit Schafen anstelle von Kühen). Schön, wenn man teilhaben kann, an *richtigem* Leben. Und du hast das mal wieder bild-hübsch eingefangen.

  11. Interessant, wie ( vor allem auf dem letzten Foto) der Südtitoler Einfluss bei der grafischen Gestaltung der Hauswände sich auf dem Asphalt fortsetzt.😉
    Ansonsten (wie heißt es auf Neudeutsch): Switzerland at its best!

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