CH-5313 Klingnau: Von Minnesängern und biblischem Wein

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Manchmal sind es eigenartige Zufälle, die mich an einen Ort führen. Ausgangspunkt war eine (sehr) gute Flasche Pinot noir Kloster Sion. Das Kloster Sion darf man aber keineswegs in Sion (Sitten), der Hauptstadt des Wallis, vermuten. Das Kloster Sion stand einst in Klingnau, einem Kleinstädtchen an der Aare, nahe der Mündung der Aare in den Rhein. Der griechisch/lateinische Name Sion, hebräisch Zion, leitet sich seit salomonischen Zeiten von der Tempelstadt Jerusalem ab.

Ulrich II. von Klingen aus dem Thurgauischen Altenklingen gründete das Städtchen Klingnau 1239 auf Land, das er vom Kloster St. Blasien gegen die Aareinsel Beznau eingetauscht hatte. Die Freiherren von Klingen standen im Dienst Habsburgs. Ulrichs Sohn, der Minnesänger Walter von Klingen, ein Vetter und Vertrauter Rudolfs I. von Habsburg, gründete in Klingnau 1269 das Kloster Sion für den Wilhelmitenorden und baute eine Brücke über die Aare. Vorher schon, 1256, stiftete er das Dominikanerinnenkloster Klingental, das sich seit 1274 zu einem der bedeutendsten Klöster Basels entwickelte. Bis es dann im Zuge der Reformation aufgehoben wurde und mir heute freundlicherweise in einer Ecke des Areals Obdach gewährt.

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Schloss Klingnau

Klingnau lag im Mittelalter verkehrstechnisch günstig. Der Warenverkehr in den süddeutschen Raum wurde über die Achse Klingnau / Zurzach auf dem Landweg abgewickelt. In Klingnau wurden die Aareschiffe entladen. Das brachte Zolleinnahmen.
1243 wurde Chlingenowe (Auen der Klingen) erstmal urkundlich als Stadt erwähnt.

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Klingnau Ansicht 1642 (wiki)

1269 verkaufte Walter von Klingen u.a. das Städtchen und die Aarebrücke an den Bischof von Konstanz. Das Bistum, dauernd in Geldnot, trat laufend Rechte ab so dass u.a. die Habsburger, das Kloster Sankt Blasien, der Johanniterorden und das Chorherrenstift Zurzach Machtbefugnisse in Klingnau hatten.

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Westseite des Städtchens

1415 eroberten die Eidgenossen den Aargau. Klingnau gehörte nun zur Grafschaft Baden, einer Gemeinen Herrschaft. Die Eidgenossen zogen bis 1712 praktisch alle Rechte des Bischofs und der anderen Herrscher an sich.  Im 15. Jahrhundert wurde die Brücke über die Aare weggerissen, aber nicht mehr aufgebaut, 1586 zerstörte ein Brand die gesamte Oberstadt.

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Altstadt Klingnau

Am westlichen Abhang zur Aare hin, steht die markante Propstei, der ehemalige Verwaltungssitz des Benediktinerklosters Sankt Blasien. Sie wurde zwischen 1745 und 1754 nach den Plänen des Baumeisters Johann Caspar Bagnato erbaut (den wir schon aus Hitzkirch und Bischofszell kennen). Der Klotz wird heute als Schulgebäude und Sitz der Gemeindeverwaltung genutzt.

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Probstei
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Probstei, Fenstergitter

Im Jahr 1798 marschierten die Franzosen in die Schweiz ein. Die Helvetische Republik wurde ausgerufen. Klingnau gehörte nun zum kurzlebigen Kanton Baden. Während des Zweiten Koalitionskrieges im Jahr 1799 verlief die Frontlinie zwischen Frankreich und Österreich in unmittelbarer Nähe. Die Österreicher richteten 1814 in der Propstei und im Kloster Sion ein Spital ein.

Das Städtchen konnte sich wirtschaftlich kaum entwickeln, da es stets im Schatten der grösseren, nahegelegenen Orte Zurzach und Baden stand. Das Kloster Sion blieb bis 1725 selbständig, dann kam es zu St. Blasien. Die Gebäude wurden nach der Klosteraufhebung 1810 zunächst als Baumwollfabrik und ab 1837 als Seidenmanufaktur verwendet und im Laufe der Zeit zu Wohnblöcken umgebaut. Erhalten sind noch ein Mäuerchen und der alte gewölbte Klosterkeller.

Lediglich der Weinbau erlangte eine gewisse Bedeutung, so betrug die Anbaufläche im Jahr 1780 rund 115 Hektaren. Heute sind es noch 10 Hektaren, die sich auf verschiedene Besitzer verteilen. Dank des Stausees und der topographischen Lage weisen die Klingnauer Reblagen ein für Rebbau gut geeignetes Mikroklima auf.

Damit kommen wir zum Wein der Familie Meier. Die Familie, die im nahen Würenlingen auf dem Hof Widum seit Urzeiten (1462) Lehensleute (Meier) des Stiftes Zurzach waren, konnten 1730 den Hof und 1894 Reblagen des Klosters Sion erwerben. Das 11,3 Hektaren umfassende, in den Gemeinden Klingnau, Döttingen und Würenlingen liegende Weingut zum Sternen wird heute in der dritten Generation von Andreas Meier geführt. Daselbst führt Bruder Adrian Meier den Gasthof.

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Weinberg Klingnau und Lage Sion, Ende August 2013

Hier, im Sternen Würenlingen, assen wir zu Mittag. Gute Landgasthofküche, hier wird unbeeinflusst von allen Modeströmungen im alten Stil gekocht. Frau L. war sehr zufrieden. Weine gibts ausschliesslich vom Weingut. Alle produzierten Weine werden auch offen ausgeschenkt.

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Warten im Schatten der alten Trotte auf den Wein kaufenden Ehegatten
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Blick vom Rebberg Sion im November 2012 auf Klingnau und Aare
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Späte Lese oder vergessen ?

Quellen
wiki Klingnau
wiki Klingental
wiki Kloster Sion

38 thoughts on “CH-5313 Klingnau: Von Minnesängern und biblischem Wein”

  1. Ui, ein neues, beflügelndes Blog-Outfit!
    Ich bin noch ganz verwirrt: als ob eine Blondine nun mit brünetten Haaren vor mir steht. Oder umgekehrt. Steht dir aber auch gut!

    Na, auf jeden Fall: Kompliment zum Mut zur Typ-Veränderung!
    Und sehe es als gutes Zeichen: Robert hört noch lange nicht auf zu bloggen😉
    schönen Sonntag euch…

    1. ein Blick auf den Haaransatz gibt Dir die Antwort😉 Als ich vor 7 Jahren anfing, bin ich ziemlich unstrukturiert vorgegangen und wp hat sich weiterentwickelt. Dieser alte Plunder musste mal bereinigt werden.

  2. Nun stiehlt das neue Outfit ja (beinahe) dem schönen Sonntagsausflug die Show – aber nur fast, denn ich habe trotzdem Deinen Beitrag aufmerksam und mit Freude gelesen. Doch trotz Minnesängern kann das neue Gewand nicht unkommentiert bleiben.

  3. Elegant und interessant, zem Läse und zem Luege !
    I schliess mi mit‘ eme Schmunzle em dritte Absatz vo dr Micha a 😉
    E scheene Sunntig Eych zwai.

  4. Ich war erst nicht ganz sicher, ob ich am „richtigen“ Ort bin.😉
    Muss mich erstmal in Ruhe umschauen – und ja, die historischen Streifzüge durch die Schweiz sind herrlich (und das von jemandem, der sich nicht sonderlich für Geschichte interessiert ;-)).

  5. Robert, wow!
    Die Überraschung ist gelungen!
    Und mir gefällt es richtig gut – so schön hell und klar.
    Im Gegensatz zu mir kannst du das auch alleine.😉

    Und um das nicht zu vergessen: danke fürs Mitnehmen auf den Ausflug; ich mag deine Sonntagsberichte, aber das weißt du ja.

    1. leider ist für eine Weile Schluss mit Ausreisen, das Wetter war/ist zu garstig. Dafür müssen die Gruselköche wieder herhalten😉
      Vor Allem dein schönes Blog-layout hat mich dazu überredet, es Dir gleich zu tun.

  6. Das vereint zum Glück die Winzer- und auch die meisten Brauereigasthöfe: sie bleiben bodenständig und regional, neumodischer Schnickschnack hat hier keine Chance.

    1. Auch in Deutschland wird nach dem Sternesegen von Michelin die Luft bei der Spitzengastronomie dünn geworden. Zuviele Sterneköche, zu wenig Esser.

  7. Das Strickmuster des grasgrünen Aermelböckli erinnert doch stark an die vorwitzigen jurassischen Zucchetti vom vergangenen Sommer… ist so eine sehr gelungene ‚Verwertung‘!
    Gruss wy

  8. Auf dem Smartphone heute Morgen war alles noch beim Alten Robert und heute Abend übers Festnetz online große Verwunderung – es gibt einen neuen Robert.. Letztlich aber ein sehr schöne update. Kommen deine Antworten jetzt immer gleich nach dem coms?

    1. um 6.00 hab ich mit ändern begonnen. Ja. sonst müssen die armen Leser zuviel scrollen und wordpress muss halt schauen, wie ihre database damit fertig wird🙂.

  9. Ich dachte heute morgen auch erst, aha, ein anderes Layout auf dem Smartphone als in der Desktop Version (ich betrachte die Seite normalerweise nicht auf dem Smartphone)?

    Und dann die Überraschung, tatsächlich ein neues Layout.

    Was mich wahrscheinlich von den meisten Kommentatoren unterscheidet, ich habe noch ein paar Tabs mit dem alten Layout offen, die mein Browser noch nicht upgedatet hat und somit habe ich im Moment noch den direkten Vergleich.

    Die Abstände zwischen den Kommentaren sind in der Tat etwas groß, aber nach erster Verwirrung gefällt mir das neue Layout sehr gut, klarer und strukturierter als das alte. Du hast Deine italienische Gliederung aufgegeben?

  10. Nach über 20 Jahren mit Sicht auf die Burg Hohenklingen interessierte Dein Bericht besonders. Waren „unsere“ Klingener (Rheinklingen, Klingenzell, …) die gleichen oder verwandt?
    Sehr schöne frische Aufmachung!

    1. Google hilft: Ja, es sind die gleichen.
      In einem von Google gescannten Buch aus dem 19.Jhdt. fand ich u.a. einen kurzen Liedtext, der Walter von Klingen zugeschrieben wird, in heutigem Deutsch:
      Nur von Frauen kommt her Freude
      Hochgefühl in eines Mannes Brust;
      Niemand sichert vor dem Leide
      Als der Frauenliebe reine Lust. (reine!?)
      Frauenliebe versüsst das Blut
      Und gibt freudenreichen Mut
      Guter Frauen Liebe ist besser als Gut.
      Wie recht er hat.

  11. Hier kommt noch ein Glückwunsch zum neuen Layout! Sehr klar, da wirken Texte und Fotos noch mal so gut. Ich gucke mir das alles interessiert an, und dann ziehe ich (hoffentlich) bald nach.

  12. Huch, wie sieht es denn hier aus, ich bin gerade richtig erschrocken😀
    Sehr schön geworden!!!
    Und so viel übersichtlicher, ich geh jetzt gleich mal noch etwas stöbern😉

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