F-68480 Lucelle: Tal, Fluss, Ort

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Durchs Lützeltal ins Jurahäuschen. Ein stilles, kaum erschlossenes Tal, von einem kleinen, weitgehend unverbauten Flüsschen durchzogen. Vom Quellgebiet südlich des jurassischen Lucelle fliesst das Gewässer mäandrierend bis zur Mündung vor Laufen in die Birs. Viel Wald, lichte Auen, im untern Teil wenig Ackerbau. Wiki sagt, dass sich der Name Lützel vom niederdeutschen: lütt ableite. Niederdeutsche habe ich in diesem Tal jedoch noch nie angetroffen, hingegen viel Bärlauch.

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Zwischen dem französischen Lucelle und dem schweizerischen Kleinlützel bildet die Lützel die Grenze. Dazwischen verläuft entlang des Flusses eine französische Hauptstrasse mit dem Status einer Route internationale. Mehrfach überquert die Strasse Fluss und damit die Grenze.

Von Kleinlützel her kommend überschreitet man die Grenze beim Hof „Kösterli“ ein erstes Mal. 1136 wurde hier ein kleines Frauenkloster mit dem Namen Minor Lucella gegründet und erst dem Abt des Klosters von Lucelle (Gross-Lützel) unterstellt. Später übernahmen Augustiner das Anwesen. Im Schwabenkrieg (1499) und bei den Bauernunruhen wurde das Kloster stark zerstört. Heute sind nur noch Kapelle und Ökonomiegebäude erhalten.

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Lützeltal: Klösterli

Bei Moulin-Neuf (einer ehemaligen Mühle) machen wir einen kleinen Abstecher zum Hofgut Löwenburg hinauf. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg stammt von 1271. Vor 1200 bestand sie aus einer einfachen Ringmauer und wurde Mitte des 13. Jahrhunderts durch massive Bruchsteinmauern befestigt. Seit der ersten Jahrtausendwende befand sich neben der Burg ein Meierhof. Besitzerin von Löwenburg war eine Sundgauer Adelsfamilie, die seit 1235 den Löwen in Wappen und Namen führte.

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Der gipserne Wappenlöwe derer zu Löwenburg

Burg und Hof waren ursprünglich im Eigenbesitz (Allod) der Herren von Löwenburg, wurden aber Mitte des 13. Jahrhunderts ein Lehen der Elsässer Grafen von Pfirt (Ferrette), später eines der Herzöge von Habsburg.

Durch Heirat und Erbgang fiel der Löwenburger Grundbesitz um die 1360 an die Basler Ritterfamilie Münch von Münchenstein, die ihn rund 170 Jahre später an das nahegelegene Kloster Lucelle verkaufte.

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Löwenburg: Torturm
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Torturm und Wehrgang von innerhalb der Anlage gesehen.

1580 schlossen die katholischen Orte der Eidgenossenschaft mit dem Bischof von Basel ein Verteidigungsbündnis (Ein Defensionale). Diese Sicherheitsgarantie bewog den damaligen Abt von Lucelle, bauliche Veränderungen in Löwenburg vorzunehmen. Zwischen 1585-1600 entstand zuerst ein dreiteiliger Wohn- und Verwaltungstrakt, eine grössere Kapelle, schliesslich ein festungsartiger Wehrgang und Torturm. Der Bau blieb aber durch den Tod des Abtes unvollendet. Während des dreissigjährigen Krieges wurde die Abtei Lucelle zerstört. Der Konvent benutzte in dieser Zeit das Hofgut Löwenburg als eine ihrer Zufluchtsstätten.

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Löwenburg: Hauptbau

Nach der französischen Revolution und dem Untergang von Fürstbistum Basel und Kloster Lucelle fiel die Löwenburg erst an den französischen Staat, der den Streubesitz ab 1796 meistbietend an Private verscherbelte. 1956 kaufte die gemeinnützige Basler Christoph Merian Stiftung den Kern des Hofguts samt Ruinen und liess es 1963-1966 umfassend restaurieren. Der ununterbrochen weiter geführte Landwirtschaftsbetrieb wurde durch mehrere neue Betriebsgebäude aufgewertet und wird seit Mitte der 1970er Jahre als extensiver Grünlandbetrieb mit Mutterkuhhaltung geführt.

 

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Neugierige Bewohnerin des Hofgutes

Zurück im Lützeltal geht die Reise weiter nach Lucelle. Kurz davor weitet sich das Tal. Hier, wo einst ein bedeutendes Kloster mit grosser Kirche, Konvent, Fremdenhaus, Wirtschaftsgebäuden mit Stallungen, Heubühne, Mühle, Bäckerei, Metzgerei, Gerberei, einer Orangerie und zwei Zugangstoren stand, gibts heute nicht mehr viel zu sehen.

Das Kloster Lucelle (Abbaye de Lucelle) war eine Abtei der Zisterzienser. Sie wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts gestiftet und 1792 aufgehoben. Das ehemalige Klostergelände liegt heute in Frankreich, der südliche Teil des Geländes mit Nebengebäuden gehörte bis 1757 zum Fürstbistum Basel.

Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts waren die gegen 200 Mönche meist Adlige aus dem Sundgau und anderen oberelsässischen Regionen, stammten aber auch aus dem Fürstbistum Basel. Später durften sich auch normal geborene den Freuden des Klosterlebens hingeben. Lucelle konnte seine Besitztümer durch zahlreiche Schenkungen, Tausch- und Kaufgeschäfte rasch mehren. Im 12. Jahrhundert wurde Lucelle vom Zehnt, den es für seine Güter im Bistum Basel an dasselbe abzuliefern hatte, befreit. Lützel war nach dem Kloster Murbach die reichste Abtei im Elsass. Burgrechtsverbindungen bestanden unter anderem zu den Städten Basel und Mülhausen.

Das Kloster wurde mehrfach durch Kriege geplündert und zerstört: 1375 durch die Gugler, 1499 durch die Eidgenossen, 1524 oder 1525 im Bauernkrieg, 1638 im Dreissigjährigen Krieg und wenn einmal Friede herrschte… brannte es. Nach einem Grossbrand 1699 wurde von 1703-1730 eine neue Abtei in barockem Stil gebaut.
Nach der Annexion durch den französischen Staat 1789/92 wurde alles zu Geld gemacht, was Abnehmer fand. Was die Agenten der Regierung nicht verscherbeln konnten, wurde vernichtet. 1796 kaufte ein ehemaliger Lützeler Mönch die Abteigebäude um sie 5 Jahre später an drei Schmiede weiter zu veräussern. Die Kirche und die meisten Gebäude wurden abgetragen, aus den Steinen wurden eine Eisenhütte und eine Giesserei gebaut. Das Konventsgebäude diente als Arbeiterwohnheim.

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Erinnerung an bessere Zeiten

1824 wurden die neu gebauten Fabriken und der Rest der Klostergebäude an Rudolf Eduard Paravicini, den späteren „Eisenkönig von Lucelle“ verkauft. Der Hochofen von Lucelle versorgte fortan die französische Armee mit Stahl, die Erze stammten von beiden Seiten der Grenze, das Holz aus den umliegenden Wäldern.

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Wenigstens steht der Hochofen auch nicht mehr

Nach etwa 1860 kam es zum Niedergang der Industrie im abgelegenen Tal ohne Eisenbahnanbindung. 1883 wurden die letzten verbliebenen Einrichtungen geschlossen, später abgetragen.

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Wohnort für Stockenten, Blässhühner, Gänsesäger, Zwergtaucher und Forellen

Der schon in Klosterzeiten gestaute See liegt wieder friedlich da. In dem ehemaligen Konventsgebäude hat sich ein französisches Touristen- und Ferienzentrum  für Ruhe Suchende etabliert und bemüht sich, Leben in das stille Tal zu bringen. Nicht einfach😉

Quellen:
wiki Kloster Lützel
wiki Löwenburg

23 thoughts on “F-68480 Lucelle: Tal, Fluss, Ort”

  1. Wieder eine schöne Fahrt und interessante Rundgänge, auf die Du uns mitnimmst. Wie wäre es, als heutiger Mensch die alte Zeit per Zeitreise für ein paar Tage zu besuchen wie im Film „Back to the Future“? Stinkten wirklich alle? Wuschen sich die Männer nur vor Pfingsten? Würde ich umgebracht mit meinen heutigen Kleidern?

    1. Ich erinnere mich an Ansichtskartenbüchlein aus Rom. Darin konnte man auf die aktuelle Postkarte eines Baudenkmals eine Folie drüberklappen mit Bildern, wie der Bau früher ausgesehen hat. Sowas würde mir genügen. Die Nase muss ich nicht auch noch ins Altertum stecken😉

  2. Mit dim Sunntigsbricht rennsch du bi mir offeni Diire i !
    Mi Huusstreggi fir glaini Usfahrte mit em Ruggwääg iiber‘ s‘ Elsass oder Daagesbùmmel in Jura. E richtige Gheimtipp, no zue bi Basel.
    P.S. S‘ einzige Minus isch dr Rollsplitt uf dr Stroos (amme im Summer).

      1. Danggscheen fir dr Tipp ! Das Schlèssli han‘ i bis jetzt nit kennt.
        P.S. Vorsichtig isch aagsait in de Egge (i fahr nit so schnäll) 🙂

  3. Wieder ein wunderschöner Sonntagsausflug mit sehr viel Geschichte.
    Ein Klösterli zum Verlieben!

  4. „lützel“ = mittelhochdeutsch „klein“ oder „wenige“, wer mehr wissen will, schaut am besten im (auch digitalen) Grimmschen Wörterbuch oder im (auch digitalen) Lexer. Im niederdeutschen Sprachraum gibt es „lütt“ bis heute, im hoch- und oberdeutschen Bereich nur noch in historischen Bezeichnungen. Wiki weiß eben doch nicht alles. Ich auch nicht, aber in dem Fall weiß ich, wo’s steht😉 Schönen Sonntag!

  5. Der im gesamten deutschen Sprachraum sattsam bekannte (denke ich mal) Herr von Ribbeck pflegte bekanntlich zu rufen:
    „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn“.

    Ob man heutzutage im Havelland noch so spricht, weiß ich nicht. Aber in Hamburg nennen auch Hochdeutsch Sprechende kleine Kinder „die Lütten“. Oder „lütte Lüd“. Ist doch tausend Mal hübscher als dieses selten dämliche „Kids“ (Bäh!)

    1. Lützel ist in meinem Dialekt ein noch immer gebräuchlicher Ausdruck. Ich kann sagen: „Du bisch hüt aber ou lützu agleit.“ Das heisst: „Du bist heute aber auch lützel angezogen.“ Lützel im Sinn von leicht oder zu wenig,
      (Schweiz, Oberaargau)

        1. Potz Tuusig, do het öpper agwängt im urchigi Usdrück anenang reihe! Dass im Gschichtli e Bachbumele vorchunnt, gfaut mer natürlech bsungers. Danke für dä Link.

      1. Das ist schön. Ich hatte schon früher den Eindruck, dass die Kenntnis des Mittelhochdeutschen im oberdeutschen und alemannischen Sprachraum hilft, die Leute zu verstehen. So bekommt man eine Idee davon, wie es geklungen haben könnte.

    2. Das Havelland befindet sich ja auch, genau wie HH, im niederdeutschen Sprachraum. Was nicht hindert, dass auch hochdeutsch Sprechende „lütt“ sagen und verstehen. „Lütt“ hat sich erhalten, „lützel“ ist verschwunden… Ob wegen der „Kids“ die „Kinder“ verschwinden, die aus der gleichen Quelle stammen, das wird man erst noch sehen😉

  6. Wikipedia ist hier (wie öfters) schludrig, weshalb ich gerne zur heiteren Erhellung des Sachverhalts helfe. Im gemeinsamen westgermanischen *lutil ‘gering’ erkennt man den Zusammenhalt der Sprachen: dem englischen little entspricht niederdeutsch lütt, da sie beide aus dem angelsächsischen lytel stammen. Ursprünglich handelte es sich um ein Partizip des Verbs *lûtan ‘beugen, erniedrigen’, mit der Veränderung zum Adjektiv wurde dessen Bedeutung auch erweitert auf Dinge in geringer Menge oder Anzahl: ‘wenig, ein paar’.

    Dass das Wort hier im keltisch-romanischen Sprachgebiet auftaucht, ist nicht ungewöhnlich. Es gab immer Sprachkontakte, beispielsweise über das gotische leitils ‘(sehr) klein’. Eine Herleitung aus dem lateinischen lucus ‘Waldlichtung’ scheint mir aber auch nicht ganz verkehrt.

    Wenigstens kann man über die etymologische Herleitung von „Gross-Lützel“ schmunzeln😉

  7. Danke für die Aufklärung, Herr Bee ! Somit weiss ich nun auch um die Herkunft der Ortsnamen von Lützelflüh (Bern) und dem Lützelsee (Zürcher Oberland).

  8. Spät kann ich heute mit auf deinen Ausflug gehen, aber nicht mit minder Freude und Interesse als sonst! – Danke fürs Mitnehmen, so kann ich diese Orte wenigstens virtuell kennen lernen!

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