CH-4537 Wiedlisbach: Beschaulichkeit auf dem Lande

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Im 12. Jahrhundert gründeten die Grafen von Frohburg (bei denen waren wir vor eine Woche zu Besuch) mehrere Städtchen mit dem Ziel, ihr Herrschaftsgebiet abzusichern. Wiedlisbach ist dabei die jüngste Stadtgründung der Frohburger. Sie wurde 1275 als Wietilspach erstmals als Oppidum (Landstädtchen ohne Marktrecht) erwähnt. Das winzige Städtchen liegt ausgerichtet auf die durchziehende Verkehrsachse von Basel nach Biel und besteht aus einer Hauptgasse und einer parallelen Nebengasse. Das Städtchen war mit einer Ringmauer umgeben, die heute noch grossenteils erhalten, aber von vielen Fenstern durchbrochen ist. Die beiden Stadttore wurden 1827 geschleift. In der Nordwestecke steht der Städtliturm (ehemals Sitz des frohburgischen Vogts).

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Städtliturm, Wohnturm, 13. Jahrhundert

Nach dem Tod des letzten Frohburgers fiel die Herrschaft Bipp, zu der das Städtchen Wiedlisbach gehörte, als Erbe 1366 an Graf Rudolf III. von Neuenburg-Nidau. 1375 wurde Wiedlisbach von den einfallenden Guglern grösstenteils zerstört. Nach dem Aussterben der Nidauer wurde Wiedlisbach als Pfandschaft vom Grafen Rudolf von Kyburg erworben und erhielt das Recht, einen Wochenmarkt abzuhalten. Nach dem Aussterben der Kyburger  (vom Minnesingen allein überlebt kein Stamm) gelangte ihr Besitz als Erbschaft an die Habsburger (1264). 1386 erhielt Wiedlisbach als Dank für seine Beteiligung im Sempacherkrieg von Habsburg das Marktrecht.

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Der Ölibach läuft quer durch das Städtchen und diente zum Antrieb einer Mühle
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Ölibach mit Brunnen in der Hinterstadt

Die kompakte, mittelalterliche Anlage hat ihren ursprünglichen Charakter bis heute bewahrt, wobei sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Hinterstädtli von einem kleinbäuerlichen Hofplatz zu einem gediegenen, verkehrsfreien Wohnort wandelte.

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Wohnidylle in der Hinterstadt

Wiedlisbach ist das einzige bernische Städtchen ohne Kirche. Es gehört zur Pfarrei Oberbipp. Dennoch gibt es im Städtchen seit seiner Gründung eine Kapelle, die St. Katharinenkapelle, Die mit andern Häusern in die östliche Stadtmauer des Hinterstädtchens eingebundene Kapelle war Ende des 15. Jahrhunderts vollständig mit Fresken ausgemalt. Das grösste Fresko, das jüngste Gericht darstellend, ist heute durch den Einbau des Fensters nur noch teilweise erhalten. Leider konnte wir das Innere nicht aufsuchen, da die Fresken derzeit restauriert werden. 360°C Panoramabild hier.

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St. Katharinenkapelle mit Auto Marke Renault

1415 eroberten die Berner den Aargau, die Herrschaft Bipp geriet vorerst unter die gemeinsame Verwaltung der Städte Bern und Solothurn. 1463 erhielt Bern Wiedlisbach in einem Tauschgeschäft mit Solothurn gegen die Herrschaft Bechburg. 1508 konnten sich die Wiedlisbacher aus der bernischen Leibeigenschaft freikaufen, blieben jedoch unter der Verwaltung durch Berner Landvögte. 1516 erteilte Bern der Untertanenstadt das Stadtrecht. Im 16. Jahrhundert lebten darin ca. 250 Einwohner. 

Den zumeist von der Landwirtschaft lebenden Einwohnern wurden aber schon bald wieder die Daumenschrauben angezogen. Die Herrschaft der Stadtberner Vögte wurde zunehmend willkürlicher, lebten diese doch im ancien régime von den Einnahmen aus Gebühren und selbstherrlich verfügten Bussen.

Während des 30-jährigen Krieges blieb die Eidgenossenschaft mehrheitlich von den Kriegswirren verschont. Mit dem Zusammenbruch der Getreidepreise in Folge des Westfälischen Friedens musste Bern seine Währung abwerten. Das brachte das Fass zum überlaufen und führte in allen bernischen Landgebieten und weit darüber hinaus zu einer Steuerverweigerung und letztlich zu einem Bauernaufstand, dem sich auch die Wiedlisbacher anschlossen. Der Aufstand wurde 1653 mit militärischen Mitteln niedergeschlagen. Die Rädelsführer des Aufstands wurden gefangen gesetzt, gefoltert und aufgehängt.

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Kornhaus, heute Museum, mehrheitlich von 1693

Nach dem Sieg im Bauernkrieg zeigte sich die Obrigkeit jedoch einsichtig und kam den fiskalischen Forderungen der aufmüpfigen Bauern mit Reformen und Steuersenkungen entgegen.  Dadurch verhinderte der Schweizer Bauernaufstand ein Abrutschen des Staates in einen exzessiven Absolutismus wie in andern Staaten.

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Hauptgasse
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Das im Kern aus dem Jahre 1540 stammende, ehemalige Rathaus

Die Gasthäuser gehen auf das frühe 16. Jahrhundert zurück, sind aber heute auf das Niveau von Pinten, Pubs und Pizzerien herab gesunken. Wir zogen es vor, unser Zvieri im nahen Restaurant Attisholz  bei Jörg Slaschek einzuziehen.

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meisterliche Barockmalerei eines Jägers unter der Ründi des Vordaches

1974 erhielt das Städtchen den Henri-Louis-Wakker-Preis für die beispielhafte Ortspflege und wurde 1975 durch den Europarat ausgezeichnet. Seit 1985 fliesst der Durchgangsverkehr über eine Umfahrungsstrasse.

Quellen:
Gemeinde Wiedlisbach
BAK

23 thoughts on “CH-4537 Wiedlisbach: Beschaulichkeit auf dem Lande”

  1. Was sich so bewahren konnte (alleine dass es überdauerte) über die vielen Jahrhunderte – und ich empfinde vieles davon (etwa die Architektur) immmernoch als schön. Und was sich wohl aus diesem Jahrhundert Bewahrenswertes findet für die nächsten Jahrhunderte?
    ein schönes Pfingstwochenende euch beiden…

    1. Nur wenige der heutigen Bauwerke werden das nächste Jahrhundert erleben. Nicht nur wegen bröckelndem Beton, sondern weil man zeitgeistigen Kitsch besser wieder abreisst als zu renovieren. Danke für die guten Wünsche, wir halten uns still wenns warm wird.

  2. „1386 erhielt Wiedlisbach als Dank für seine Beteiligung im Sempacherkrieg von Habsburg das Marktrecht.“ Ah – ich glaube zu ahnen, woher der Ausdruck „seine Haut zu Markt tragen“ kommt. Überhaupt kann ich mich nie genug wundern, wie unfriedlich es in der als Oase des Friedens vielleicht zu Unrecht bekannten Schweiz früher herging. Bellum omnium contra omnes.

    1. War ja nett von den Habsburgern, da für sie die Sempacher Schlacht verloren ging. Die Neutralität der Schweiz beruht nicht auf Friedensliebe. Als potentiell armes Land lebte die Schweiz jahrhunderte lang von der Reisläuferei. (dem Export überschüssiger, junger Männer in ausländische Kriegsdienste). Die Niederlage in der Schlacht von Marignano 1515 war der erste Fingerzeig, dass es so nicht mehr weitergehen konnte, wollte man das Auseinanderbrechen der Schweiz nicht riskieren. Dennoch wurde noch Jahrhunderte in Religionskriegen weiter gestritten und auch die Reisläuferei wurde erst um die 1859 beendet, als die letzten 8000 Mann aus dem Königreich beider Sizilien von Neapel nach Hause beordert wurden.

      1. Wusste nicht, dass die letzten Reisläufer erst Mitte des 19. Jhs. unterwegs waren. Die Schweizer Garde geht ja auch auf dieses quasi mittelalterliche Söldnertum zurück…
        Danke für die wunderbare Landpartie wieder einmal…

  3. Wunderbar dargelegt! Schade, dass du nicht mein Geschichtslehrer warst.😉
    Ich wünsche schöne Pfingsttage.
    Liebe Grüße,
    Eva

  4. Mehr Durchblick statt grausiger Jenseitsvisionen. Andererseits ist so ein Fenster architektonisch auch ganz reizvoll.

  5. Ich schau mir so altes Gemäuer immer in Bezug auf Wohnqualität an. Da hätte es wieder einige Möglichkeiten gegeben… Köstlich, die Katharinenkapelle mit Auto der Marke Renault!
    Schöne Pfingsttage wünscht der Buchfink

    1. Danke gleichfalls. Auch wir überprüfen jede Burgruine hinsichtlich des allfälligen Einbaues von Bade-, Wohn- und Schlafzimmern und ob der Burghof sich als Terrasse eignen würde.

  6. Wiedlisbach – e wiiderum interessante Bricht. Danggerscheen !
    Ufgrund vo (das Mool) so vyyle Bläächkutschene uf de Helge hätt‘ i emänd fascht uf Gämf tippt …😉
    I wynsch dir/Eych scheeni Pfingschtdääg

  7. … ausgestorben …. durch Erbschaft erhalten …
    Erfolgsrezept zu jener Zeit: Viele Kinder zeugen, ihnen beibringen, gesund zu leben und weit vom Schuss zu stehen und sie berechnend verheiraten.

  8. Pfingstgrüße in die menschenleere Schweiz!
    Wenigstens das Dreirad zeugt von vorhandenem Nachwuchs …🙂

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