CH-1913 Saillon: Aprikosen und Anderes

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Aprikosenzeit. Grund für eine Ausfahrt ins Wallis. Kurz vor Saillon, unweit Martigny, gibt es neben Strassenhändlern auch Produzenten, die ihre Ernte direkt ab Feld verkaufen. Nach eingehender Prüfung, ob unten im Karton dieselbe Qualität liegt, wie oben -Erfahrung macht klug, ob in Italien oder im Wallis-😉, entschlossen wir uns, einen Karton zu erwerben. Etwas billiger als in Basel, nicht besser, aber frischer. Und wenn wir schon mal hier sind, fahren wir doch gleich noch in das mittelalterliche Städtchen, das hoch über der Rhonetal-Ebene liegt.

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Der Verkaufsstand liegt gleich nebenan

Überragt wird das Städtchen von den Resten eines Bergfriedes, dem 19 Meter hohen Tour Bayart.
Im Jahre 999 überliess der letzte Burgunderkönig Rudolf III. die Grafschaft Wallis dem Bischof von Sitten als Lehen. Nach dem Tod des erbenlosen Rudolf, 1032, fiel das Königreich Burgund an den fränkischen König Konrad II.. Das Wallis wurde Teil des Heiligen Römischen Reichs; der Bischof von Sitten zum weltlichen Reichsfürst erhoben. Ab 1052 gehörte Saillon dem Domkapitel von Sion, später den Herren von Saillon.

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Saillon, Stadttor von Innen

Die Grafen von Savoyen verstärkten mit der Zeit ihren Einfluss im Wallis, bestimmten zuletzt sogar die Besetzung des bischöflichen Stuhls von Sitten. 1260 fiel Peter II. von Savoyen im Unterwallis ein, der Bischof musste seine Besitzungen westlich von Conthey an die Savoyer abtreten.

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Saillon, Obertor zum Tour Bayart hin

Die Baumeister von Peter II. von Savoyen gingen sofort daran, die Befestigungen des Schlosses von Saillon zu verstärken und ergänzten die Anlage durch 1261-62 durch einen Turm in der Ringmauer, benannt nach der damaligen Schlossherrin, Dame Bayart.

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Stadtmauer mit mittelalterlichem Schnickschnack, einer Steinschleuder

Kaum war der Flecken befestigt, erhielt erhielt er Freiheitsrechte und durfte Jahr- und Wochenmärkte abhalten. Das Schloss wurde 1475 während eines Feldzuges der Oberwalliser gegen die Savoyer zerstört, erhalten sind der Bergfried, Reste von drei Halbtürmen und weite Teile der Stadtmauer.

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Saillon, Rue du Bourg

Im südlichen Klima von Saillon gedeihen auf rund 190 ha nicht nur Reben, auch Mandel- und Feigenbäume sind anzutreffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Rhone in Dämme gezwängt, ab 1917 die Sümpfe der Ebene durch den Bau von Kanälen trockengelegt. Zusammen mit einer gross angelegten Güterzusammenlegung die Voraussetzung für den so erfolgreichen Erdbeer-, Spargel- und Aprikosenanbau im Unterwallis.

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Falschgeldmuseum

Eine Besonderheit von Saillon ist das Falschmünzermuseum. 1870-1880 stellte der aus dem Aostatal geflüchtete Joseph-Samuel Farinet hier in grossem Umfang Kleingeld, 20-Rappen-Münzen, her, die nach Fehlspekulationen der Walliser Kantonalbank bei der einfachen Bevölkerung im Unterwallis mehr Vertrauen genossen als das staatliche Papiergeld aus Bern.

Nach Intervention des Bundesrates wurde Farinet zur Verhaftung ausgeschrieben und kam in einer Schlucht oberhalb Saillon aus nie geklärten Gründen zu Tode. Seither wird er hier als Robin Hood der Alpen verehrt. Selbst ein Rebberg, bestehend aus 3 Rebstöcken, wurde seinem Angedenken gewidmet.

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Das Tor zu den Rebbergen: Crus au verre, wem wird hier vor Hitze nicht schummrig vor den Augen ?
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Saillon: hier lebt sichs wie in der Provence

Damit sich die Ausfahrt auch lohne, fuhren wir noch zu meinem Walliser Lieblingsweinproduzenten, Robert Taramarcaz, Domaine des Muses, nach Sierre. Dort erwarb ich mir u.a. zwei Magnum Flaschen mit Walliser Riesling „Rilke“. Eine grosse, wuchtige und doch filigrane Beerenauslese: ein bernsteinfarbener Meditationswein. Flüssige Poesie. Rainer-Maria Rilke lebte ab 1921 bis zu seinem Tode oberhalb Sierre .

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Riesling Rilke, un verre de poésie, Domaine des Muses, Sierre

Auf der Rückseite der Flasche sind zwei Vierzeiler (aus Rilkes quatrains valaisans) abgedruckt:

Chemin qui tourne et joue
le long de la vigne penchée,
tel qu’un ruban que l’on noue
autour d’un chapeau d’été.

Vigne: chapeau sur la tête
qui invente le vin.
Vin: ardente comète
promise pour l’an prochain.

Nach dem ersten Schluck gerate auch ins schwärmen:

Am Baume der Erkenntnis
hängen Aprikosen.
Gedichte werden zum Vermächtnis
in einer Flasche Wein.

Quellen:
Commune de Saillon, Histoire
Historisches Lexikon der Schweiz

20 thoughts on “CH-1913 Saillon: Aprikosen und Anderes”

  1. Schöne Bilder, reife Früchte, lauschige Plätzchen, Lieblingsrilke… wärs nicht lange schon abgelegt, du hättest mich zu einem Gläschen Wein verführt…

  2. Die Fahrt durchs Rhônetal gehört auch zu unseren schönen Reiseerinnerungen. Saillon haben wir da achtlos links liegen lassen, das wird sich bei der nächsten Fahrt ändern. Wenn wir mal mehr Zeit haben, wollen wir bei der nächsten Tessin Reise durchs Rhônetal über den Simplon fahren und vielleicht unterwegs noch etwas von den köstlichen Aprikosen in destillierter Form mitnehmen.

  3. A propos Farinet: Ramuz hat ihn wunderbar beschrieben und ihm ein literarisches Denkmal gesetzt. Fast noch besser gefällt mir aber die Ubersetzung der Novelle ins Berndeutsche durch H.U. Schwaar. ( auch für Basler , insbesondere Tavelleser, gut verständlich, würde ich meinen…)

  4. Wunderbar. Wieder einmal gerate ich ins Grübeln, ob wir im September nicht doch in die Schweiz reisen sollten.😉

  5. Dieses lauschige Plätzchen unter den Kastanien sieht tatsächlich schon provencalisch aus. Kaum zu glauben, dass das gerade mal zweieinhalb Stunden von Basel entfernt liegt. Ich bin mal wieder neidisch auf Euch Schweizer, weil Ihr es so schön habt. Und ich liebe Deine Reiseberichte, Robert! – Hat Dir eigentlich noch niemand angeboten, Deine Touren als schönes Buch heraus zu bringen?

    1. Danke, hab selber Freude an unsern Ausreisen auch wenn sich dafür nur wenige interessieren. Das Bücherschreiben überlasse ich lieber jenen, denen das einfacher von der Hand geht.

  6. wunderbar diese engen Gässchen und das lauschige schattige Plätzchen!
    Aber auch die Aprikosen und den Wein würde ich nicht ablehnen.

    Du zeigst so viele schöne Orte…die kann ich gar nicht mehr alle bereisen – so freue ich mich immer, dass ich sie zumindest virtuell miterleben kann!

    Einen schönen Sonntag für euch beide!

  7. Scheeni Helge – e glungene Usfluug – usgsuecht feini Mitbringsel !
    I bi (natyrlig) wiider emol am Sueche. Isch emänd dä blaui Zipfel uf em Provençe-Helge dr Frau L. ? Är würdi zem deggte Tisch passe …

  8. Da eine Währung nur so stark ist wie das Vertrauen, das in sie gesetzt wird, könnte man nicht den Euro auch …?

  9. Von so einer Ernte träume ich noch. Das Bäumchen wurde erst dieses Frühjahr gepflanzt. Bei uns haben die Vinschger-Marillen den besten Geschmack und den besten Ruf.

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