CH-3538 Röthenbach

CH-3538 Röthenbach: Würzbrunnen

CH-3538 Röthenbach

Wieder einmal ins geliebte Emmental. Ziel war das kleine Kirchlein in Würzbrunnen. Weit hinten im Emmental bei Röthenbach. Hier wimmelt es nur so von Bären, mindestens so viele, wie weisse Siloballen auf den Wiesen herumliegen. Unverständlich, warum sich die Gegend hier nicht gleich Bärental nennt. Kaum ein Dorf ohne Bären, aber nicht jeder Bär ist so gastfreundlich wie dieser hier in Langnau. Wir haben uns in seiner Gaststube nachhaltig gestärkt.

Gleich gegenüber steht seit 1526 das Chüechlihus, eines der ältesten Gebäude der Region. Seit 80 Jahren ist es ein Museum, in dem die Geschichte des Emmentals, Gewerbe, Handwerk, Alt-Langnauer Keramik und Flüehliglas sowie wichtige Personen der Region vorgestellt werden.

CH-3538 Röthenbach

Auf dem Weg nach Würzbrunnen ein Abstecher zum Sahlenweidli, ein 1762 erbautes, bescheidenes Kleinbauernhaus, das zur Mitte des 19. Jahrhunderts den beiden Töchtern von Jeremias Gotthelf gehörte und vor einigen Jahren Handlungsort der TV-Serie „Leben wie zu Gotthelfs Zeiten“ war. Wer willig ist, im Lichte von Kerzen und Petroleumlampen in einer offenen Rauchküche mit Holzwedelen (Reisigbündeln) einzufeuern, Teller und Chacheli mit Soda und Sand zu scheuern, im ungeheizten Gaden neben dem Nachttopf zu schlafen, der kann das Haus mieten. Die Ruhe hier oben wäre schon schön, aber ein Leben ohne elektrische Steckdosen ?

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Der Köchgarten vor dem Sahlenweideli
CH-3538 Röthenbach
Sahlenweideli: für Anfeuerholz ist gesorgt

Auf der steilen Strasse zum Chuderhüsi (Chuder: Nebenprodukt vom Hecheln von Hanf und Flachs) öffnet sich eine grosse Lichtung mit dem etwa tausend Jahre alten Kirchlein. Friedhofmauer, Dach, Vorschärm und Dachreiter sind mit Holzschindeln gedeckt.

CH-3538 Röthenbach

Die Wandmalereien beim Haupteingang stammen aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Rechts neben dem stehenden Christus wird Stephanus gesteinigt. 1494 brannte die Kirche ab, nur das Mauerwerk blieb stehen, die Kirche wurde im selben Jahr aber wieder aufgebaut.

Im Innern ist die Holzdecke mit gotischen Flachschnitzereien und farbiger Bemalung geschmückt. Das Kirchenwände wurden im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts mit ornamentalen Malereien und Bibelsprüchen verziert.

Im Chor fallen drei mit Türchen vom gemeinen Volk abgesonderte Sitzbänke auf. Die waren Hochwohlgebornen, Wohledelgebornen, Wohledelwürdigen und Hochgeehrten Personen wie Land- und Kastvögten sowie dem Chorgericht vorbehalten.

Die Verlegung einer elektrischen Bodenheizung vor einigen Jahren scheint der Teufel benutzt zu haben, seine Klaue in den Bodenplatten zu verewigen.

Die Orgel wurde 1785 gebaut und ist noch weitgehend im originalen Zustand.
CH-3538 Röthenbach

25 thoughts on “CH-3538 Röthenbach: Würzbrunnen”

  1. Mit wirgglig allem, was zu mene glungene Usflug ghèèhrt 😉
    Danggscheen fir di interessanti Sunntigmorge“pflicht“lektüre.

  2. Selten haben mich so sämtliche Bilder eines Ausflugs von euch fasziniert. Das ist ja alles sehens- und bemerkenswert. Herausheben mag ich dennoch das Fresko.

    1. Ja, das ist schön. Leider kann man es kaum fotografieren, weil das tief heruntergezogene Dachgebälk die Sicht versperrt. Rechts wäre noch der Christopherus abgebildet, an dessen Haaren sich das Kind festkrallt.

    1. sie wurde kürzlich von einem Orgelbauer revidiert. Hinter der Orgel muss eine Hilfsperson mit ihrem Gewicht die beiden Blasbälge füllen, die unter dem Dach liegen und die Orgel keuchend mit Luft versorgen.

  3. Diese Malereien und Farbfassungen sind eine Erscheinung aus dem Jahrhundert des falsch verstandenen Historismus. In diesem Sommer habe ich so manche Dorfkirche zum Fotografieren besucht, bisweilen wurden die nach der Reformation übertünchten Fresken wieder freigelegt und restauriert, sonst blieben die Räume weiß. Diese Übermalungen scheinen ein Phänomen ländlicher katholischer Gebiete zu sein.

    1. Die meisten der Übermalungen des 18. Jahrhunderts stammen von einem Tischler aus Röthenbach, der als Gemeindeschreiber des Schreibens kundig war. Das einfache Bauernvolk, obschon seit 1528 von oben herab per Dekret reformiert, hängt immer noch an bildhaften Darstellungen.

  4. Ich muss mir alle Eure Ausflüge vor unserer nächsten CH-Reise durchgehen und notieren. Klar, es gibt viel ähnliches, aber so habe ich einen Anhaltspunkt, konzentrierter zu schauen und zu zeigen.
    Chuder: In der Ostschweiz nannten wir den Abfalleimer Ghüderchübel. Hat Ghüder etwas mit Chuder zu tun? Muss mal im Idiotikon nachsehen. Anyway, Erinnerungen werden wach.
    Bei einer gelebten Sprache ist Wandel unvermeidbar, aber etwas Wehmut überkommt mich doch, wenn ich an alte Wörter denke, die heute beinahe vergessen sind.

      1. eigentlich wird das Wort Chuder in ähnlichem Zusammenhang wie Ghüder verwendet. Aber ob es verwandt ist, sehe ich im Idiotikon nicht.
        Du solltest deiner Frau die grossen Dinge zeigen, Matterhorn und dergleichen, davon findet sich bei mir nichts.

        1. Zu den grossen Dingen gehen die Thais, die Deinen Blog nicht lesen. Nicht, dass wir die nicht anschauen, denn auch ihr sind Fotos vor bekanntem Hintergrund wichtig. Wir müssen zB nochmals nach Genf, denn es war kein Fotowetter🙂

  5. Wunderschön – die Holzdecke und die Orgel.
    Was habt ihr nur für Schätze in eurem Land!!

    Ganz liebe Grüße an euch zwei

    Eva

  6. Morgens endlich mal wieder bei einer Tasse Kaffee zum Lesen bei dir gekommen! Gefällt mir sehr. Besonders die Dame mit Hut.🙂
    Viele herzliche Grüße!
    Yushka

  7. Wunderbare Berichte, tiefgründige Kommentare und feine Rezepte – wäre da nur nicht diese überkünstelte Sprache😦
    Was bitte ist denn eine elektrische Steckdose und – gibt’s derer auch ohne Elektrizität ?

    1. Deren gibts auch für Datenübertragungen, Hochspannung etc. in Unterscheidung zum gemeinen Elektrostecker.
      Wer sich an orthographischen, stilistischen und grammatikalischen Unzulänglichkeiten stört, darf meinen Blog einfach meiden.

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