F-68530 Murbach: Aufstieg und Niedergang

F-68530 Murbach
Die Benediktinerabtei Murbach wurde im Jahre 727 gegründet. Das Kloster wurde durch den Stifter, Graf Eberhard aus dem elsässischen Herzogsgeschlecht der Etichonen mit umfangreichen Privilegien und Grundbesitz ausgestattet. Murbach entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden Reichskloster der Karolingerzeit. In seiner Blüte war Kloster Murbach autonom wie ein Bischofssitz. Der Grundbesitz umfasste Gebiete im heutigen Elsass, dem Breisgau, Baselbiet, Aargau und weitreichenden Streubesitz. Dazu gehörte ab dem 9. Jahrhundert auch das Kloster „Im Hof“ und weitere Besitzungen in der Innerschweiz. Die Gründung der Stadt Luzern erfolgte wahrscheinlich durch die Brüder von Eschenbach, die Ende des 12. Jahrhunderts die Abtwürde von Murbach und Luzern gleichzeitig besassen.

Die erste Blütezeit von Murbach endete im Jahr 936 mit dem Einfall der Ungarn in das Elsass. Bis zum 13. Jahrhundert erholte sich das Kloster und spielte wieder eine wichtige Rolle in der elsässischen und oberrheinischen Geschichte.

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Die romanische Abteikirche entstand vermutlich nach 1150 und gilt als eines der bedeutendsten romanischen Bauwerke im Elsass. Über den beiden Fensterreihen der Fassade ist eine reichverzierte Galerie mit ornamentale Skulpturen, Gesichtern und Tieren sichtbar. Leider hatte ich weder Feuerwehrleiter noch Ferngläser dabei. Innen ist die Kirche eng und hoch und… etwas kahl.

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Erzengel Michael: Bezwinger des Teufels und Seelenwäger

Murbach verfügte über eine grosse Bibliothek und eine eigene Schreibstube, in der neben vielen althochdeutschen literarischen und liturgischen Werken die Geschichte des Klosters Murbach von den Anfängen im 8. Jahrhundert bis zum Jahr 1439 aufgezeichnet wurden (die Murbacher Annalen).

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Klostergarten mit Nebengebäuden beim Portal

Die Abtei wurde während des Bauernaufstandes 1525 und zwischen 1625 und 1640 von schwedischen Truppen unter dem Herzog von Sachsen-Weimar stark zerstört. Obwohl 1648 beim Westfälischen Friedensschluss die Reichszugehörigkeit bekräftigt wurde, fiel Murbach 1681 (wie das übrige Elsass) an Frankreich.

Das Langhaus der Klosterkirche mit seinen 3 Schiffen wurde 1739 abgebrochen um für einen zeitgemässen Barockneubau Platz zu schaffen. Dazu kam es aber nicht mehr. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Murbach in ein weltliches Ritterstift umgewandelt und dessen Hauptsitz nach Guebwiller verlegt. 1789 beendeten die Französische Revolution und aufständische Bauern die Geschichte der Abtei.

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Nach dem Abbruch des Langhauses

Dort, wo das Kirchenschiff einmal stand, liegt heute der Friedhof der Gemeinde Murbach, ein bescheidenes Dorf von kaum 150 Einwohnern. Der Chor und das Querschiff mit den 2 Türmen stehen heute als wuchtige Fragmente im stillen Murbachtal. Die Murbacher Manuskripte aus der einst reichen Abteibibliothek sind über alle Welt verstreut. Kaputtmachen geht immer schneller, als etwas aufbauen. Im Klostergarten blühen wenigstens noch ein paar Blümchen.

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unbewohntes Klostergebäude

Quellen:
wiki:  Abbaye de Murbach
Historisches Lexikon der Schweiz: Murbach
Die Klostergründungen der Etichonen im Elsass, Nicole Hammer, 2003, Tectum Verlag

22 thoughts on “F-68530 Murbach: Aufstieg und Niedergang”

  1. Der Blick aufs erste Foto wirkte auf mich direkt wie ein Eindruck aus „Swiss Miniature“😉
    Einen schönen Sonntag euch beiden und herzliche Grüsse aus dem Elsass.

  2. Da hätten wir uns ja fast fast fast treffen können… Vor anderthalb Wochen hatte ich mir nämlich überlegt, da von Freiburg aus abends kurz hinzufahren, habe mich dann aber doch für Munster entschieden und Käse gekauft…😉

    Ich war als Jugendliche mal in Murbach und fand es sehr beeindruckend, vor allem den Ausblick von der Stelle, an der man das obige Foto schießen kann, das man überall sieht und mit dem mich auch dieses Mal mein Reiseführer wieder gelockt hatte. Wenn man dann ins Detail schaut, ist es nicht mehr so imposant. Trotzdem sieht man das romanische noch; irgendwie mag ich romanische Bauwerke.

    Danke für Deinen Bericht!!! Wie immer super recherchiert und gut geschrieben. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt und wäre doch hin gefahren… – Nächstes Mal…🙂

  3. Imposant, wie es in der Landschaft liegt. Ich würde gerne dem Klostertreiben von damals zuschauen, als unsichtbarer Besucher. Ich bin froh, nicht in jener Zeit zu leben.

    1. Zuschauen kein Problem: Die religiösen Riten werden sich seither nicht gross verändert haben. Und den handwerklichen Teil kann man sich an Mittelalterfesten zu Gemüte führen😉

  4. Eine geschickte Tourismusfachkraft würde wohl behaupten, man habe den Bau von Querschiffkirchen schon viel früher begonnen als der europäische Norden😉

  5. Han‘ i gar nit kennt. Interessant und idrygglig zuegliich !
    He nu – im Glooschterschòpf mècht‘ i jetzt au nit grad huuse.

    1. schöne Strecke für Motorräder auf den Markstein, wieder halb runter und auf den Grand Ballon. Vielleicht ist ja die Partnerstadt Luzern nochmals bereit, einen Zustupf zur Renovation zu zahlen.

  6. Oh ja, ich will nach Frankreich! Und wir waren oft auf den großen und den kleinen Routen, aber diese entging uns, trotz Grand Ballon. Schade, wäre ich jünger, würde ich mich des verfallenen Klosterwohngebäudes annehmen, es hat etwas…Nein,nicht für Touristen für mich/uns allein und uns besuchende Freunde.

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