CH-7554 Sent

CH-7554 Sent: Barockgiebel und Zuckerwerk

CH-7554 Sent
Kaffeetrinken im Café Benderer in Scuol (im selben Block wie Metzger Hatecke) gehört für uns zu jedem Besuch im Unterengadin. Aufliegende Prospekte lesend realisierte ich, dass sich das Stammhaus des Bäckers eigentlich in Sent befindet. Von Sent war mir einzig der Name des Dorfes geläufig, und dass Katia von Bolliskitchen vor Jahren dort eine Pension empfohlen hatte. Wer spät im Jahr Ferien macht, dem scheint die Sonne abends nicht mehr lange. Die Taghelle reichte aber gerade noch aus, um in das Dorf oberhalb von Scuol zu fahren und sich mit ein paar Schrittchen umzusehen. Für ein andermal.
Sent liegt auf einer Terrasse hoch über dem Unterengadin. Anstelle eines kleinen Bergdorfs fanden wir eine wohlhabende, grosse Siedlung mit Parkhaus. Auffallend sind die verschiedenen Baustile der schönen, teils mit Sgraffiti verzierten Häuser: klassische Engadinerhäuser, neo-klassizistische Palazzi, Häuser mit geschweiften Dachgiebeln. Die „Senter Barockgiebel“ gelangten Ende des 18. Jahrhunderts durch Handwerker aus dem Tiroler Inntal ins Engadin und sind ein typisches Merkmal des Dorfes.

Hier das „Chasa Rüedlinger“, ein traditionelles Haus mit Tordurchfahrt in den Heustall. Heute Museum. Die ionischen Kapitelle am linken Bildrand gehören zu einem alten Bauernhaus „Chasa Pitschen“, dem später ein klassizistisches Kleid übergezogen wurde.

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Chasa Tschalär, das Haus  diente als Sitz eines bischöflichen Meiers in Sent, der die Zehnten im Namen des Gotteshausbundes eintrieb. Darauf weist der gemalte Steinbock, das Wappen dieses Bundes, hin.

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Die teils recht „herrschaftlichen“ Häuser sind grossenteils von heimgekehrten Emigranten erstellt worden: ausgewanderte Engadiner Geschäftsleute, Cafétiers und Zuckerbäcker, die in der Fremde ihr Geld verdienten und sich für ihre alten Tage einen Ruhesitz in der Heimat erbauten.
Sent verdankt seinen wirtschaftlichen Aufschwung Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts Geld und Einfluss dieser Emigranten, die ihr Brot (und die Butter drauf) meist im nahen Italien verdienten. 1603, noch vor Ausbruch des 30-jährigen Krieges, schlossen die Bündner einen Allianzvertrag mit der Republik Venetien. Als 1630 die Pest in Venedig wütete und einen Drittel der Bevölkerung dahinraffte, waren Arbeitskräfte aus dem benachbarten Graubünden gesucht. Die Bündner genossen in der Lagunenstadt grosse Privilegien. Bald einmal stellten sie in den venezianischen Zünften der Zuckerbäcker, der Branntweindestillateure und der Kaffeesieder die Mehrheit. Dass der Verdienst der Bündner Emigranten ins Ausland floss, war den Behörden der Republik bald ein Dorn im Auge. So kam es während Verhandlungen über den Bau einer neuen Passstrasse zum Bruch zwischen den Bündnern (die den Streit provozierten) und der Serenissima. Die wieder auferblühte Adriastadt kündigte 1764 die Staatsverträge und vertrieb 2 Jahre später die Bündner aus ihrem Gebiet. Hunderte von Vertriebenen verteilten sich über die nächstgelegenen Städte Trieste, Fiume, Lijubliana, Dubrovnik, über ganz Italien und Europa. Die Senter Zuckerbäcker liessen sich vor allem in der Toskana nieder.

Kleine Geschichte am Rande, die mir immer wieder gefällt: 1999 übernahm Peder Benderer von seinem Vater die Bäckerei, wollte den Betrieb umkrempeln, war aber ratlos, wie er das anpacken sollte. Sagte eines Abends seiner Frau, dass er am andern Morgen seine Wanderschuhe schnüren und in mehrwöchiger Reise nach Florenz wandern werde. Dorthin wo Vorfahren aus seinem Heimatdorf vor 200 Jahren als Zuckerbäcker Karriere machten. Gefunden hat er in Florenz keine neuen Rezepte, aber neue Ideen. Zuhause verfeinerte er die traditionellen Rezepte. Erfand neue. So ein Luftwechsel hat was für sich.

Weitere „namenlose“ Gebäude in Sent:

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Weintrauben im Wappen, ein wohnliches Haus:

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Sogar die die Pensiun Aldier fand ich noch vor dem Eindunkeln. Leider bis 21. Dezember geschlossen. Wir hätten gerne dort gegessen. Auf runden Tellern. Carlos Gross, Unternehmer und Kunstsammler, verwandelte das ehemalige Hotel Rezia in die schön restaurierte Pensiun Aldier. In den Kellergewölben wird die private Kunstsammlung des Hoteliers gezeigt, die den drei Künstlern (Alberto und Diego Giacometti sowie Ernst Scheidegger) gewidmet ist.

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Dann wurde es immer dusterer. So vieles habe ich in der Eile übersehen oder verpasst. Ein Grund, wieder zurückzukehren.

Quellen:
„Wer leben kann wie ein Hund…“, Zur Geschichte der Bündner Zuckerbäcker in der Fremde, Peter Michael-Caflisch, Geschichte der Alpen, Band 12 (2007).
Gemeinde Sent

17 thoughts on “CH-7554 Sent: Barockgiebel und Zuckerwerk”

  1. Wieder ein Dorf, das ich meiner Familie zeigen möchte, und das ganze Unterengadin natürlich, und das Oberengadin auch, und vieles andere mehr🙂
    Deine Reiseberichte machen mir immer Freude – und ein bisschen Heimweh.

  2. Sehr schön geschriebener Artikel. Sent hat noch heute ein vergleichsweise intaktes Dorfleben und bietet Gästen Erholung abseits des Rummels.

  3. Das Unterengadin ist meine absolute Traumgegend in der Schweiz. Zu diesem Thema kann ich einen Erlebnisbericht empfehlen: Angelika Overath: „Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch“. Das Buch erzählt vom Leben einer Familie, die ihren Traum verwirklicht, den geliebten Ferienort zum ständigen Wohnort zu machen. Man erfährt auch viel über die Sprache Rumantsch, die der Sohn erlernt. Das hat mich sehr beeindruckt. Danke für Deinen wunderschönen Bericht.

  4. Wunderschöne Häuser!
    Das Lied „Caffè Caflisch“ von Pippo Pollina über das berühmte Café in Palermo erzählt auch eine Geschichte der Zuckerbäcker aus Graubünden … auf Youtube unter eben diesem Titel zu finden ….

  5. Von Scuol aus mit der Bahn auf die Berge, Silvretta schaun, und dann über Sils Maria nach Soglio…Es ist ein Traum, der Wirklichkeit wird! Wer das nicht erlebt hat, hat ein Stück vom Himmel nicht gesehen…

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