CH-8376 Fischingen

CH-8376 Fischingen: Craft-Beer mit Kloster

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Ein Ausflug nach meinem Geschmack. Einfaches Mittagessen mit gutem Preis-Leistungsverhältnis im Engel in Sirnach, mitten im ländlichen Thurgau. Ein paar Kilometer südlich liegt die einzige Kloster-Bierbrauerei der Schweiz. Doch vor dem Bier erst die Pflicht:

Fischingen taucht im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts als klösterliche Gemeinschaft im thurgauischen Tannzapfenland auf. Gegründet von Bischof Ulrich II. von Konstanz als bischöfliches Eigenkloster mit Männer- und Frauenkonvent. Fischingen erlebte zu Beginn des 12. Jahrhunderts eine erste, aber nur kurze Blütezeit. Wirtschaftlich blieb das Kloster lange Zeit völlig vom Bischof in Konstanz abhängig. 1440 zerstörte ein Brand alle hölzernen Bauten. Das war beinahe das Ende.

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Mit der Eroberung der Landgrafschaft Thurgau durch die sieben eidgenössischen Orte geriet die Herrschaft Tannegg mit Fischingen bis 1798 unter die gemeinsame Fuchtel der Alten Eidgenossenschaft. Trotz Bemühungen der neuen Schirmherren gelang es aber nicht, das Kloster nachhaltig zu stärken. Die Reformation löschte das Klosterleben sogar völlig aus. Auf Betreiben der katholischen Orte wurde dem Kloster erneut Leben eingehaucht. Der Aufschwung, der gegen Ende des 16. Jahrhunderts eintrat, ist der energischen Führung zweier Aebte zuzuschreiben. Reformierte, ehemalige Klosterpfarreien konnten zur Rückkehr zum alten Glauben bewogen werden. Das Leben der heiligen Idda (Ita) von Toggenburg wurde als Legende vermarktet und verlieh dem Kloster neue Strahlkraft.

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„Hier ligt Idda in disem Grab Die eine Gräffin von Kärchberg war Vermählt dem Graff von Toggenburg. Im Jahr 1226 selig Sie sturb zum trost viller frommen Leuthen. Mit Wunderzeichen thuot Leuchten“.
Nach der Legende habe einst ein Rabe Iddas Ehering gestohlen. Ein Jäger fand den Ring im Nest des Vogels. Als Iddas Ehemann den Ring an der Hand des Jägers bemerkte, bezichtigte er Idda der Untreue. Er liess den Jäger töten und stürzte Idda im Jähzorn aus dem Fenster seiner Toggenburg. Gott habe sie aber wegen ihrer Unschuld durch einen Engel auf wundersame Art und Weise gerettet. Später klärte sich der Irrtum auf, aber Idda widmete ihr Leben Gott.

Fischingen

Mit der Gründung der St. Iddabruderschaft wuchs der Pilgerstrom ständig an. Fischingen wurde zu einer bedeutenden Stätte am alten Pilgerweg von Konstanz nach Einsiedeln.
Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Klosteranlage im Barock- und Rokokostil umgebaut. 1685–1687 eine neue Klosterkirche errichtet, 1705 eine neue, der heiligen Idda geweihte Kapelle. Danach war die Schuldenlast derart gross geworden, dass das Mönchskapitel die Bauarbeiten einstellen musste. Nach dem Einmarsch der Franzosen musste das Kloster auf seine Herrschaftsrechte verzichten, durfte aber -mit Einschränkungen- zunächst weiter bestehen.

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1836 übertrug der Kanton Thurgau die Verwaltung des Klosterbesitzes dem Staat. Die Klostergüter wurden verkauft. 1848 beschloss der Kanton die Aufhebung aller Klöster.
Nach einer Zwischennutzung als Textilfabrik erwarb 1879 der katholische Männerverein St. Iddazell das Kloster und eröffnete darin die katholische Waisen-, später Erziehungsanstalt St. Iddazell, die später -nach Aufdeckung von Missbrauchsfällen- in den Fokus der öffentlichen Kritik geriet. 1976 erfolgte die Umwandlung in ein Sonderschulheim.

Die Kirche mit der Iddakapelle ist heute im Besitz der Katholischen Kirchgemeinde Fischingen. Das Kloster gehört dem Verein. Nach dem Fall des Verbots der Errichtung neuer Klöster in der Bundesverfassung, 1973, zogen 1977 wieder Benediktinermönche in die alten Gebäude ein. Sie teilen sich die Anlage mit dem Verein, der das Seminarhotel, ein Restaurant, die Töpferei, eine Schreinerei und die Schule führt. Seit 2015 ist in einem Betriebsgebäude die Brauerei Pilgrim untergebracht. Endlich sind wir bei der Brauerei angekommen. So viel nacherzählen macht Durst!

Vor über 40 Jahren übernahm Martin Wartmann, Brauer und Bier-Kaufmann, die Leitung der Actienbrauerei Frauenfeld und entwickelte das «Ittinger Klosterbräu», mein Hausbier seit Jahren. Das Ittinger Bier wurde später von einer industriellen Grossbrauerei übernommen. Es schmeckt mir immer noch, auch Frau L. benutzt es gern als Pflegespülung nach dem Haarwaschen.
Martin Wartmann, weiterhin im Brauereigeschäft aktiv, hat vor 2 Jahren im Kloster Fischingen wieder von vorne angefangen. Seine Zielsetzung ist, mit professionell hergestellten, qualitativ hochstehenden (und hochpreisigen) Bieren eine Marktnische zu besetzen. Insgesamt werden jährlich rund 300’000 Flaschen Klosterbier in 3 Kategorien „craft beer collection“, „Bière d’abbaye“ und dem flaschenvergorenen „Bière Grand cru“ anvisiert. Seit die Craft-Beer-welle von Amerika kommend Deutschland überschwemmt, und ich als Weintrinker von Bier kaum viel mehr weiss, als dass es schäumt, habe ich mir die ganze Kollektion im Doppel (9 Sorten) gekauft (wirklich!) und werde Flasche um Flasche durchprobieren. Vielleicht bleibt ja was hängen. Schon die erste Probe bestätigte den himmelweiten Unterschied zu den Lagerbieren des Schweizer Ex-Bierkartells. Ich fürchte, dass für die Haare von Frau L. nichts übrig bleiben wird.

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Quellen:

wiki Kloster Fischingen
Kloster Fischingen. Kurzer geschichtlicher Abriss von Pater Florin Cavelti
Pilgrim, Bier für Freunde
Klosteransicht aus dem 19. Jahrhundert: Benediktiner-Fischingen

23 thoughts on “CH-8376 Fischingen: Craft-Beer mit Kloster”

  1. Danke. Du bringst mich in die Naehe meiner alten Heimat, bin im Fuerstenland aufgewachsen, spaeter oft mit dem Toeff beim Kloster vorbei gefahren. Laut Wanderwegweisern mit der Inschrift Jakobsweg wanderten eine Anzahl Pilger von Fischingen nicht nur nach Einsiedeln, sondern weiter bis nach Santiago.

    1. Damals gabs natürlich noch keine Brauerei😉 Wir sind nur vom Auto bis in die Brauerei „gepilgert“. Ist eine schöne Landschaft. nachher sind wir über die Hulftegg gefahren.

  2. Ein interessanter Bericht und gut geschrieben. Das Ittinger Klosterbräu war jahrelang mein Lieblingsbier. Nun träume ich nur noch davon

    Beni aus Udon Thani im Isaan

  3. Arme „Gräffin Idda“, nun hat sie so eine schöne Grabkapelle und was nützt ihr das? Eine schaurige Geschichte, mal wieder wunderbar von dir erzählt!

  4. Man sollte Klöster auf die Produktion feiner Alkoholika beschränken, mit den anderen Dingen gibt es einfach zu viele Schwierigkeiten.

  5. In Fischingen war ich ja schon lange nicht mehr, obwohl es so nahe bei ist. Danke für diesen Tipp. Nächste Woche hat die Wilde Henne Urlaub und das wird eines unserer Ziele. Ein Prosit auf Dich!

  6. Gerade kürzlich habe ich Pilgrim Biere (Abbeye) in Zürich beim Bierfestival kennengelernt. Die sind wirklich ausgesprochen gut. Entweder gehe ich auch mal das Kloster besuchen oder ich muss es mir online bestellen🙂

  7. Lieber Robert, also, jetzt muss ich schreiben und gleichzeitig ein ganz herzliches Danke-schön anbringen für erstens die wunderbaren Rezepte mit den tollen Fotos und dann natürlich auch die ausführlichen Beschreibungen wenn wieder ein Sonntags Ausflug stattgefunden hat. Einfach toll und bringt mir als Auslandschweizerin die ehemalige Heimat immer wieder etwas ins unmittelbare Bildfeld. Aber nun war Fischingen an der Reihe und das ist wirklich Heimat – bin im Dorf Wiezikon aufgewachsen und Dussnang/Fischingen, Eschlikon / Sirnach sind die erweiterte Heimat. Ja, der Engel birgt auch ziemlich Geschichte und die ehemalige Brückenwaage war weit über Kantonsgrenzen hinaus bekannt wegen der wunderbaren (Fasnachts)-dekorationen. Die Geschwister, die seinerzeit die Wirtschaft betrieben waren sehr, sehr artistisch begabt und jedes Jahr wurde nach einem anderen Thema dekoriert. Diese Dekorationen blieben dann durchs ganze Jahr in den Ræumlichkeiten und konnten bestaunt und bewundert werden. Na ja – Nostalgie – aber vielen Dank für den tollen Bericht der zeigt, dass das Tannzapfenland (oh, pardon, vielleicht sollte es Süd-Thurgau heissen – gefällt mir aber nicht!) halt doch mehr als nur Tannzapfen zu bieten hat.
    Bin schon sehr lange ’stille Leserin‘ und geniesse jeden Artikel – habe zu meinem runden Geburi vor einem Monat das Lese-/Kochbuch erhalten und bin begeisterter Fan – wann kommt das nächste heraus?
    Uiii, jetzt ist’s aber ein langer Kommentat geworden – nüt für unguet. En liebe Gruess uf Basel

  8. Danke für die netten Worte und dieGrüsse. Meine „Reiseberichte“ haben nur eine kleine, aber treue Leserschaft, für die es sich lohnt, zu schreiben. Das Tannzapfenland ist eine mir völlig unbekannte Gegend, aber jetzt, wo wir ein Basislager fürs z’Mittag gefunden haben gibts vielleicht noch den einen oder den andern Beitrag. Und das Bier muss ja auch wieder ersetzt werden. Im Buch haben wir versprochen, dass es weitergeht, wir planen die neuen Kochevents in einem Blog zu dokumentieren. Mehr dazu demnächst.

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