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CH-7451 Alvaschein: Mistail. Im Altersheim und die Bergkartoffeln

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Zwischen Tiefencastel und Alvaschein im Kanton Graubünden liegt auf einem kleinen Plateau über der Albulaschlucht das verborgene, wenig bekannte Kirchlein St. Peter Mistail. Auch ich wusste davon bislang nicht, erfuhr erst durch eine Teilnehmerin in den Kochkursen bei Lucas davon. Danke, Erika. Kochen bildet.
St. Peter Mistail (Mistail stammt vom Wort monasterium) ist die einzige karolingische Dreiapsidenkirche der Schweiz im baulichen Originalzustand. Die zweite karolingische Anlage, das Benediktinerkloster St. Johann in Müstair, ist durch den Einbau spätgotischer Gewölbe stark verändert.
Ein stotziger, mit Fahrverbot belegter Waldweg führt hinab auf die Lichtung zum kleinen Kirchlein. Der Zugang zur Kirche wird durch eine Prätorianergarde von scharf fauchenden Gänsen bewacht. Doch wer mit Raben spricht, kann auch mit Gänsen sprechen. Die Schar beruhigte sich: ich durfte passieren.

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Die genaue Entstehungszeit geht auf das 7. bis 8. Jahrhundert zurück. Indirekt wurde auf die Anlage hingewiesen im Jahre 823. Explizit erwähnt wird das Kloster 926 in einer Schenkungsurkunde. Die Kirche dürfte in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts erbaut worden sein. Nach der Auflösung des Karolingischen Reichs scheint ein Niedergang eingetreten zu sein. 1154 wurde das Kloster aufgehoben. Die Güter gingen an ein Kloster in Chur. Mistail fiel im 14. Jahrhundert an die Gemeinde Alvaschein. Bis 1679 war Mistail Bestattungskirche von Alvaschein. Pfarrkirche war jedoch bis 1739 die Kirche von Tiefencastel.

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Näheres zur Baugeschichte lässt sich nur aus archäologischen Untersuchungen ableiten. Der bestehende Dreiapsidensaal der Kirche wurde auf den Grundmauern eines Vorgängerbaues errichtet.  Vom Konventgebäude sind nur noch Grundmauern vorhanden.  Die ursprüngliche, äusserst schlicht gehaltene Anlage wurde in spätgotischer Zeit durch den Glockenturm, eine Sakristei und ein Beinhaus erweitert.

Das Innere ist ein schlichter, rechteckiger Saal mit hoch sitzenden Fenstern, der eine unglaubliche Ruhe ausströmt. Gerne wäre ich ein Stunde geblieben, aber ich konnte die geduldig im Auto verbliebene Frau L. nicht warten lassen. Die drei hufeisenförmige Apsiden liegen ostwärts, architekturgeschichtlich  gehen sie auf alte, orientalische und römische Bauformen zurück.

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Die karolingischen Malereien sind nur in spärlichen Fragmenten erhalten. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde die mittlere Apsis neu ausgemalt. In der Kalotte der thronende Christus. Im darunter liegenden Fries die 12 Apostel. Im untersten Fries der Drachenkampf des Georg, ein stehender Heiliger mit Fahne und Schild. Rechts die Anbetung der drei Könige.

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An der Nordwand ein 7 m hoher Christophorus mit Jesus und Reichsapfel. Der Anblick des Heiligen bewahrte nach der Überlieferung vor unerwartetem Tod und damit vor ewiger Verdammnis.

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Auch die drei weiteren Wandmalereien über dem Seitenportal stammen aus dem Beginn des 15. Jahrhundert).

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Da ich nichts gestohlen, die behändigte schweizerische Kunstbroschüre ordnungsgemäss bezahlt hatte, liessen mich die Gänse wieder durch.

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Davor Mittagessen im Restaurant Vabene in Chur, das in eine noble Altersresidenz integrierte Restaurant (14 Gault-Millau Punkte). Hier parkt es sich gut im Schatten, man isst ausgezeichnet, findet eine gut dotierte Weinkarte auf ipad und man muss keine Stufen überwinden. Einen Moment musste ich mir überlegen, ob ich uns hier nicht gleich bis ans Lebensende einquartieren sollte.

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Kalbsgeschnetzeltes, Kohlrabi, Taglierini

Wären da nicht die Bergkartoffeln  aus Filisur gewesen, die ich noch unbedingt haben musste. Und die in Basel verbliebenen Zahnbürsten. Zuletzt gings entlang der Rheinschlucht wieder nach Hause. Effizient, nicht wahr? Altersheim muss noch etwas warten.

Quellen:
wiki St. Peter Mistail
Schweizerische Kunstführer GSK,  Kirche und ehemaliges Frauenkloster St. Peter Mistail, 2011, ISBN 978-3-85782-884-3

Unser Grand Canyon: CH-7104 Versam, Rheinschlucht

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Die Wäsche ist echt. Doch das Headerbild stimmt nicht. Das Versamer Tobel ist nicht die Rheinschlucht. Die liegt am Ende des Tobels, wo die Rabiusa, die wild Tobende, in den Rhein mündet.
Die Rheinschlucht (Ruinaulta) ist eine bis 400 Meter tiefe und rund 13 Kilometer lange Schlucht des Vorderrheins zwischen Ilanz und der Mündung des Hinterrheins bei Reichenau.
Die Schlucht entstand vor etwa 10’000 Jahren als Folge eines Bergsturzes. Dabei brachen zwischen dem Flimserstein und dem Piz Grisch über 10’000 Mio. Kubikmeter Fels ab und begruben das Vorderrheintal zwischen den heutigen Dörfern Castrisch und Reichenau unter einer mehrere hundert Meter dicken Schuttmasse.

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Versamer Tobel, im Hintergrund: der Flimserstein

Der Vorderrhein konnte nicht mehr abfliessen, ein See staute sich auf, mit den Jahrhunderten schnitt sich der Fluss tief in die Bergsturzmassen ein und der See floss ab. Zurück blieb die Ruinaulta mit ihren steilen Kalksteinklippen und imposanten Felsformationen.

 

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Die Rheinschlucht bietet dem Fussgänger eine wunderschöne Wanderstrecke. Schade, dass wir wegen dem Handycap von Frau L. nur noch mit dem Auto wandern können. Ich würde gerne, mag noch, sollte und kann doch nicht. Im Alter drängt sich halt das Bewusstsein der zunehmenden, eigenen Unfähigkeiten mehr und mehr in den Vordergrund. Die schmale, rechts-rheinische Autostrasse verläuft hoch über der Schlucht und erlaubt nur wenige, aber spektakuläre Ausblicke.

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Hoch über dem Versamer Bahnhof: Chli Isla und Las Ruinas sut Crestaulta
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Dieselbe Schlinge von weiter unten

Quelle: wiki Ruinaulta

D-79418 Schliengen: Schloss Bürgeln

Schloss Bürgeln

Nach einigen Wochen Hausarrest wollte Frau L. wieder mal den Fuss vor die Haustüre setzen und ausgefahren werden. An einem der warmen Tage dieses Sommers. Zu warm für lange Fahrten. Dann halt in die Nähe, auf Schloss Bürgeln, wegen des Vespertellers und dem Schorle. Vom schattigen Parkplatz gehts rund 300 m bis zum Eingang der Anlage hoch. An desinteressiert glotzenden Charolais-Rindern vorbei. Frau L. stemmte sich mit Stöcken, halb geschoben, halb gezogen und mit vielen Pausen mühsam den Berg hoch. Und liess sich, völlig erschöpft, in der Schlosschenke nieder. Die geführte Schlossbesichtigung fand ohne uns statt. Wir kennen ja das Schloss von früheren Besichtigungen. Und es ging wirklich nur um Bewegung und Schorle.

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Blick aus dem Fenster der Schlosschänke.

Schon vor der ersten Jahrtausendwende existierte auf dem Berg eine Ritterburg samt Kirchlein. Um die 1125 vermachte ein Nachfahre der Ritterfamilie von Kaltenbach den gesamten Besitz dem Kloster Sankt Blasien. Eine Probstei wurde eingerichtet und die alte Kirche überbaut. Die Probstei verwaltete den St. Blasischen Besitz im Markgräflerland, zog fleissig Steuern ein und leistete dafür geistlichen Beistand. Der fiel nach der Reformation in der Markgrafschaft 1556 weg, obwohl das Kloster St. Blasien mit seinen Besitztümern weiterhin zum katholischen Vorderösterreich gehörte. 1689, im Pfälzer Erbfolgekrieg, wurde die Probstei auf dem Bürglerberg schwer beschädigt und blieb zeitweise unbewohnt, bis sie schließlich 1762 durch das Kloster St. Blasien in ihrer heutigen Gestalt neu errichtet wurde. Mit dem Neubau sollte den Reformierten die katholische Macht prunkvoll präsentiert werden.

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Der alte Bau wurde dabei bis auf die Grundmauern abgerissen, der Neubau stand unter der Leitung von Franz Anton Bagnato (der am Arlesheimer Dom ebenfalls tätig war). 1764 wurde der Bau im Rokokostil fertig gestellt.
Nach der Niederlage von Austerlitz schloss Österreich 1805 mit Frankreich Frieden. Der gesamte österreichische Breisgau fiel an Baden. Das Großherzogtum verkaufte das Schloss umgehend an einen Landwirt. Nach einer Reihe weiterer Besitzerwechsel kaufte 1912 Elisabeth Baronin von Gleichenstein das Schloss. Als sie es 1920 wieder verkaufen wollte, schlossen sich Gemeinden und Bürger des Markgräflerlandes im Bürgeln-Bund zusammen, um das Schloss der Öffentlichkeit zu erhalten. Der badische Staat nahm sein Vorkaufsrecht wahr. Der Bürgeln-Bund stellte den Kaufpreis und übernahm Rechte und Pflichten des Grundeigentums. Nach dem Kauf war die Kasse des Bürgeln-Bundes erschöpft und man fand im Generaldirektor der Odol Lingner-Werke AG in Dresden einen finanzkräftigen Pächter. Da schon dessen Chef, Karl-August Lingner, ein Schloss, Schloss Tarasp im Unterengadin, bewohnte, wollte der Direktor halt auch eines haben.  Er liess das Schloss grundlegend renovieren und lebte ab 1939 darin, 1957 endete das Pachtverhältnis und der Bürgeln-Bund übernahm den Unterhalt des Schlosses in eigener Regie.

Von hier lässt man den Blick aufs Markgräflerland schweifen, weiter ins Elsass bis nach Paris. Kommt ins Träumen von schönen Reisen in ferne Länder.  Wobei schon die Vogesen der Träumerei im Wege stehen. Den Abstieg ersparte ich Frau L. und fuhr sie durchs Fahrverbot zurück. Die Charolais-Rinder glotzten immer noch.

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Quellen:
wiki: Schloss Bürgeln
Schloss Bürgeln

D-79295 Sulzburg: Städtchen

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Sulzburg liegt rund 50 km nördlich von Basel im Markgräflerland. Wallfahrtsort für Feinschmecker: wegen der von mir so geliebten DOUCE im Restaurant Hirschen.

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Aber nicht nur. Ein Entdeckungsspaziergang durch den Ort ergab Material für einen ganzen Reisebericht. Eigentlich waren es 3 Besuche bei DOUCE, an denen die Fotos entstanden:

1008 erhielt der Ort von Kaiser Heinrich II. das Marktrecht. Von 1008 bis 1523 unterhielt das Kloster St. Blasien in Sulzburg ein Kloster mit Benediktinerinnen. Im Jahr 1503 wurde das Markgräflerland an die Markgrafschaft Baden vererbt und gehörte damit zum Schwäbischen Reichskreis, einem der zehn Reichskreise, in die Kaiser Maximilian I. das Heilige römische Reich um die 1500 herum eingeteilt hatte.

Sulzburg wurde nochmals Residenzstadt eines Teilgebiets der Markgrafschaft Baden-Durlach, als Markgraf Georg Friedrich 1599 bis 1604 seinen Sitz dorthin verlegte – er baute auch das Schloss weiter aus.

1556 wurde die Reformation in allen badischen Landesteilen eingeführt, so auch in Sulzburg. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte auch Sulzburg zu leiden. Der seit dem Mittelalter blühende Silberbergbau kam völlig zum Erliegen, höchstens ein Viertel der Bevölkerung lebte am Ende des Krieges noch in der Stadt.

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Stadttor Sulzburg

Die ehemalige Residenz der Markgrafen von Baden am Marktplatz wurde zwischen 1599 und 1604 erbaut. Hier kann man heiraten oder Kunst ersteigern.

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Verarmter Schlossherr oder nach der Hochzeit abgebrannter Bräutigam ?

Die ehemalige Klosterkirche St. Cyriak gilt als ein bedeutendes Zeugnis ottonisch-romanischer Sakralbaukunst in Deutschland. Nach dem Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde der Konvent geschlossen. St. Cyriak war ab dann evangelische Pfarrkirche.  1769 fielen sämtliche Klostergebäude, die nicht schon durch den dreißigjährigen Krieg zerstört waren,  einem Brand zum Opfer. Die Kirche verfiel. 1839 kaufte die Stadt Sulzburg das Klosterareal samt Kirche, von der nur noch Mittelschiff, Apsis und Turm erhalten waren.  1963 wurde die Kirche auf den alten Fundamenten restauriert .

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St. Cyriak, Mittelschiff und Apsis

Die Kirche orientiert sich an einer Basilika und besteht aus dem Mittelschiff und zwei niedrigen Seitenschiffen. Im 13. Jahrhundert wurde durch den Einbau gotischer Fenster Licht ins Dunkle gebracht. Die Nonnen feierten früher ihren Gottesdienst im ungewöhnlich hoch angebrachten Chorraum, durch einen Lettner vom gewöhnlichen Volk abgetrennt. Nach 6 hohen Stufen erreicht man sozusagen mit der letzten Stufe die himmlische Ebene. Bei der Renovation wurden die noch vorhandenen Grabplatten in die Wände eingelassen. Hier zwei besonders schöne Beispiele:

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Grabplatte in St. Cyriak
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Die erschütternde Lebensgeschichte der Edlen Familie Dreisprung in Bild und Wort

Schutzheiliger der Kirche ist St. Cyriak, ein römischer Märtyrer, der, obwohl er die Tochter des Kaisers Diokletian von Dämonen geheilt hatte, für seinen Glauben sterben musste. Hier in Sulzburg durfte er die Dämonen, die im Schwarzwald und seinen Silberbergwerken hausen, bannen und den Winzern als Nothelfer beistehen.

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St. Cyriak grüsst

Während des Rundganges fiel mir Ahnungslosem am Bach ein Gebäude mit merkwürdigen Fenstern auf:

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Und stehe vor der ehemaligen Synagoge, die 1821/22 erbaut wurde. Um 1500 erhielten die ersten Juden mit kaiserlichen Schutzbriefen das Niederlassungsrecht in Sulzburg. Damals legten sie einen Friedhof an. Seit dem Mittelalter existierte in Sulzburg eine bedeutende jüdische Gemeinde. Im 19. Jahrhundert betrug der jüdische Bevölkerungsanteil bis zu 31 %. 1940 wurden sie erst in Gurs in Südfrankreich interniert. Wer das überlebte, wurde nach Polen in ein Vernichtungslager gebracht. Schweigen.

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Der alte jüdische Friedhof liegt weiter hinten im Tal, eingezäunt inmitten eines Campingplatzes.

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wo weder Schweigeminuten, Schweigestunden oder gar Schweigetage noch etwas bewirken können.

Quellen:
wiki Sulzburg
wiki St. Cyriak

Hirsebreifahrt

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Brauchtum, das nicht mehr gebraucht, vielmehr gepflegt werden muss, damit es nicht vergessen wird. Schneller als vorgesehen sitze ich wieder am PC, aber diesen Anlass durfte ich nicht verpassen. Gestern Freitag legten in Basel vier Langschiffe zu einem Halt an während ihrer Fahrt von Zürich nach Strassburg. Die Fahrt soll an die beiden historischen Hirsebreifahrten von 1456 und 1576 erinnern, als die Zürcher ihren Strassburger Freunden beweisen wollten, dass sie ihnen im Falle einer militärischen Bedrohung innert Tagesfrist zu Hilfe eilen könnten. Dabei führten sie einen Topf mit heissem Hirsebrei mit sich, den sie in Strassburg noch warm übergeben konnten. Seit 1946, mit einer Ausnahme, wird die Hirsebreifahrt alle zehn Jahre wiederholt.

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Empfang der Hirsebreifahrer

Politische, militärische und wirtschaftliche Beziehungen verbanden Orte der alten Eidgenossenschaft mit andern Städten am Rhein. So schlossen sich Basel und Zürich bereits 1253 dem rheinischen Städtebund an. Die Freundschaft am Oberrhein wurde durch verschiedene Vertragswerke festgehalten und bewährte sich in gegenseitigen Hilfeleistungen. Und wurde damals (wie heute) an beliebten Schützenfesten, sogenannten «Freischiessen», eifrig begossen und bekräftigt.

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Wasser macht Durst

Während der Burgunderkriege unterstützte die Stadt Strassburg die Eidgenossen mit Truppen. Später trübte der Schwabenkrieg das Verhältnis zwischen Eidgenossen und Strassburg kurzzeitig, da Strassburg auf Seiten von König Maximilan von Habsburg gegen die Eidgenossen kämpfte. Der 1499 geschlossene Frieden von Basel beendete diesen Krieg. 1504 nahmen die Strassburger wieder an einem in Zürich durchgeführten Schützenfest teil. 1576 wurde eine zweite Hirsebreifahrt durchgeführt.

1588 wurde zwischen Strassburg, Bern und Zürich ein neues Schutzbündnis geschlossen, verbunden mit einem Handelsabkommen. Strassburg hinterlegte in beiden Städten ein Depositum, dafür hatten Bern und Zürich im Falle einer Bedrohung Truppen zu stellen.

Im Westfälischen Frieden 1648 trat Habsburg seine elsässischen Rechte und Besitzungen an Frankreich ab. Der Sonnenkönig, Ludwig XIV nutzte die Schwäche der europäischen Staaten zu einer beispiellosen Expansionspolitik. Angriff auf Holland, Eroberung der Freigrafschaft im Westen der Schweiz. Die freie Reichsstadt Strassburg bedroht. Der Strassburger Bitte um Hilfstruppen entsprachen die Schweizer vertragsgemäss. 600-800 Mann Berner und Zürcher wurden in Strassburg für rund 3 Jahre in Garnison gelegt. 1678 verteidigten diese Truppen tapfer den Brückenkopf Kehl und verloren dabei gegen 40 Mann.

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Überlebende mit geschlitzten Waden und Ärmeln

1681 fiel Strassburg endgültig in französische Hände. Das war das Ende der Hilfsverträge. Die innere Zerrissenheit und die Streitigkeiten nach der Reformation, die egoistische Sorge um das eigene Schicksal und die völlig veraltete militärische Ausrüstung der Schweizer führten zu einer konfusen, widersprüchlichen und gegenüber der Grande Nation unterwürfigen Aussenpolitik. Etwa wie heute.

Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurde die Stadt Strassburg von badischen Truppen unter Artilleriefeuer genommen. Wie immer litt vor allem die Zivilbevölkerung unter der Kanonade. Der Basler Staatsschreibers Bischoff organisierte darauf eine gemeinsame Aktion mit Bern und Zürich. Einer Delegation gelang es, vom deutschen General von Werder die Zustimmung zur Evakuation von nahezu 1800 Zivilisten zu erwirken.

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Strassburgerdenkmal. Rechts die Helvetia mit Schild. Links der Schutzengel von Strassburg

20 Jahre nach den Ereignissen wandte sich der aus Strassburg stammende Baron Gilbert Hervé-Gruyer mit dem Wunsch an den Bundesrat, ein  Denkmal erstellen zu dürfen, das an die Hilfsaktion erinnere. Hervé-Gruyer beauftragte in der Folge den Bildhauer Auguste-Fréderic Bartholdi, Schöpfer der Freiheitsstatue im Hafen von New York, mit Entwurf und Ausführung des Denkmals. Auf der Hinterseite des am Bahnhof SBB stehenden Denkmals ist eine Kupferplatte eingelassen, das an die Hirsebreifahrten erinnert.

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NB1: Die eben durchgeführte Hirsebreifahrt dauerte trotz Aussenbordmotoren rund 3 Tage. 1456 dauerte sie nur 22 Stunden. Grund: Die Überwindung diverser Schleusen und der Aufenthalt mit viel Speis und viel Trank und viel Musike in den besuchten Städten.

NB2: Am Samstag wird in Strassburg Hirsebrei (rund 200 kg) an die Bevölkerung verteilt. Durch die Firma Sprüngli zubereitet und mit einem Camion nach Strassburg gefahren.

Quellen:
Hirsebreifahrt 2016
Geschichte Berns, Richard Feller, 1955
NZZ, Donnerstag, 14. Juli 2016, Mission Hirsebrei

CH-1141 Sévery: Moulin de Sévery

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Die Ölmühle von Sévery liegt im Waadtländer Hinterland, 2 Dörfer vor L’Isle und etwa 25 km von Luins entfernt. Luins? da war doch was? Aaah! die Malakoffs im „l’Union“. Erst das Essen, dann die Kultur. Frei nach Bertold.

Die Teller liegen auf Reklame-Papiersets, serviert wird Schnittsalat an hausgemachter Maggisauce und Cornichons mit Silberzwiebeln. Und wenn man im Gastraum das Küchenglöcklein läuten hört, dann werden Augenblicke später die Malakoffs  schubweise aufgetragen. Einer pro Teller. Oui, on continue. Bitte nochmals einen. Beim fünften ist Schluss, man ist zufrieden und satt.

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Auch die Ölmühle steht immer noch da, wo sie seit dem 13. Jahrhundert steht. Früher gabs in jedem grösseren Dorf in der Waadt eine Getreidemühle. Ein saisonal benutztes Sägewerk, eine Obstpresse und eine Ölmühle ergänzten meist die Anlage. Heute ist Sévery die einzige Ölmühle in der Schweiz, die das ganze Jahr über in Betrieb ist. Im Vorderhaus wird noch à l’ancienne gearbeitet. Lederriemen klappern auf den Rädern. Der ehemalige Wasserantrieb ist jedoch still gelegt und durch einen Elektromotor ersetzt. Beim heutigen Besuch werden gerade Haselnüsse zu Öl verarbeitet. Das Prinzip ist dasselbe, wie ich es schon vor Jahren in einem Besuch von alten Solothurner Ölmühlen beschrieben habe: Erst werden die Nüsse gemahlen (le broyage)

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Anschliessend in einem gusseisernen Rührkessel auf einem Holzofen geröstet (le toastage)

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Zuletzt wird das erhitzte Nusspulver in der Presse in Leinen geschlagen und hydraulisch ausgepresst, später filtriert. Im Bild ist der ausgepresste Nusskuchen in der Presse zu sehen:

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Wie bei jedem Besuch hier, kaufte ich ein Fläschchen Nussöl. Erstmals durfte auch eine Packung Nillon de noix mit.  Nillon ist die in der Waadt und Savoyen benutzte Bezeichnung für den Nusspresskuchen. Gemahlen ist das ein fettarmes Mehl, das in Nusskuchen und Nussbroten Verwendung findet. Und nun sollte ich wohl noch einen Kuchen backen.

CH-1148 L’Isle: Schloss

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Wer Autobahnen meidet, stattdessen mit Augen, Nase und Gaumen als Navigationsgerät durchs Land fährt, macht immer wieder erstaunliche Entdeckungen. So erinnere ich mich heute noch an die Überraschung, wie ich vor Jahren erstmals durch dieses weltverlorene Dorf im tiefsten Waadtland fuhr und hinter zwei gefühlten Miststöcken unvermittelt und unerwartet auf ein kleines Versailles stiess. Für Nachkochendereisende ohne Automobil: Der Ort ist auch mit einem Bähnli von Morges aus erschlossen.

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Dahinter liegt ein Schloss !

Der Ursprung des Ortes geht auf das 11. Jahrhundert zurück. Geschichtlich einwandfrei belegte Fakten stammen jedoch erst vom ausgehenden 13. Jahrhundert, als die Herren von Cossonay bei den Quellen der Venoge ein ummauertes Städtchen gründeten. L’Isle erhielt 1431 eigene Freiheiten und bildete seit diesem Datum eine unabhängige Herrschaft.
Mit der Eroberung der Waadt durch Bern im Jahr 1536 kam die Seigneurie de l’Isle als mediate Herrschaft (Twingherrschaft) unter die Verwaltung der Vogtei Morges. Besitzer des Schlosses war zu jener Zeit die französische Adelsfamilie Dortans aus Savoyen. 1614 kamen Burg und Herrschaft durch Heirat in die Familie von Esaïe de Chandieu, einem Edelmann aus dem Dauphinois, Kaplan von Henri Quatre von Navarra.

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Blick in den Ehrenhof

Das heutige Schloss geht auf Charles de Chandieu, einen Nachkommen von Esaïe zurück. Charles absolvierte eine glänzende Karriere in der Armee von Ludwig XIV.: Mit 17 Jahren trat er in ein Freikorps ein, avancierte später zum Brigadier, dann Feldmarschall. Er befehligte eines der ältesten Berner Regimenter in französischen Diensten und wurde 1721 vom französischen König zum Generalleutnant ernannt. Nachdem seine Braut, Catherine de Gaudicher, die alten, bescheidenen Gemäuer von L’Isle erstmals zu Gesicht bekam, wollte sie, so überliefert es eine Anekdote, die Verlobung wieder auflösen. „Ce n’est que ça?“ (Ist das alles?) Charles liess sich von einem Neubau überzeugen. Danach schenkte sie ihm 11 Kinder. 1694 liess er vom Hofarchitekten des Königs Ludwig XIV, Jules Hardouin-Mansart, Erbauer von Schloss Versailles und dem Invalidendom, Pläne eines Neubaus zeichnen. 3 Jahre später stand das Schloss fertig da. Wenn sich Frauen etwas in den Kopf setzen….

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Das angerostete Eingangstor mit dem Wappen der Chandieu

Nach dem Zusammenbruch des Ancien régime,  1798, wurde die Herrschaft L’Isle dem Bezirk Cossonay zugeteilt. Das Schloss wurde 1810 verkauft und 1877 von der Gemeinde L’Isle erworben. Es wird heute für die Gemeindeverwaltung und als Schulhaus genutzt.

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Das 1696-98 im Stil des französischen Klassizismus erbaute Schloss besitzt zwei kleine, rechtwinklig zum Hauptgebäude stehende Seitenflügel. Südlich an das Schloss schliesst sich ein Park mit Alleebäumen an, der sich bis zum breiten Wasserbecken der Venoge ausdehnt.

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Brücke über die Venoge in L’Isle

Die Venoge war im 17. Jahrhundert als Teilstrecke des geplanten und kläglich gescheiterten Rhein-Rhone-Kanalprojekts vorgesehen.

Quellen:
L’Isle, Les secrets de son passé, Guy Bise
wiki Chateau de l’Isle