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CH-1890 Saint Maurice: Knochen im Hochburgund

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Vom Genfersee herkommend, fällt als erstes das Schloss auf. Eine mächtige Festung im engen Tal. Seit 1476 die Walliser das savoyische Gebiet bis Saint Maurice eroberten, ist die Stadt Verwaltungssitz des Unterwallis. An der nördlichen Grenze wurde eine Burg zum Grenzschutz erbaut, um der Expansion der Berner Einhalt zu gebieten. Die Burg wurde 1646 mit der Erweiterung der Wohngebäude vollendet, jedoch 1693 bei einem verheerenden Stadtbrand, der auf das Pulverlager der Burg übergriff, teilweise zerstört.

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Saint Maurice beherrscht den Eingang zum oberen Rhônetal an einem der wichtigsten Handelswege, der von Germanien und Gallien über den Pass Mons Jovis (heute: Grosser Sankt Bernhard) nach Oberitalien führt. Der Weg ist auch Teil der via francigena, einem 2000 Jahre alten Strassensystem, das die Pilger von Franken nach Rom zur Grabstätte der Apostel Petrus und Paulus brachte. Das damalige Agaunum war zunächst von Kelten besiedelt, später wurde der Ort von Römern besetzt, die eine Zollstation errichteten (erhoben wurde die quadragesima Galliarum, ein Ein- und Ausfuhrzoll in der Höhe von 2,5% des Warenwertes). Die Talenge wurde durch Militär abgesichert.
Gemäss einer Legende soll hier gegen das Ende des 3. Jahrhunderts Mauritius, der Anführer einer Abteilung der thebäischen Legion mit all seinen Soldaten den Märtyrertod erlitten haben, weil sie sich weigerten, gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. Die Soldaten waren aus dem oberägyptischen Theben zur Verstärkung der kaiserlich-römischen Armee herangeführt worden, um die Gallier zu bekämpfen.

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Saint Maurice: Blick in die Basilika

Theodor von Sitten, der erste Walliser Bischof von Octodurum (Martigny) überführte die Knochen der Märtyrer nach Agaun und liess über dem Massengrab ein Heiligtum errichten. Sigismund -der zum Christentum übergetretene, nachmalige König von Burgund-, gab den Auftrag, über dem Grab der Märtyrer ein Kloster und eine Basilika zu errichten.
Das Kloster Saint-Maurice wurde 515 eingeweiht und entwickelte sich unter Sigismund zur bedeutendsten Abtei im Königreich Burgund. Es gehört zu den ältesten Sakralbauten der Schweiz. Hier wurde die aus Konstantinopel stammende Liturgie des ewigdauernden Lobgesangs erstmals in Westeuropa praktiziert. Für diesen Schichtbetrieb benötigte man eine grosse Anzahl singender Mönche, weshalb Sigismund das Kloster finanziell und personell gut dotierte. Wer sich heutzutage 24 h lang mit ewigdauerndem Singsang berieseln lassen will, hats einfacher: der dreht einfach das Radio an.

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Place du Parvis mit Basilika

Im 9. Jahrhundert ergänzte man den Orts- und Abteinamen Agaun um den Namen von Mauritius zu Saint-Maurice d’Agaune. Im Frühmittelalter existierte in Saint Maurice ein florierender Reliquienhandel (Thebäerknochen gegen Stiftungen) der durch die vorteilhafte Lage des Klosters über dem Massengrab alimentiert wurde. 961 verlegte Otto I.  (der römisch-deutsche Kaiser) die Reliquien des Heiligen Mauritius und einiger Thebäer in den Dom zu Magdeburg, was den Kurswert der Knochen aus Saint Maurice fallen liess.

Nach 1032 kam der Ort unter die Herrschaft der Grafen von Savoyen und erhielt von ihnen im 13. Jahrhundert Freiheitsbriefe. Als die Berner Truppen 1536 tiefer ins Chablais (Südufer des Genfersees) vorstiessen, besetzten die Walliser das linke Rhoneufer bis zum Genfersee und bis Evian. Damit vereitelten die Walliser ein weiteres Vordringen der Berner in savoyische Gebiete. Die Grenzstreitigkeiten wurden erst im Friedensschluss von 1593 beigelegt.

1798 proklamierte sich das Wallis als unabhängig, wurde zunächst Republik, dann ein Teil Frankreichs.  1815 schloss sich das Wallis der Schweizerischen Eidgenossenschaft an. Saint-Maurice wurde Hauptort eines der 13 Distrikte des neuen Kantons Wallis.

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Saint Maurice: Grand Rue

Saint-Maurice beherbergt einen der reichsten Kirchenschätze Europas, zu dem neben kostbaren Schreinen und Reliquien eine von Karl dem Grossen geschenkte Wasserkanne gehört. 2015, zum 1500 Jahr-Jubiläum war der Schatz an den Louvre ausgeliehen, so dass wir Schatz und Kanne nicht besichtigen konnten.

Eben fiel mir wieder ein, warum ich letzten Mai den Bericht zurückgestellt hatte: die Kanne fehlt mir noch zum Glück.

Quellen:
wiki: St. Maurice
Historisches Lexikon der Schweiz: St. Maurice

Vogel Gryff 2016

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mit Sammelbüchse und Klatsche

Alle Jahre wieder: Vogel Gryff. Der höchste Kleinbasler Feiertag. Mit der von Böllerschüssen begleiteten Flossfahrt des Wilden Mannes. Dessen Anlegen am Ufer im Klingental. Wiedersehen mit Leu und Vogel Gryff und danach die rituellen Tänzchen vor schwarzgewandeten Honoratioren und dem Publikum bis spät in die Nacht. Über die Hintergründe dieses Brauchtums habe ich in einem früheren Artikel bereits ausführlich berichtet.
Für einmal entschloss ich mich, zu Hause zu bleiben, und dem Treiben vom Fenster aus zuzusehen. Die kleine Bequemlichkeit darf man sich ja ab und zu gönnen.

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Tanz des Spiels, Vogel Gryff mit neuem Kopf
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Von der Polizei in historische Bobbymützen eskortiert

Indessen dampfte in der Küche die Mehlsuppe (mit reichlich wärmendem Rotwein drin) neben den Faschtewaije vor sich hin.

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Määlsuppe, Faschtewaije

Und kaum war der Spuk vorüber, die Suppe gegessen, hat mir der bequeme Blick von oben hinab doch keine Ruhe gelassen. So richtig drin ist eben nur der, welcher sich in der Menge, auf Augenhöhe, aufhält. Gegen Abend bin ich noch kurz raus. Leider wars dann für vernünftige Bilder schon zu dunkel.

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Spenden für einen guten Zweck
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Der wilde Mann. Die Aepfel im Efeu sind von den Kindern längst weggerissen
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Abendlicher Einzug ins Klingental
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Vogel Gryff in der Menge

CH-4912 Aarwangen: Schloss

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Das Fahri (Ausreise) aus dem letzten Frühling ist lange liegen geblieben,  ging zeitweise vergessen, passt aber zum grünen Winter. Schloss Aarwangen wurde im 13. Jahrhundert durch kyburgische Ministerialadelige (ein Rittergeschlecht, das um sieben Ecken mit dem Hause Habsburg verbandelt war)  zur Sicherung des wichtigen Flussübergangs erbaut. Es liegt am Südufer der Aare bei der Brücke von Aarwangen an der Hauptstrasse von Niederbipp nach Langenthal. Das Schloss blieb bis 1341 im Besitz der Herren von Aarwangen. Nach deren Aussterben fielen Dorf und Herrschaft an die Freiherren von Grünenberg, ebenfalls Ministeriale der Habsburger.

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1384 kam die unweit gelegene, kyburgische Stadt Burgdorf in Folge eines Konflikts zwischen Kyburgern und Bernern in den Besitz der Stadt Bern. Bern zwang die Stadt mit militärischen Mitteln zur Aufgabe, wollte aber den Anschein einer unrechtmässigen Aneignung vermeiden. Durch eidgenössische Vermittlung wechselten Städte und Schlösser von Burgdorf und Thun für die damals horrende Summe von 37’800 Gulden die Hand.
Zielstrebig dehnten die Berner in der Folge ihren Machtbereich nach Osten aus. Nachdem 1415 die Eidgenossen den Habsburgern den Aargau entrissen, kaufte Bern 1432 Schloss und Herrschaft Aarwangen von Wilhelm von Grünenberg. Schloss Aarwangen wurde zur Landvogtei, die bis zum Ende des bernischen Stadtstaates im Frühjahr 1798 bestehen blieb. Bis dahin residierten insgesamt 75 Landvögte im Schloss.

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Schloss Aarwangen war ursprünglich eine Wasserburg unmittelbar am Flussübergang. Die Burg war gegen die östliche Landseite hin offen. Geschützt durch eine hufeisenförmige Ringmauer, Gräben und mehrere Weiher. Dominiert wird die Anlage durch den markanten, frühgotischen Wehrturm mit bis zu 2.5 Meter dicken Mauern aus Bossenquadern. Der unbewohnbare Hauptturm des 13. Jahrhunderts ist neungeschossig. 1624 wurden das oberste Geschoss und die Volutengiebel  zugefügt.

Wohnbauten ummanteln den Turm auf drei Seiten, im Kern sind sie alle mittelalterlich, wurden aber bis ins 20. Jahrhundert mehrfach umgebaut. Der Treppenturm stammt aus dem Jahre 1643.

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Schröckliches weiss die an der Burgmauer befestigte Gedenktafel zu berichten:

“Der halbe theil von dieser Brug ist den 25 July a. 1758 des Morgens umb halb 3 Uhren während der Amtspräfectur des wohl&edelgebohrnen und hochgeehrten Juncker Landvogt Carl Manuel allhier bey grosser Wassergrösse mit hartem krachen Eingesunken.”

Inzwischen führt eine moderne, stark befahrene Betonbrücke, der auch eine “grosse Wassergrösse” nichts ausmacht, über die Aare. Das Schloss steht seit 2012 leer und steht zum Verkauf.

Quellen:
Baugeschichte des Schlosses Aarwangen, Daniel Möri (lesenswert)
wiki Schloss Aarwangen

CH-8260 Stein am Rhein: Dem Ende entgegen

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Obertor

Das Jahresende dräut. Draussen schlagen sich die Leute im Konsumrausch um die letzten Kaviar- und Gänseleberdosen. Reissen sich den (S)champagner zum Aktionspreis unter den Händen weg. Entwerfen Generalstabspläne für 10-Gänger. Hetzen in der Stadt umher auf der Suche nach Bottarga und Fertignudeln.

Wir entfliehen dem Treiben mit einem Ausflug in das so lieblich verpostkartete Städtchen am Hochrhein. Über Stein am Rhein und seine Historie habe ich hier schon berichtet. Die Gassen sind nun leer. Die Touristenbusse verschwunden. Touristen sind immer die andern ;-). Die Einwohner dürfen wieder durchatmen. Länger können die Nächte nicht mehr werden. Die Sonne steht tief, wirft grelles Licht und lange Schatten. Besonders, da der grosse Alexander im Wege steht. Die Kamera wäre besser in der Tasche geblieben.

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Haus zur Sonne “Nachdenklich liegt in seiner Tonne, Diogenes hier an der Sonne” (W. Busch)

Ein kleiner, verschlafener Weihnachtsmarkt versucht mit Karussell, Märchen und Glühwein Stimmung herbeizuzaubern.

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Streng evangelisch und freudlos wirkt dagegen die romanische, ehemalige Stiftskirche des Klosters Sankt Georgen. Wer an Weihnachten Halt sucht, möge sich bitte aufs Karrussel am Rathausplatz setzen.

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Untertor, menschenleer
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Obergass, menschenleer
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Choligass, menschenleer

Das heute im Besitz der Eidgenossenschaft befindliche Kloster Sankt Georgen hat sich mit seinem Museum in den Winterschlaf gelegt.

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Kloster Sankt Georgen, Eingang
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Kloster Sankt Georgen, Sommerrefektorium links und Abtsstube rechts
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Untertordachreiter mit Burg Hohenklingen

Und mit einem Umweg über Iselisberg/Warth wieder Richtung Basel. Zuhause verbarrikadieren wir uns, schieben den schweren Geschirrschrank vor die Eingangstüre, ziehen die Stecker von Telefon und Internet. Weihnachten ist für uns kein Fressfest mehr. Was nicht heisst, dass wir den Kopf in die Bowle hängen lassen.

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Acker ob Iselisberg

Allen Leserinnen und Lesern danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit. Eingeschlossen jene, die sich nur selten oder aus Versehen hieher verirren. Ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr wünscht

Robert

CH-7526 Cinuos-chel: Kein Umweg wert?

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Jeder, der mit der Bahn oder dem Auto von Zernez Richtung Oberengadin fährt, kennt das Ortsschild. Bahn und Umfahrungsstrasse liegen oberhalb der Fraktion, die politisch zu S-chanf gehört: keine 100 Einwohner, ein paar Häuser, eine Strasse, eine Kirche, ein Wirtshaus, ein Kulturverein, ein unbedienter Bahnhof. Ausserhalb des Strassendorfes liegt die Siedlung Chapella mit ihrem Turm und Hospiz. Wiki und das historische Lexikon haken den Ort mit je 5 Zeilen ab. Kein Umweg wert. Ein Grund, sich umzusehen.

Die reformierte Kirche stammt aus dem Jahr 1615. Türe wie üblich verschlossen. Bis 1834 gabs sogar einen eigenen Pfarrer. Eine Handvoll Häuser mit schönen Sgraffiti, die im Spätherbst am Morgen im Schatten liegen.

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Bis 1850 führte die Strasse ins Unterengadin mitten durchs Dorf. Früher war das Dorf Umschlagplatz für den Saumverkehr über den Scalettapass. Heute ist es hier ruhig.

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Sgraffitto-verzierte Vogelhausbefestigung mit Landebahn. Dem Vogelhausdach wurde sogar der untere Teil des Fensterladens geopfert.

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Sage einer, hier gäbe es nichts zu sehen!

CH-3800 Interlaken: Bitte keine Rosen streuen

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Landvogteihaus mit Treppenturm und Spitzgiebel, 1628

Das ehemalige Augustinerchorherrenstift liegt zwischen Brienzer- und Thunersee. Die erste schriftliche Erwähnung geht auf das Jahr 1133 zurück, als Kaiser Lothar III. der Propstei den Status eines Reichsstifts verlieh. 1247 wurde ein Frauenkonvent erwähnt, der aber auch älter sein könnte. Aus einer Urkunde von 1310 geht hervor, dass damals in “Inderlachen” 30 Priester, 20 Laienbrüder und 350 Frauen wohnten.

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Im 13. Jahrhundert gelang es der Propstei, zwei Dutzend Kirchensätze (samt Pfründen) in ihren Besitz zu bringen und sich durch den Erwerb vieler weltlicher Güter als grösste geistliche Grundherrschaft der Region zu etablieren. Ab dem 14. Jahrhundert verfügte die Propstei über eine eigene Schule.

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Reste des ehemaligen Kreuzganges, 1450

Die im Verlauf des 14. Jahrhundert einsetzende Verweltlichung der Propstei zog allmählich den Verfall der klösterlichen Disziplin nach sich. 1472 brach ein Streit zwischen Nonnen und Mönchen aus, der eine Untersuchung des Bischofs von Lausanne nach sich zog. Der Propst wurde inhaftiert und ein Teil der Chorherren durch solche aus anderen Konventen ersetzt. 1484 wurde das Frauenkloster aufgehoben. Laut päpstlicher Bulle  unter anderem „wegen Unordnung und Sittenlosigkeit“.

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Stiftskirche

Im Zuge der Reformation wurde das Kloster am 13. März 1528 an Bern übergeben und damit auch die Güter, die das Kloster im Laufe der Jahrhunderte erworben hatte: Kirchensätze, Alprechte, Rebberge und Fischrechte.

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Landvogteihaus, Aussenseite

Nach der Reformation wurde ein Teil der Propsteigebäude als Amtssitz der Vogteiverwaltung benutzt, ein anderer Teil 1532 als Armenspital eingerichtet. In den Jahren 1562 bis 1563 wurde unter der Regierung Bern der Chor der Kirche in ein Kornhaus und in einen Weinkeller umgebaut. Von 1746 bis 1750 wurde der Westflügel abgebrochen und unter Landvogt Samuel Tillier das Neue Schloss errichtet.

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Neues Schloss, Hinteransicht

CH-3800 Interlaken (2015 11 06_9456)Neues Schloss, Westflügel

Nach der Auflösung der Landvogtei 1798 wurde Interlaken 1803 Sitz des Oberamts und ab 1831 Hauptort des gleichnamigen Amtsbezirks. Hier befinden sich heute eine Reihe von Amtsstellen.

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Dabei wäre es, nach Swiad Gamsachurdia, doch viel besser, Rosen statt Kugeln oder gar Bomben auf seine Feinde zu werfen.

Quellen: Fotos von 2 verschiedenen Besuchen
wiki Kloster Interlaken
Historisches Lexikon der Schweiz

CH-7554 Sent: Barockgiebel und Zuckerwerk

CH-7554 Sent
Kaffeetrinken im Café Benderer in Scuol (im selben Block wie Metzger Hatecke) gehört für uns zu jedem Besuch im Unterengadin. Aufliegende Prospekte lesend realisierte ich, dass sich das Stammhaus des Bäckers eigentlich in Sent befindet. Von Sent war mir einzig der Name des Dorfes geläufig, und dass Katia von Bolliskitchen vor Jahren dort eine Pension empfohlen hatte. Wer spät im Jahr Ferien macht, dem scheint die Sonne abends nicht mehr lange. Die Taghelle reichte aber gerade noch aus, um in das Dorf oberhalb von Scuol zu fahren und sich mit ein paar Schrittchen umzusehen. Für ein andermal.
Sent liegt auf einer Terrasse hoch über dem Unterengadin. Anstelle eines kleinen Bergdorfs fanden wir eine wohlhabende, grosse Siedlung mit Parkhaus. Auffallend sind die verschiedenen Baustile der schönen, teils mit Sgraffiti verzierten Häuser: klassische Engadinerhäuser, neo-klassizistische Palazzi, Häuser mit geschweiften Dachgiebeln. Die “Senter Barockgiebel” gelangten Ende des 18. Jahrhunderts durch Handwerker aus dem Tiroler Inntal ins Engadin und sind ein typisches Merkmal des Dorfes.

Hier das “Chasa Rüedlinger”, ein traditionelles Haus mit Tordurchfahrt in den Heustall. Heute Museum. Die ionischen Kapitelle am linken Bildrand gehören zu einem alten Bauernhaus “Chasa Pitschen”, dem später ein klassizistisches Kleid übergezogen wurde.

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Chasa Tschalär, das Haus  diente als Sitz eines bischöflichen Meiers in Sent, der die Zehnten im Namen des Gotteshausbundes eintrieb. Darauf weist der gemalte Steinbock, das Wappen dieses Bundes, hin.

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Die teils recht “herrschaftlichen” Häuser sind grossenteils von heimgekehrten Emigranten erstellt worden: ausgewanderte Engadiner Geschäftsleute, Cafétiers und Zuckerbäcker, die in der Fremde ihr Geld verdienten und sich für ihre alten Tage einen Ruhesitz in der Heimat erbauten.
Sent verdankt seinen wirtschaftlichen Aufschwung Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts Geld und Einfluss dieser Emigranten, die ihr Brot (und die Butter drauf) meist im nahen Italien verdienten. 1603, noch vor Ausbruch des 30-jährigen Krieges, schlossen die Bündner einen Allianzvertrag mit der Republik Venetien. Als 1630 die Pest in Venedig wütete und einen Drittel der Bevölkerung dahinraffte, waren Arbeitskräfte aus dem benachbarten Graubünden gesucht. Die Bündner genossen in der Lagunenstadt grosse Privilegien. Bald einmal stellten sie in den venezianischen Zünften der Zuckerbäcker, der Branntweindestillateure und der Kaffeesieder die Mehrheit. Dass der Verdienst der Bündner Emigranten ins Ausland floss, war den Behörden der Republik bald ein Dorn im Auge. So kam es während Verhandlungen über den Bau einer neuen Passstrasse zum Bruch zwischen den Bündnern (die den Streit provozierten) und der Serenissima. Die wieder auferblühte Adriastadt kündigte 1764 die Staatsverträge und vertrieb 2 Jahre später die Bündner aus ihrem Gebiet. Hunderte von Vertriebenen verteilten sich über die nächstgelegenen Städte Trieste, Fiume, Lijubliana, Dubrovnik, über ganz Italien und Europa. Die Senter Zuckerbäcker liessen sich vor allem in der Toskana nieder.

Kleine Geschichte am Rande, die mir immer wieder gefällt: 1999 übernahm Peder Benderer von seinem Vater die Bäckerei, wollte den Betrieb umkrempeln, war aber ratlos, wie er das anpacken sollte. Sagte eines Abends seiner Frau, dass er am andern Morgen seine Wanderschuhe schnüren und in mehrwöchiger Reise nach Florenz wandern werde. Dorthin wo Vorfahren aus seinem Heimatdorf vor 200 Jahren als Zuckerbäcker Karriere machten. Gefunden hat er in Florenz keine neuen Rezepte, aber neue Ideen. Zuhause verfeinerte er die traditionellen Rezepte. Erfand neue. So ein Luftwechsel hat was für sich.

Weitere “namenlose” Gebäude in Sent:

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Weintrauben im Wappen, ein wohnliches Haus:

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Sogar die die Pensiun Aldier fand ich noch vor dem Eindunkeln. Leider bis 21. Dezember geschlossen. Wir hätten gerne dort gegessen. Auf runden Tellern. Carlos Gross, Unternehmer und Kunstsammler, verwandelte das ehemalige Hotel Rezia in die schön restaurierte Pensiun Aldier. In den Kellergewölben wird die private Kunstsammlung des Hoteliers gezeigt, die den drei Künstlern (Alberto und Diego Giacometti sowie Ernst Scheidegger) gewidmet ist.

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Dann wurde es immer dusterer. So vieles habe ich in der Eile übersehen oder verpasst. Ein Grund, wieder zurückzukehren.

Quellen:
“Wer leben kann wie ein Hund…”, Zur Geschichte der Bündner Zuckerbäcker in der Fremde, Peter Michael-Caflisch, Geschichte der Alpen, Band 12 (2007).
Gemeinde Sent