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CH-5108 Oberflachs: Schloss Kasteln und seine Therapieziegen

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Schloss Kasteln liegt im Schenkenbergertal im Kanton Aargau, am südlichen Rand des Juras, oberhalb von Schinznach. Umgeben von Weinbergen und Wald. Die um das Jahr 1200 auf einem Felssporn erbaute Burg war zunächst Sitz der Schenken von Kasteln, Dienstherren der Kyburger. Nach dem Aussterben der Kyburger im Jahr 1264 fiel das Gebiet um Oberflachs an die Habsburger. Die Habsburger beauftragten die Schenkenberger, auf einem im obern Teil des Tales gelegenen Höhenzug eine weitere Burg (Burg Schenkenberg) zu bauen, um damit ihre Kerngebiete um Schloss Habsburg und die Stadt Brugg abzusichern. 1311 starben die Schenken von Kasteln aus.

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Burg Kasteln wurde durch die Herren von Mülinen aus dem damals habsburgischen Brugg erworben. Die kleine Herrschaft umfasste die niedere Gerichtsbarkeit in Oberflachs und Schinznach-Dorf.

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Ausblick von der Schlossterrasse nach Oberflachs und Schinznach

1415 wurde der Aargau durch die Eidgenossen erobert und zwischen Bern, Zürich und Luzern aufgeteilt. Das Gebiet links der Aare, darunter auch das Schenkenbergertal, blieb jedoch vorerst unangetastet. Wegen andauernden Streitigkeiten mit der inzwischen bernisch gewordenen Stadt Brugg besetzten die Berner 1460 auch den Landstrich links der Aare. Im obern Teil des Tales wurde die Berner Landvogtei Schenkenberg eingerichtet, welche u.a. die strategisch wichtigen Ämter am Bözberg- und Staffeleggpass umfasste. Burg Schenkenberg war Sitz des Landvogtes. Durch Verachlässigung des Unterhaltes verfiel die Burg im Lauf der Jahrhunderte und der Rat der Stadt Bern beschloss 1720, sie aufzugeben. Der Landvogt musste ins nahe gelegene Schloss Wildenstein bei Veltheim umziehen. Bericht demnächst.
Im untern Teil des Tales blieb die Herrschaft Kastelen bis 1631 im Besitz der Familie von Mülinen. Danach wurde sie vom Berner Patrizier und General  Johann Ludwig von Erlach erworben. Als Söldnerführer in schwedisch-weimarischem, später französischem Dienst erwarb sich dieser ein erkleckliches Vermögen.

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In den Jahren ab 1642 wurde die Burg unter Johann Ludwig von Erlach zu einem repräsentativen Barockschloss umgestaltet. Der Umbau kam viel teurer als geplant und zog sich bis zu seinem Ableben, 1650, hin.

Die Nachfahren Erlachs verkauften Schloss Kastelen 1732 für 90’000 Taler an Bern. Bern schuf daraus eine weitere Landvogtei, indem es die Niedergerichte der Herrschaften Auenstein und Villnachern sowie die bisher zu Schenkenberg gehörende hohe Gerichtsbarkeit an diesen Orten zur Herrschaft Kastelen schlug.

Nach dem Untergang des Ancien Régime gelangte die bernische Staatsdomäne 1803 in den Besitz des neu gegründeten Kantons Aargau, der es 1836 an Private verkaufte. 1855 wurde darin eine „Rettungsanstalt für verwaiste und verwahrloste Zöglinge“ reformierter Konfession eröffnet. 1907 steckte einer der Zöglinge das Schloss und die benachbarte Scheune in Brand. Beide Gebäude erlitten schwere Schäden, und mussten wieder aufgebaut werden; erst 1909 wurde der Anstaltsbetrieb in Kasteln wieder aufgenommen. Die ehemals reiche Innenausstattung des Schlosses war jedoch verloren.

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Therapie-Geissli

Das Schloss wurde 1955 in ein Schulheim für verhaltensauffällige Schüler umgewandelt.  Das gesamte Schloss wurde 2009 innen und aussen umfassend renoviert und den heutigen Bedürfnissen der Sozialpädagogik angepasst. Der zugehörige, verpachtete Bio-Landwirtschaftsbetrieb liefert Fleisch und Gemüse und  u.a. die für den Lehrbetrieb benötigten Ziegen. Das Schlosscafé ist leider nicht öffentlich.

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Der Gutsbetrieb

Mehr über das Schloss und den Hackbraten des Schulheimkochs sowie die Burger-Focaccia des kochenden Tausendsassa Ivo Adam erfährt man, neben unvermeidlicher Reklame für den Sponsor des Filmchens, unter diesem link.

Quellen
wiki: Schloss Kasteln
wiki: Ruine Schenkenberg
Schulheim Kasteln

CH-4450 Sissach: Schloss Ebenrain

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In Sissach, im Kanton Baselland, unweit von Basel steht der Landsitz Ebenrain. Das Barockschloss wurde in den Jahren 1774 bis 1776 für den reichen Basler Seidenbandfabrikanten und -händler Martin Bachofen erbaut. Während rund 200 Jahren war die Herstellung der Seidenbänder (Posamenterei, französisch: „passement“= Zackenlitze“) der wichtigste Erwerbszweig in der Region Basel. Durch den städtischen Zunftzwang in ihrem Wachstum gehemmt, liessen die Basler Seidenbandfabrikanten damals ihre Ware in Heimarbeit für Hungerlöhne in ärmlichen Landgemeinden weben. Das machte die Stadtbasler (natürlich nur wenige) reich. Aus den Seidenbandfabriken und Färbereien entwickelte sich um 1900 die Basler Chemie- und Pharmaindustrie.

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Gusseisern der Kälte trotzend

Zurück zum Schloss: Die zugehörigen spätbarocken Gartenanlagen nördlich und südlich des Gebäudes entwarf der Berner Architekt Niklaus Sprüngli.  Der Landschaftgarten erfuhr anfangs des 19. Jahrhunderts und nach 1872 eine Umgestaltung zum englischen Landschaftspark.

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Die Lindenallee im Süden von Niklaus Sprüngli mit Blick in die Weite

Nach dem Tod des Fabrikanten (1814) verkaufte seine Witwe das Schloss dem Basler Handelsherrn Johann R. Ryhiner. In der Folge wechselte das Schloss durchschnittlich im 10-Jahresrythmus die Hand. Unter den vielen Nachbesitzern sind speziell zu erwähnen der hannoveranische Major Ernst Wilding (Principe di Radoli in Sizilien und Standesherr zu Königsbrück in der Oberlausitz), sowie Albert Hübner, ein elsässischer Textilkaufmann, der den Landsitz ab 1872 innen und aussen zu einer Villa im Stile des französischen Second Empire ausbaute. Nach einem Landkauf vergrösserte er den Park Richtung Osten und versah ihn mit einem Schwanenteich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Landsitz wieder ein wenig „rebarockisiert“.

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Eingang Westseite

1930 gelangte der Landsitz in den Besitz des Basler Kaufmanns Rudolf Staechelin (1881-1946), der das Herrschaftshaus innen und aussen renovierte und darin seine berühmte Sammlung moderner französischer Meister unterbrachte. Er selbst bewohnte die heutige Schlosswartwohnung.

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Schlosswartwohnung und Taubenturm

Nach seinem Tod verkaufte sein Sohn das Schloss 1946 dem Kanton Basel-Landschaft. Dieser benützt seither den Landsitz für temporäre Kunstausstellungen, Konzerte und zu Repräsentationszwecken.

Der dazugehörige Landwirtschaftsbetrieb wurde zu einer Landwirtschaftlichen Schule und einer bäuerlichen Haushaltungsschule ausgebaut. Von 1986 bis 1989 wurde das Schloss erneut saniert.

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Ansicht von Norden

Quellen:
wiki: Schloss Ebenrain
Kanton Baselland: Kunstführer Schloss Ebenrain

CH-4305 Olsberg: Hortus Dei

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Beseits von Rheinfelden hinauß ist ein thälin, dadurch läuft ein wässerlin in Rhein zwischen zwei hohen Bergen und Wälden. Do ist gelegen ein Closter…“ So beginnt der spätmittelalterliche Text „Hunenschlacht und Gründung Olsbergs“ im Buch „Schweizersagen aus dem Aargau“.

Olsberg ist etwa seit dem 8. Jahrhundert besiedelt und wird urkundlich erstmals erwähnt in Zusammenhang mit der Gründung des Zisterzienserinnenklosters Hortus Dei. Ältere Siedlungsspuren aus Jungsteinzeit und der Römerzeit übergehen wir grosszügig.

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Der Hofhund auf Samtpfoten gibt beim Besuch den Parktarif durch

Der nördlich des Violenbach gelegene, grössere Dorfteil, das „Dörfli“, gehörte vom 10. Jahrhundert an zur Grafschaft Rheinfelden (Fricktal) und damit später zu Vorderösterreich. Das Gebiet am südlichen Ufer des Baches, das „Ländli“, war seit dem Frühmittelalter Teil des Sisgaus und fiel 1461 an die Stadt Basel. Die österreichische Herrschaft dauerte nahezu 500 Jahre. 1801 fiel das Fricktal an Frankreich und wurde 1803 dem damals neu gegründeten Kanton Aargau zugeteilt. Noch heute trennt der Violenbach in dieser Gegend die Kantone Aargau und Baselland.

Das Zisterzienserinnenkloster Olsberg ist das älteste Frauenkloster des Ordens in der Schweiz. Die Gründung erfolgte kurz vor 1234. Danach durchlebte das Kloster eine wechselvolle Geschichte. Eine erste Blütezeit währte rund zwei Jahrhunderte. Durch Legate und Zukäufe wurde ein umfangreicher Streubesitz von Äckern und Rebbergen im heutigen Baselland, im Elsass und südbadischen Raum akkumuliert. In den Städten Rheinfelden und Basel besass das Kloster diverse Liegenschaften.

Olsperg-Hof Basel
ehemaliger Olsperg-Hof Basel

1427 brannte das Kloster nieder. Kirche und Kloster wurden zwar wieder aufgebaut, damit konnte der Niedergang des Klosters aber nicht mehr aufgehalten werden. Dass es für den Adel finanziell günstiger war, Töchter im Kloster unterzubringen als diese zu verheiraten, mag für den Verfall der Sitten eine Rolle gespielt haben. Im Verlauf der Reformation verliessen die meisten Nonnen das Kloster. Im Bauernaufstand von 1525 wurde die Anlage überfallen und geplündert und blieb bis 1558 verwaist. Die Geschäfte wurden durch einen Schaffner des Mutterklosters St. Urban übernommen.
Mit Katharina von Hersberg beauftragte die vorderösterreichische Regierung eine junge Äbtissin, die Frauenzisterze innen und aussen zu reformieren. Aussen wurde viel erbaut und erneuert. Im Innern änderte sich wenig. Dafür war die Dame kulinarischen Genüssen allzusehr verfallen.

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Ritterhaus

Im 30-jährigen Krieg wurde das Kloster zweimal überfallen und verwüstet. Danach erfolgten tiefgreifende Um- und Neubauten an der Klosteranlage. Ab 1670 bis 1757 erhielt die Klosteranlage das heutige barocke Erscheinungsbild. Die Prachtentfaltung nach aussen vermochte die innere Krise nicht zu überdecken. Die Lage hart an der Staatsgrenze zur Eidgenossenschaft führte häufig zu Schwierigkeiten, lag doch die wirtschaftliche Grundlage des Klosters zur Hauptsache ennet dem Violenbach in der alten Eidgenossenschaft.

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Stolz wie ein spanischer Habsburger

Die weltliche Aufsicht oblag den Habsburgern bis ins Jahr 1803. Die Zisterzienser-Abtei in Lützel hatte bis 1748 die kirchliche Aufsicht inne, musste diese Aufgabe später an andere Zisterzienserklöster abgeben. Schliesslich führten innerklösterliche Querelen und Streitereien zur Aufhebung des Klosters. Der österreichische Kaiser Leopold II. wandelte 1790 das Kloster Olsberg in ein weltliches, adeliges Damenstift um. 1802/3 wurde das Kloster säkularisiert, die Nonnen pensioniert und die Stiftsgüter durch den neu entstandenen Kanton Aargau zum Staatsbesitz erklärt.

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Das Institut für adelige Töchter wurde 1835 geschlossen. Der Kanton verlangte die Aufnahme von Schülerinnen ohne Ansehen ihrer Herkunft, was das Institut finanziell überforderte. 1846 übernahm die Pestalozzistiftung die Klosterräume und führte eine „Zöglingsanstalt“ für verwahrloste und verwaiste Knaben, die 1860 vom Kanton übernommen wurde. Inzwischen ist daraus ein modernes Erziehungsheim für lernschwahe Kinder geworden. Die gesamte Anlage wurde durch den Kanton Aargau zwischen 1972 und 1995 umfassend renoviert.

Und zum Schluss ein Sonntags-Zückerchen: Alljährlich findet auf Initiative der bekannten Cellistin Sol Gambetta (die in Olsberg ihren Wohnsitz hat) in der Klosterkirche Olsberg ein Kammermusikfestival (SOLsberg-festival) statt. Hieraus ein sehenswerter Ausschnitt über die Variationen von „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts Zauberflöte, von L. v. Beethoven.

Quellen:

Schweizersagen aus dem Aargau, Rochholz, Verlag Sauerländer, 1860
Gemeinde Olsberg
Kloster Olsberg

CH-3456 Trachselwald: Schloss

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Im oberen Emmental, hinter Sumiswald, steht auf einem Geländesporn Schloss Trachselwald, Wahrzeichen des Emmentals. Die einzige Burg, die oberhalb von Burgdorf im Emmental noch erhalten ist. Erbaut im 13. Jahrhundert als ehemalige Reichsburg, gehörte sie bis 1408 den Freiherren von Trachselwald, dann denen von Rüti, schliesslich den Freiherren von Sumiswald, die mit den Grafen von Neu-Kiburg liiert waren. Im Burgdorferkrieg von 1383 bis 1384, einem Konflikt zwischen der Stadt Bern und den Neu-Kiburgern um die Vormacht in der Landgrafschaft Burgund, musste Burkhard von Sumiswald das Schloss Trachselwald den bernischen Belagerern übergeben. 1408 verkaufte er die Herrschaft Trachselwald samt Schloss an die Stadt Bern, die es zum Zentrum ihrer Landvogtei machte, und damit erstmals im Emmental hinter Burgdorf Fuss fasste.

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Wehrgang der Umfassungsmauer

Nach der Reformation 1528 wurde die Landvogtei um den grössten Teil des Besitzes des aufgehobenen Klosters Trub erweitert. Bis 1798 verwalteten 71 Landvögte die Herrschaft Trachselwald.
Während des Schweizer Bauernkrieges wurde das Schloss militärisch zur Festung ausgebaut. In ihm wurde kurzzeitig auch der im Juni 1653 verhaftete Bauernführer Niklaus Leuenberger gefangen gehalten, bis er in Bern enthauptet und gevierteilt wurde. 1798 plünderte die Bevölkerung das Schloss. Seine heutige Gestalt erhielt das Schloss durch eine umfassende Erneuerung in den Jahren 1954 bis 1956.

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Palas mit Treppenturm von 1641

Die ältesten Teile von Schloss Trachselwald, Bergfried und die hofseitige Hälfte des Palas stammen aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts und prägen noch heute das Erscheinungsbild der Burg. Die ringsum erhaltene ellipsenförmige Ringmauer umschliesst von allen Seiten das Schloss und bildet damit eine der intaktesten mittelalterlichen Burganlagen der Schweiz. Das Schloss wurde bis ins 20. Jahrhundert auch als Gefängnis benutzt.

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Komfortable Zweierzelle aus neuerer Zeit. Weiter oben im Turm wurden Renitente angekettet.

Der Bergfried enthält mehrere Gefangenenzellen, sogenannte „Mörderkästen“, in denen die Obrigkeit missliebige Bürger, vor allem die aufmüpfigen Mitglieder der Täufersekten, die eine Erneuerung des Glaubens forderten, bei Wasser, Brot und Folter schmachten liess.

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Stotzige Turmtreppe, nichts für mich

Die Schweizer Täufer haben ihren Ursprung in der Zürcher Reformation. In ihrem Glaubensbekenntnis postulierten sie neben der Erwachsenentaufe die Gründung obrigkeitsunabhängiger Kirchgemeinden unter Absonderung vom bürgerlichen Leben. Das schloss die Verweigerung der Übernahme öffentlicher Aemter, Kriegsdienst und Eidleistungen auf den Staat mit ein. Damit zogen sie sich nach der Reformation den heiligen Zorn der Berner Obrigkeit zu, die mit ihrer reformierten Staatskirche die Täufer in regelrechten Hetzjagden 1529-1571 auszumerzen suchte. Die Täufer wurden von der ländlichen „rechtgläubigen“ Bauernschaft wegen ihres gottesfürchtigen Fleisses geschätzt und oft auch versteckt. Damals wurden Hunderte von Täufern gefangengesetzt, an rund 40 Täufern wurde die Todesstrafe vollzogen, viele starben im Gefängnissen, auf der Flucht oder wurden als Galeerensklaven an die Republik Venedig verschachert, wo sie, an Ruderbänke angekettet, meist an Entkräftung starben. Nach der Niederschlagung des Bauernkriegs 1653 wurden die repressiven Massnahmen verstärkt. Die Täufer wurden enteignet, verbannt oder flohen ins Elsass, in die Niederlande und in die Pfalz. Nachdem Ludwig XIV. 1712 die Täufer aus dem Elsass ausgewiesen hatte, fanden die Emigranten Zuflucht im Gebiet des Fürstbistums Basel, auf den unwirtlichen Höhen des heutigen Kanton Jura, später auch jenseits des Atlantiks in Pennsylvania, Ohio, Indiana und Ontario. Dort gründeten sie Täufergemeinden (Mennoniten, Amish) und führen heute noch ein seltsam weltabgewandtes Leben.

Das Schloss ist noch zu haben.  Falls genug Geld zusammenkommt, soll ein Seminarhotel eingebaut und der Geschichte der Täufer Platz eingeräumt werden. Schlosshof, Wehrgang und der Bergfried sind weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich.

Quellen:
wiki Schloss Trachselwald, Geschichte des bernischen Täufertums
mennonitica: Daten zur Geschichte des bernischen Täufertums

CH-3082 Schlosswil: Schloss Wyl

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Endlich wieder einmal Ausreisewetter, genau einen Tag lang. Einfaches Mittagessen bei Werni Schürch im Emmenhof in Burgdorf.
Auf einem Moränenwall zwischen Worb und Grosshöchstetten steht der alte Bergfried der Burg Wyl, der vermutlich von den Nobiles de Vilare errichtet wurde, dynastischen Freiherren, die sich -nach dem Zerfall von Hochburgund in mehr oder weniger souveräne Grafschaften- die Wyler Herrschaft aneigneten. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts zersplitterten sich Herrschaftsrechte und Gebäudeanteile, bis 1514 Burkhard von Erlach die Teile wieder vereinigte. Nach einem Brand im Jahre 1546 liess der damalige Besitzer, Niklaus von Wattenwyl, rund um den Turm einen Bau mit breiter Querfront aufführen sowie eine Ringmauer mit Ecktürmen.

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Nach weiteren Handwechseln gelangte das Gut 1719 in den Besitz der Familie Frisching. Ein Nachkomme erbaute den schönen Haupteingang. und liess den französischen Landschaftspark mit Weiher, Springbrunnen und Baumallee anlegen. 1780 wurde die Hauptfassade barockisiert.

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Mit dem Untergang der Stadt und Republik Bern 1798 gingen die Herrschaftsrechte der Patrizier an den Kanton Bern. Nach 1800 diente der Bergfried mit seinen Verliesen lange Zeit als Kornspeicher. 1831 wurde das stattliche Schloss Sitz des Regierungsstatthalters für das Amt Konolfingen, das Wappenschild über dem Eingang enthält die Wappen der Gemeinden und des letzten Feudalherren G. von Frisching.

2011 wurde das Schloss im Rahmen der kantonalen Verwaltungsreform an den Medienunternehmer Matthias Steinmann verkauft. Mit dem Kauf musste sich dieser wider Willen verpflichten, eine Stiftung zu gründen, die einen Teil des Schlosses und der Parkanlage der Öffentlichkeit für verschiedene Zwecke zur Verfügung stellt.

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„Anders als in einem Einfamilienhaus hat man hier nie richtig den Eindruck, das Haus gehöre einem. Umgekehrt schon eher. In einem historischen Haus ist man nur ein Funktionsglied in einer Kette: Es waren vor einem schon viele da, und wenn es nicht abbrennt, werden nach einem noch viele da sein.“ (Matthias Steinmann)

Oder kürzer:
Es ist alles nur geliehen, das Leben, der Wein und das Geld
(Hansi Hinterseer)

Quellen:
wiki: Schloss Wyl
Wolf Maync: Bernische Wohnschlösser. Ihre Besitzergeschichte. Bern 1980.

Eingenebelt

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Fasnachtsferien im Jurahäuschen. Ein paar Tage off-line. Schönstes Jurawetter: kalt, neblig, unwirtlich. Wetter unser. Dazu endlich der langersehnte Schnee, der uns in der Stadt heuer völlig vorenthalten wurde. Während der Holzofen glüht, stapfe ich alleine eine Runde ums Haus.

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Die Welt mit ihren überflüssigen Erfindungen wie Smartphones und facebook kann uns mal….. Hier gelten andere Regeln.

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Keine Skilifte, keine Langlaufpisten, keine gepfadeten Wege, keine Menschenseele.

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Über allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Gefilden
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch (J.W.v.G)

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Erstarrte Natur. Die wird wieder erwachen.

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Fest der Farben inmitten von Stille und Monochromie.

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Schatten und Schemen aus dem Diesseits.

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Links gehts zu unserem Häuschen😉

Eigentlich wollten wir von hier aus unseren alljährlichen Ausflug an den Genfersee machen. Malakoffs (Käsebeignets) essen. Wie jedes Jahr. Und endlich mal den Bericht über die Ölmühle in Sévery fertigstellen. Bei dem Dauernebel ein unsinniges Vorhaben. Wir blieben an der Wärme. Durch den Ausfall der ausserhäusig geplanten Mahlzeit fehlte mir jedoch eine Mittagsmahlzeit. Hungern? Mein Vorschlag, die mitgebrachte Schokolade zu teilen, mochte Frau L. nicht zu begeistern. So kamen wir zu einer Première: ein Mittagessen bei Georges Wenger im unweit gelegenen Le Noirmont (2 Michelinsterne, 18 GM). Es hätte ja nicht gerade das Trüffelmenu zu sein brauchen, aber wenn schon, dann richtig. Und wir habens nicht bereut. Die Welt mit ihren überflüssigen Erfindungen wie [siehe oben] Kreditkartenterminals ist zuweilen ganz praktisch. Weil wir die Périgordtrüffel brav aufgegessen hatten, schien am vierten Tag die Sonne.

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CH-1890 Saint Maurice: Knochen im Hochburgund

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Vom Genfersee herkommend, fällt als erstes das Schloss auf. Eine mächtige Festung im engen Tal. Seit 1476 die Walliser das savoyische Gebiet bis Saint Maurice eroberten, ist die Stadt Verwaltungssitz des Unterwallis. An der nördlichen Grenze wurde eine Burg zum Grenzschutz erbaut, um der Expansion der Berner Einhalt zu gebieten. Die Burg wurde 1646 mit der Erweiterung der Wohngebäude vollendet, jedoch 1693 bei einem verheerenden Stadtbrand, der auf das Pulverlager der Burg übergriff, teilweise zerstört.

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Saint Maurice beherrscht den Eingang zum oberen Rhônetal an einem der wichtigsten Handelswege, der von Germanien und Gallien über den Pass Mons Jovis (heute: Grosser Sankt Bernhard) nach Oberitalien führt. Der Weg ist auch Teil der via francigena, einem 2000 Jahre alten Strassensystem, das die Pilger von Franken nach Rom zur Grabstätte der Apostel Petrus und Paulus brachte. Das damalige Agaunum war zunächst von Kelten besiedelt, später wurde der Ort von Römern besetzt, die eine Zollstation errichteten (erhoben wurde die quadragesima Galliarum, ein Ein- und Ausfuhrzoll in der Höhe von 2,5% des Warenwertes). Die Talenge wurde durch Militär abgesichert.
Gemäss einer Legende soll hier gegen das Ende des 3. Jahrhunderts Mauritius, der Anführer einer Abteilung der thebäischen Legion mit all seinen Soldaten den Märtyrertod erlitten haben, weil sie sich weigerten, gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. Die Soldaten waren aus dem oberägyptischen Theben zur Verstärkung der kaiserlich-römischen Armee herangeführt worden, um die Gallier zu bekämpfen.

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Saint Maurice: Blick in die Basilika

Theodor von Sitten, der erste Walliser Bischof von Octodurum (Martigny) überführte die Knochen der Märtyrer nach Agaun und liess über dem Massengrab ein Heiligtum errichten. Sigismund -der zum Christentum übergetretene, nachmalige König von Burgund-, gab den Auftrag, über dem Grab der Märtyrer ein Kloster und eine Basilika zu errichten.
Das Kloster Saint-Maurice wurde 515 eingeweiht und entwickelte sich unter Sigismund zur bedeutendsten Abtei im Königreich Burgund. Es gehört zu den ältesten Sakralbauten der Schweiz. Hier wurde die aus Konstantinopel stammende Liturgie des ewigdauernden Lobgesangs erstmals in Westeuropa praktiziert. Für diesen Schichtbetrieb benötigte man eine grosse Anzahl singender Mönche, weshalb Sigismund das Kloster finanziell und personell gut dotierte. Wer sich heutzutage 24 h lang mit ewigdauerndem Singsang berieseln lassen will, hats einfacher: der dreht einfach das Radio an.

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Place du Parvis mit Basilika

Im 9. Jahrhundert ergänzte man den Orts- und Abteinamen Agaun um den Namen von Mauritius zu Saint-Maurice d’Agaune. Im Frühmittelalter existierte in Saint Maurice ein florierender Reliquienhandel (Thebäerknochen gegen Stiftungen) der durch die vorteilhafte Lage des Klosters über dem Massengrab alimentiert wurde. 961 verlegte Otto I.  (der römisch-deutsche Kaiser) die Reliquien des Heiligen Mauritius und einiger Thebäer in den Dom zu Magdeburg, was den Kurswert der Knochen aus Saint Maurice fallen liess.

Nach 1032 kam der Ort unter die Herrschaft der Grafen von Savoyen und erhielt von ihnen im 13. Jahrhundert Freiheitsbriefe. Als die Berner Truppen 1536 tiefer ins Chablais (Südufer des Genfersees) vorstiessen, besetzten die Walliser das linke Rhoneufer bis zum Genfersee und bis Evian. Damit vereitelten die Walliser ein weiteres Vordringen der Berner in savoyische Gebiete. Die Grenzstreitigkeiten wurden erst im Friedensschluss von 1593 beigelegt.

1798 proklamierte sich das Wallis als unabhängig, wurde zunächst Republik, dann ein Teil Frankreichs.  1815 schloss sich das Wallis der Schweizerischen Eidgenossenschaft an. Saint-Maurice wurde Hauptort eines der 13 Distrikte des neuen Kantons Wallis.

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Saint Maurice: Grand Rue

Saint-Maurice beherbergt einen der reichsten Kirchenschätze Europas, zu dem neben kostbaren Schreinen und Reliquien eine von Karl dem Grossen geschenkte Wasserkanne gehört. 2015, zum 1500 Jahr-Jubiläum war der Schatz an den Louvre ausgeliehen, so dass wir Schatz und Kanne nicht besichtigen konnten.

Eben fiel mir wieder ein, warum ich letzten Mai den Bericht zurückgestellt hatte: die Kanne fehlt mir noch zum Glück.

Quellen:
wiki: St. Maurice
Historisches Lexikon der Schweiz: St. Maurice